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YDEGIRL
 
Träume aus dem Moor
Ydegirl
Wer im Web nach dem Begriff "Ydegirl" googelt, der wird vermutlich zunächst auf das "Mädchen von Yde" aufmerksam werden - die Moorleiche eines Mädchens, die 1897 im holländischen Ort Yde in der Provinz Drehnte beim Torfstechen aufgefunden wurde. Das vermutlich aus rituellen Gründen getötete und dann im Moor versenkte Ydegirl wurde dadurch bekannt, dass ihr Körper so gut konserviert wurde, dass sogar ihr Haar und ihre Kleidung erhalten blieb und ihr Gesicht mittels 3D-Scan rekonstruiert werden konnte. Ydegirl ist aber auch das musikalische Alter Ego, unter dem die dänische Musikerin Andrea Novel nun ihr selbst betiteltes Debüt-Album veröffentlicht. Auf diesem Werk verquickt Andrea dann auf der musikalischen Seite Elemente aus R'n'B, HipHop, Indie-Pop auf der einen Seite und klassischer Instrumentierung mit Streicher-Instrumenten und allerlei Blasinstrumenten in Kombination mit ihrem sich hypnotisch ins Unterbewusstsein schleichenden Sprechgesang auf der anderen zu einem ungewöhnlichen, einzigartigen Soundmix, den sie selbst als "Nordic Baroque" bezeichnet und der nicht so ganz von dieser Welt zu sein scheint.
Noch abenteuerlicher wird es, wenn es um die zwischen Zeit und Raum wabernden inhaltlichen Referenzen geht, denn Andrea sieht sich - jedenfalls teilweise - als Inkarnation von Ydegirl, ist aber auch offen für allerlei philosophische, historische, spirituelle, esoterische, traumwandlerische und poetische Charaktere und Szenarien. Das Rätselraten um das Ydegirl-Enigma beginnt zum Beispiel ganz banal, indem Ydegirl (in dem Fall Andrea - nicht die Moorleiche) in ihrer Bio als Produzentin ausgewiesen wird - während sie doch eigentlich als Musikerin und Performerin reüssieren möchte. Kurz gefragt: Wie sieht sie sich denn selber? "Also ich würde mich nicht zuallererst als Produzentin bezeichnen - obwohl ich auch produziere", schränkt Andrea ein, "ich würde eher sagen, dass ich zunächst eine Songwriterin bin. Und eine Komponistin. Da ich auch mit anderen Produzenten arbeiten möchte - obwohl ich selbst auch produziere -, steht das nicht im Vordergrund, obwohl es schon erwähnt werden solle." Das zeigt bereits, dass das Projekt Ydegirl auch auf der technischen Seite nicht linear zu greifen sein wird. "Ich habe schon als Teenagerin angefangen Songs zu schreiben - mehr in der Richtung klassischer Songwriter -, aber Ydegirl war das erste Projekt, mit dem ich mich dann selbst produziert habe", ergänzt Andrea. Kommen wir mal zum eigentlichen Thema - dem Mädchen von Yde. Warum nennt Andrea ihr Projekt Ydegirl? Sie scheint das Thema ja schon sehr verinnerlicht zu haben, denn selbst auf ihren offiziellen Pressefotos ist Andreas Gesicht mit Moorschlamm bedeckt. "Ich mag generell alte Sachen", schmunzelt Andrea, "das fasziniert mich sehr. Aber ich mag auch Sachen aus der Zukunft - sofern ich sie sehen kann. Die Sachen, die ich mag, passen nicht in ein Zeitformat. Ich denke, das hängt damit zusammen, dass ich dieses Gefühl habe, die Sachen von außen zu betrachten." Moment mal - was bedeutet denn das? Geht es dabei zum Beispiel um das sogenannte aufheben des Zeitgefühls - die "Suspension Of Time" -, die ja gerne Bob Dylan zugeschrieben wird? "Ich denke schon", meint Andrea. Nun gut - wovon singt sie denn dann in ihren Texten? "Ich denke, die Perspektive ändert sich da oft", zögert sie, "manchmal sogar innerhalb eines Songs. Manchmal singe ich von meiner eigenen, privaten Warte. Manchmal aber auch aus der Perspektive von Ydegirl, der Moorleiche. Oder aber ich singe aus der Warte von anderen historischen Figuren." Und woher kommen diese anderen Figuren? "Überall her", meint Andrea, "ich bin auch sehr fasziniert von Joana Inèz de la Cruz. Sie war eine mexikanische Schriftstellerin und Poetin, Feministin und Komponistin aus der Zeit des Barock während des Kolonialismus. Mit ihr muss ich allerdings vorsichtig sein, denn es ist nicht so ganz einfach, ihre Identität anzuzapfen, denn die ist doch recht entfernt von meiner eigenen. Es ist mir aber wichtig, mehr von Menschen aus einer so entfernten Zeit zu erfahren. Und dann gibt es noch Raina - das Mädchen aus den Ring-Filmen, die aus den Bildschirmen steigt. Ich habe die Ring-Filme gar nicht gesehen, aber ich war von dieser Figur fasziniert. Vielleicht freundet sich Ydegirl ja mit ihr an? Wer weiß."

