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LA LUZ
 
Auf der Suche nach dem Geheimnisvollen
La Luz
Zugegeben, eigentlich ist immer Vorsicht geboten, wenn eine Band, die schon einige Runden um den Block gedreht hat, ein selbstbetiteltes Album veröffentlicht. Bei La Luz ergibt dieser Schritt aber dennoch Sinn, denn vier Jahre nach der Veröffentlichung ihrer letzten Glanztat, "Floating Features", hat nicht nur die Pandemie vieles für die brillante amerikanische Psychedelic-Surf-Rock-Band verändert. Ohne Schlagzeugerin Marian Li Pino, dafür aber mit neuer Entschlossenheit und facettenreich wie nie stellen Gitarristin Shana Cleveland, Keyboarderin Alice Sandahl und Bassistin Lena Simon auf ihrem feinen vierten Album ihre enge Verbundenheit und ihr nach fast zehn gemeinsamen Jahren blindes musikalisches Verständnis in den Mittelpunkt. Damit erfindet sich das Trio zwar nicht vollkommen neu, verlässt aber dennoch die ausgetrampelten Pfade. Gemeinsam mit dem zuvor vor allem in HipHop- und Soul-Kreisen tätigen Adrian Younge, der als Produzent mehr im Sinn hatte, als nur den Live-Sound der Band im Studio einzufangen, fahren La Luz den elektrisierenden Surf-Trash-Faktor ihrer Vorgängerwerke nun ein Stück weit zurück und widmen sich stattdessen einem spürbar vielschichtigeren, psychedelisch umspülten und oft wunderbar intimen Sounddesign. Das neue Album zeugt so von der ungebrochenen Liebe der drei Musikerinnen für die späten 60er-Jahre, wenn sie sich mit verschleierten Retro-Balladen wie "Lazy Eyes And Dune", "Here On Earth" oder "Oh Blue" im Dunstkreis des nicht ganz zufällig auch selbstbetitelten dritten Albums von The Velvet Underground bewegen, dennoch gelingt es ihnen auch, sich mit Arrangements, die verspielt, organisch und überraschend zugleich sind, klaren Genreabgrenzungen kunstvoll zu entziehen. Im Gaesteliste.de-Interview erklärt Sängerin, Gitarristin und Songwriterin Shana Cleveland, wie es dazu kam.
GL.de: Shana, in der Vergangenheit hast du betont, dass du keine Perfektionistin bist und kurze Sessions bevorzugst. Die neue Platte klingt nun so, als hättet ihr dieses Mal deutlich mehr Wert auf Details und das Experimentieren gelegt?

Shana Cleveland: Ja! Das ist der Grund, warum ich unsere Platten nicht selbst produziere. Sie würden sich alle wie eine Live-Aufnahme anhören (lacht). Das ursprüngliche Tracking hat nicht lange gedauert, weil wir immer richtig gut vorbereitet zu den Aufnahmen kommen. Wir proben ausgiebig, bevor wir ins Studio gehen, und sind dabei sehr gewissenhaft, weil wir den bestmöglichen Job machen wollen. Die ursprünglichen Aufnahmen für Gitarren, Bass, Keyboards und Schlagzeug sind in nur zwei Tagen entstanden, aber dann haben wir noch eine ganze Woche darauf verwendet, der Basis noch alles Mögliche hinzuzufügen. Das hatte viel mit dem unglaublichen Studio zu tun, das Adrian sich aufgebaut hat, und den Massen an analogen Instrumenten und coolen Effekten, die uns dort zur Verfügung standen. Wir haben schlichtweg viel Zeit damit verbracht, all die Möglichkeiten zu entdecken, die sich uns dort offenbarten.

GL.de: Die plötzliche Freude am Entdecken der Möglichkeiten bedeutet aber nicht, dass du es rückblickend bereust, die bisherigen La-Luz-Werke anders angegangen zu sein, oder?

Shana Cleveland: Nein, das Ganze war definitiv eine Entwicklung. Bei unserer ersten Platte, und auch bei der zweiten, war es mir besonders wichtig, dass wir im Studio so klingen wie auf der Bühne. Das war mein Hauptanliegen. Beginnend mit der dritten Platte habe ich angefangen, mir mehr Gedanken zu machen. Ich habe mir meine Lieblingsplatten angeschaut und versucht herauszufinden, wie sie ausgestaltet worden sind und woran es liegt, dass sie interessanter klingen, als wenn man sich die Band live anschaut. Mir wurde bewusst: Wenn du dir eine Band anschaust, gibt es noch ganz viele zusätzliche Aspekte, die Menschen im Raum, die visuellen Elemente und die Aufregung des Hier und Jetzt - alles Dinge, die bei einer Platte fehlen. Was kann man also tun, um eine Platte auf die gleiche Stufe zu heben? Aus irgendeinem Grund war ich anfangs nicht willens, den ursprünglichen Live-Elementen später noch etwas hinzuzufügen. Das fühlte sich für mich irgendwie unaufrichtig an. Irgendwann habe ich das dann aber überwunden, vielleicht auch, weil ich mich daran erinnerte, dass meine Lieblingsplatten der Beatles ihre Spätwerke sind, für die sie sich ewig im Studio verkrochen haben.