Wie schreibt man denn Texte wie jene, die schließlich in Ydegirls Musik auftauchen? "Manchmal laufe ich mehrere Tage mit einer Idee im Kopf herum, die sich dann langsam zu einer Szene herauskristallisiert. Zur Zeit schreibe ich zum Beispiel oft von Dingen, die in Höhlen oder zwischen Felsen stattfinden. Es ist alles wie im Kino in meinem Kopf. Ich weiß gar nicht, ob sich diese Szenarien dann dem Zuhörer vermitteln. Ich schreibe oft einen langen, langen Text - sogar ohne Strophen - und manchmal springen dann bestimmte Worte oder Phrasen heraus, auf denen ich dann herumreite. Oder manchmal sind es Melodien oder Akkorde, mit denen ich herumexperimentiere." Geht es Andrea dann vielleicht darum, bestimmte Aspekte aus ihrem Material herauszukristallisieren, oder anders herum, das Material auf bestimmte Aspekte zu reduzieren? "Mir geht es um den Effekt, den ein bestimmter Bestandteil im Zusammenhang mit dem Rest hat", beschreibt Andrea den Prozess, "ich mag dann die Idee, dass du zwar alles hörst - dich aber für ein bestimmtes Element entscheiden und dich darauf konzentrieren kannst. Dazu gehört auch, dass die Stille eine starke Wirkung und einen starken Effekt haben kann." Stille wie in Pause? "Ja, genau", bestätigt sie, "Stille und Pausen sind Teil der Komposition. Was ich immer selbst mag, wenn ich Musik höre, ist nämlich, wenn ein bestimmtes Element meine Aufmerksamkeit erregt und mich fasziniert."
Wovon lässt sich Andrea dann inspirieren? "Von der Situation", erklärt sie, "ich schreibe oft morgens, wenn ich aufwache - weil ich fühle, dass meine Ohren dann ganz weich und offen sind", berichtet Andrea, "eigentlich mag ich den Morgen gar nicht, denn ich mag es nicht, aufzuwachen. Deswegen denke ich, dass das für mich die beste Möglichkeit ist, mich gleich in die Arbeit zu stürzen." Gutes Stichwort: Welche Rolle spielen denn dabei die Träume, die Andrea vor dem Aufwachen hatte? "Oh die sind sehr wichtig", führt sie aus, "oft kommen die Ideen für meine Szenarien aus den Träumen. Ich träume sehr viel und ich habe sehr lebhafte Träume. Ich sehe Träume als Teil meines Lebens. Ein Traum ist für mich genauso real wie etwas, was ich im wachen Zustand erlebe. Heute Nacht träumte ich zum Beispiel, dass ich drei Mal ermordet worden bin - es mir dann aber gelang, in den Wald zu entfliehen. Ich denke aber, das hing damit zusammen, dass du mir ja die Themen genannt hattest, über die du mit mir sprechen wolltest - und da war ja auch das Thema Tod dabei." Ganz genau - und zwar deshalb, weil das Thema Tod in den Ydegirl-Texten ja immer wieder zum Tragen kommt. "Nun ja - das Thema hat natürlich viel mit Ydegirl zu tun", räumt Andrea ein, "es geht dabei auch eher um den Bereich zwischen Leben und Tod - dieses Limbo. Und ehrlich gesagt spreche ich ja auch gar nicht wirklich über den tatsächlichen Tod, sondern eher über Depressionen und Ängste."