GL.de: Tatsächlich habt ihr mit "La Luz" eine Platte aufgenommen, die wunderbar authentisch den Sound der späten 60er-Jahre einfängt…

Shana Cleveland: Das ist eines der Ziele, die Adrian als Produzent verfolgt hat, und es war auch mein Ziel, mit dem Unterschied, dass ich nicht gewusst hätte, wie ich das erreichen kann, weil ich im Studio einfach nicht in meinem Element bin. Adrian dagegen ist in dieser Hinsicht unglaublich wissbegierig. Es gibt da ein Buch, ich glaube es heißt "Recording The Beatles", das die technischen Aspekte der Aufnahmen der späteren Alben beleuchtet, und er hat es studiert, als sei es ein Lehrbuch. Das überrascht viele, weil er ja in erster Linie ein Hip-Hop-Produzent ist, aber er wollte Produzent werden, weil er die Samples auf den Hip-Hop-Platten mochte, und er wollte wissen, wie man die Musik macht, die dort gesampelt wurde, nur um dann festzustellen, dass vieles davon aus der Phase stammt, die ich für die Goldene Ära in puncto Aufnahmen und Produktion halte - die späten 60er und frühen 70er. All meine Lieblingsplatten stammen aus der Zeit und es war eine Freude, mit jemand zusammenzuarbeiten, der genauso besessen von diesem Sound ist.

GL.de: Bedeutet das, dass Adrian die Platte tatsächlich auch anders angegangen ist als jemand, der traditionell mit dem Rock-Klangkosmos verbunden ist?

Shana Cleveland: Ja, dessen bin ich mir sicher. Einer der Gründe, warum wir mit Adrian zusammenarbeiten wollten, war, dass wir in der Vergangenheit immer mit Produzenten aus dem Rock-Bereich zusammengearbeitet haben. Zugegeben, unser Freund Johnny [Goss], der unser erstes Album "It's Alive" aufgenommen hat, war nicht unbedingt ein Rock'n'Roll-Produzent, denn er hat überall seine Finger drin, aber Ty [Segall, der "Weirdo Shrine" produziert hat] und Dan [Auerbach, der für "Floating Features" am Mischpult saß] sind viel enger mit der Rock-Welt verbandelt. Deshalb fanden wir es spannend, nun mit jemandem zusammenzuarbeiten, der zuvor noch nie ein Rock-Album aufgenommen hat. Ich denke, es hat Adrian auch eine Menge Spaß gemacht, und deshalb gab es bei den Sessions auf beiden Seiten so viel Begeisterung und Inspiration. Wir waren alle nicht voll in unserem Element und das hat dazu geführt, dass wir alle in neue Richtungen gedacht haben.

GL.de: Interessant, dass du das neue Werk als Rock-Album bezeichnest. Tatsächlich scheinen die Grenzen zwischen den Genres dieses Mal mehr denn je zu verschwimmen. Die Lieder sind eher einer Ära als klaren Genres zuzuordnen. Ist das nur eine glückliche Fügung?

Shana Cleveland: Ich denke nicht, dass wir es darauf angelegt haben, aber es freut mich, dass du das so siehst. Wenn ich die Platte als "Rock-Album" bezeichne, dann vor allem, weil ich das Gefühl habe, dass man sich auf eine Seite schlagen muss (lacht). Tatsächlich fasse ich den Begriff aber nicht so eng. Ich sehe das eher wie du: Die Lieder erinnern mich an viele verschiedene Stilarten aus der gleichen Zeitperiode.

GL.de: Bislang hast du beim Texten zwischen La Luz und deinen Solowerken unterschieden und deine persönlicher gefärbten Gedanken für deine Alleingänge reserviert. Diese Trennung scheinst du nun aufgegeben zu haben?

Shana Cleveland: Ja! Ich denke, das hängt damit zusammen, dass wir inzwischen in verschiedenen Städten wohnen. Bei der letzten La-Luz-Platte wohnten wir alle noch an einem Ort und trafen uns regelmäßig zum Proben, zweimal die Woche, von fünf bis sieben. Das war viel stärker reglementiert. Dieses Mal war alles anders. Aufgrund der Pandemie sind viele der Demos räumlich getrennt entstanden. Das hatte zur Folge, dass ich geistig eher in den Sphären unterwegs war, in denen meine Solo-Songs entstehen. Ich war allein - die ganze Zeit (lacht). Deshalb ergibt es durchaus Sinn für mich, dass der Unterschied dieses Mal nicht so groß ist, weil die Pandemie dafür gesorgt hat, dass wir getrennt waren. Ich schrieb für La Luz, befand mich aber trotzdem in dem intimeren, persönlicheren Geisteszustand.