Was hört sich denn Ydegirl selbst zur Unterhaltung an? "Ich höre mir so viele Musik an", gesteht sie, "momentan bin ich ganz besessen von den Deftones. Ich mag, wie sie ihre Energie in den Refrains zum Ausdruck bringen und diese dann in den Strophen wieder eingesaugt wird. Als Inspirationen würde ich aber eher Destiny's Child und viel R'n'B sehen. Ich liebe auch Sting - und weiß gar nicht warum, denn ich denke, er ist als Person ziemlich nervig, aber ich mag sein Songwriting und seine keltischen Elemente. Und Igor ich mag Stravinsky. Ich tanze gerne zu Stravinsky und liebe seine cinematische Musik und seine Instrumentation - weil er bestimmte Blasinstrumente einsetzt, wie die Oboe und andere Holzbläser, die andere nicht so sehr betonen. Und ich mag Stravinsky deswegen, weil ich als sechsjähriges Kind den Fantasia-Film von Disney gesehen habe, den ich sehr liebe. Da ist mir erstmals aufgefallen, wie sehr Klänge und Bilder miteinander verwoben werden können." Das ist ja auch eine Parallele zu Ydegirls Musik. In den Videos erwachen zum Beispiel die Traumwelten, aus denen Ydegirl ihre Musik extrahiert, zum Leben. "Ja, das ist mir sehr wichtig", bestätigt Andrea, "die Musik ist die treibende Kraft für mich, aber die visuellen Aspekte sind mir auch sehr wichtig. Die Weise, auf die ich Musik mache, ist mich auf die Struktur zu konzentrieren. Mir ist gar nicht bewusst, welche Akkorde ich spiele - es kommt alles aus der Intuition und die ist visuell."
Ydegirls Musik schleicht sich auf diese Weise ins Unterbewusstsein. "Oha - ich wusste nicht, dass sie diesen Effekt haben könnte", meint Andrea, "das ist aber ein interessanter Aspekt. Für mich ist es immer schwierig zu bestimmen oder zu sehen, wenn ein Song, den ich angefangen habe, fertig ist." Vielleicht hängt das ja damit zusammen? "Na ja - mein Verstand ist ziemlich hyper", gesteht Andrea, "es ist immer viel los. Ich schreibe ständig irgendwelche Texte auf und spiele mit meiner Musik herum. Wenn ich keine Lust habe zu üben, dann spiele ich einfach herum und manchmal ergeben sich daraus neue Songs. Manchmal vergesse ich es aber auch wieder und manchmal finde ich etwas nicht wieder. Es gibt dabei etwas, was ich suche, aber noch nicht gefunden habe. Ich bin aber geduldig und warte bis ich es finde. Ich warte ab. Das ist insofern witzig, als dass ich eigentlich eine ziemlich ungeduldige Person sind. Und das ist der Grund, warum Musik für mich gut ist, denn damit kann ich meine Geduld üben und es hat mich zu einer besseren Person gemacht. Musik beruhigt mich einfach." Und damit vielleicht auch Ydegirl. Und Juana Inéz de la Cruz. Und Raina.
Weitere Infos:
ydegirl.bandcamp.com
www.facebook.com/ydegirl
smashbangpow.dk/ydegirl
www.youtube.com/watch?v=6nlZuVMfyaQ
www.instagram.com/ydegirl
Interview: -Ullrich Maurer-
Foto: -Luke Abby-
Ydegirl
Aktueller Tonträger:
Ydegirl
(Escho)
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