GL.de: Dabei rücken auf der Platte die psychedelischen Elemente stärker in den Vordergrund - ist das eine Spiegelbild der Zeiten, in denen wir leben, in denen klare Linien immer mehr verwischen?

Shana Cleveland: Gerade textlich sind viele der psychedelischen Elemente sicherlich auf die Pandemie zurückzuführen, aber für mich ganz persönlich auch auf die Erfahrungen mit Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft, denn all das hat dazu beigetragen, dass meine Welt ein Stückchen geschrumpft ist (lacht). Sie wurde so klein, dass ich die Gelegenheit hatte, mich mit größerer Geduld um all das zu kümmern, was mir nah und wichtig ist. Als ich das tat, nahm alles mysteriösere und seltsamere Formen an. Alles, was ich genauer betrachtete, wurde psychedelischer. Das empfand ich als sehr interessant, denn ich bin immer auf der Suche nach dem Geheimnisvollen. Wenn ich einen Song vollends verstehe, sobald ich ihn geschrieben habe, lege ich ihn beiseite und beschäftige mich erst dann wieder damit, wenn er sich etwas mysteriöser anfühlt.

GL.de: War es eine große Umstellung für euch, plötzlich von verschiedenen Orten aus zu arbeiten?

Shana Cleveland: Oh ja, das war es! Es war ganz schön kniffelig. Wir haben eine Menge Apps ausprobiert, die es uns hätten erlauben sollen, zusammen zu spielen, aber keine davon wollte so richtig funktionieren. Deshalb haben wir lange mit der Trial-and-Error-Methode nach Wegen gesucht, wie wir kollaborieren können, auch wenn wir nicht zusammen an einem Ort sind. Dass es letztlich doch funktioniert hat, liegt einzig und allein daran, dass wir drei nach all den Jahren eine Art Außersinnliche Wahrnehmung bei der Zusammenarbeit entwickelt haben. Anfangs waren wir ziemlich nervös und taten alles dafür, dass es sich so anfühlte wie früher, doch dann entschieden wir uns dazu, das alles über Bord zu werfen und etwas anderes zu versuchen, und zum Glück hat das prima geklappt (lacht).

GL.de: Im Mai kommt ihr nach Deutschland auf Tour und Gaesteliste.de freut sich sehr, die Konzerte in Hamburg, Berlin, Schorndorf und München präsentieren zu dürfen. Was erwartet uns dort? Ein Anknüpfen an alte Tugenden, oder seht ihr die lange Pause als Chance, etwas anders zu machen?

Shana Cleveland: Es fühlt sich total verrückt an, dass wir bald wieder live spielen. Ich kann es immer noch gar nicht richtig glauben (lacht). Wir sind gerade damit beschäftigt, einige Ideen umzusetzen, und ich möchte noch nicht zu viel verraten, denn ich habe das Gefühl, es könnte eine nette Überraschung werden. Aber natürlich machen wir uns immer Gedanken, wie wir die Shows auf die nächste Stufe heben können und dafür sorgen können, dass sie etwas Besonderes für das Publikum sind. Live-Musik ist eine solch einzigartige, beeindruckende Erfahrung - oder zumindest hat sie das Potenzial, das zu sein -, und das möchten wir würdigen, wenn wir auf der Bühne stehen. Ich nehme das sehr ernst und denke stets darüber nach, wie ich damit umgehe und wie ich die Gelegenheit nutzen kann, einen Raum in einen magischen Ort zu verwandeln… Das ist alles vollkommen schwammig (lacht)!

GL.de: Inzwischen habt ihr vier Alben. Macht es das einfacher oder leichter, das richtige Set für die Konzerte zu finden?

Shana Cleveland: Es ist wirklich großartig, dass wir jetzt aus so viel Material auswählen können! Inzwischen haben wir die Möglichkeit, ganz verschiedene Sets zusammenzustellen. Uns stehen viele verschiedene Wege offen! Natürlich werden wir uns auf die neuen Lieder konzentrieren, aber ich freue mich auch immer, wenn sich jemand einen Song wünscht. Oft habe ich ja keinen Schimmer, was den Leuten gefällt! Der Schreibprozess ist so isoliert, dass es toll ist, einen Blick auf das zu erhaschen, was dem Publikum gefällt, und zu erfahren, wie unsere Musik in ihren Köpfen arbeitet. Wenn sich dann jemand etwas von unserer ersten oder zweiten Platte wünscht, denke ich immer: Oh cool, das will jemand so dringend hören, dass er sich getraut hat, in einem Raum voller Leute reinzurufen! Manche Menschen denken dann bestimmt, dass das für uns als Band total nervig sein muss, aber ich liebe es!
Weitere Infos:
luzer.online
www.facebook.com/laluzusa
instagram.com/laluzband
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Pooneh Ghana-
La Luz
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