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Interview-Archiv

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LAURA LEE & THE JETTES
 
Der Sinn der Pandemie
Laura Lee & The Jettes
Zusammen mit ihrer Freundin Andreya Casablanca schrieb Laura Lee in den Zeiten vor der Pandemie insofern Rock-Geschichte, als dass sie mit dem gemeinsamen "Slacker-Pop" Projekt Gurr als dezidierter Indie-Act mit dem Debüt-Album "In Your Head" sogar in die Album-Charts vordringen konnte. Im Folgenden waren Gurr als international erfolgreicher Live-Act dann so gut beschäftigt, dass Laura Lee und Andreya kaum noch dazu kamen, an neuem Material zu arbeiten - bis dann die einsetzende Pandemie die Sache endgültig zum Erliegen brachte. Zum Glück hatte Laura Lee aber noch ein zweites Eisen im Feuer - das zunächst mit dem Songwriter-Kollegen Melody Connor gegründete Indie-Duo Jettes (französisch für "Weggeworfenes"). Als Melody dann irgendwann beschloss, sein eigenes Ding zu machen und ausstieg, ergriff Laura Lee die Gelegenheit beim Schopf und stellte eine Band zusammen, der sie seither als Frontfrau vorsteht. Bereits auf dem Reeperbahn Festival 2020 reüssierten die Jettes dann mitten ersten Pandemie-Herbst mit eigenen Songs. Und nun legen Laura Lee & The Jettes (wie das Projekt inzwischen heißt) mit "Wasteland" ein brillantes Debüt-Album vor, auf dem Laura Lee und ihre Musiker souverän und gekonnt so ziemlich alle Register in Sachen Indie-Power-Schrammel-Pop, Garage- und Grungerock und sogar Krautrock ziehen.
Warum hat es eigentlich letztlich kein zweites Gurr-Album mehr gegeben? "Nun ja - wir hatten ja zumindest noch die EP 'She Says' herausgebracht", erinnert sich Laura, "genau - das war aber eine Zeit, in der wir super-viel getourt sind und zwischendurch nichts schreiben konnten. Am Ende wollten wir aber nichts Halbes rausbringen, bei dem wir nicht hinter jedem Song stehen konnten. Es war nicht so, dass die anderen Songs schlecht waren - aber sie waren auch nicht aus einem Guss. Und dann dachten wir, wir machen lieber 'all killer no filler' und haben dann wieder eine EP gemacht. Wir haben uns dann gedacht, dass wir ja auch mit einer EP angefangen hatten und dass es cool wäre, nach dem Album dann noch mal eine herauszubringen." Zu den Jettes gehören - je nach Verfügbarkeit - Bassist Mario Quezada, Drummrin Ellis Frawley und insbesondere der aus Washington, DC stammende Wahlberliner Gitarrist Mark Lewis. Heißt das dann, dass die Musiker an der Entstehung der Songs beteiligt sind? "Genau", erklärt Laura, "normalerweise komme ich mit einer Idee rein und manchmal ist der Song auch schon fertig und manchmal habe ich nur einen Vers oder so etwas. Die Band hilft mir dann mit Ideen aus, wo ich einfach nicht mehr weiterkomme und ich finde, das macht dann auch ein gutes Songwriting aus. Wenn es nur aus meinem Kopf käme, dann fände ich das langweilig." Auf der Scheibe gibt es ja auch den Song "Absolut", den Laura auf Deutsch singt. Warum aber gibt es denn nur diesen einen? "Wieso - hättest du gerne mehr gehabt?", fragt Laura, "ich muss sagen, dass ich da nicht so verkopft und konzeptionell darangehe. Als ich den Song geschrieben habe, klang der für mich von den Vibes und den Riffs nach Sonic Youth und ich habe mir gedacht, dass ich zu sehr nach Kim Gordon geklungen hätte, wenn ich darauf auf Englisch gesungen hätte. Deswegen dachte ich mir, dass der Song auf Deutsch sein müsste, damit ich das dann alleine schon dadurch breche." Das ist insofern interessant, als dass Laura & The Jettes bei anderen Songs - die dann auf Englisch gesungen werden - mit gewissen Krautrock-Referenzen und Ästhetiken spielen. "Ja, das ist bei Songs wie 'Caterpillar' ja ziemlich deutlich", bestätigt Laura, "ich liebe einfach diesem Schlagzeug-Beat aus dem Krautrock - dieses 'dumdum dum' - und den habe ich schon oft benutzt, weil er so treibend und hypnotisch ist. Und eigentlich ist es ja auch so etwas wie Ur-Techno, wenn man sich mal überlegt, was Krautrock so war. Wir machen das dann auch so, dass wir das live aufmachen und unheimlich in die Länge ziehen. Ich finde es aber auch schön, wenn es auf der Platte dann kurz ist - wobei das eine Band wie 'Neu!' nicht so gemacht hat. Ich finde es cool, wenn man das live ausdehnt und auf die besten Ideen reduziert, die man dann wiederholt. Es ist auch so, dass ich besonders amerikanische Künstler wie Deerhunter so gut finde, die sich sehr stark am Krautrock bedient haben. In Deutschland ist das aber gerade nicht mehr so aktuell, denke ich."

In den Texten scheint Laura unter anderem ihre Pandemie-Erfahrungen zu verarbeiten - nicht nur, aber auch in dem Titelsong "Wasteland". Geht es dabei auch um eine Art Eskapismus? "Nein - die Texte sind ein bisschen anders", überlegt Laura, "denn in den Texten verarbeite ich ja schon Dinge, die mir tatsächlich auch passiert sind. Das ist dann ja auch das therapeutische beim Song-Schreiben. Wenn dir zum Beispiel etwas Schlechtes passiert und du einen Song darüber schreibst, dann ist es abgeschlossen und du kannst es irgendwo lassen, diese Gefühle, und sie nicht mit dir rumtragen. Du kannst dann sogar etwas daraus machen, womit andere Leute etwas anfangen können. Das Problem mit dieser Pandemie ist ja, dass man immer diese Ziele hat und diese brechen dann immer wieder gleich weg und man merkt, wie verletzlich man eigentlich ist. Aber trotzdem merkte ich, wie wichtig es ist, irgendeine Art von Sinn zu haben in dieser Zeit." Sind Charaktere wie Perry und Larry, die durch Lauras Songs huschen, eigentlich Spiegelbilder realer Personen? "Bei Perry war das so, dass mir unser Gitarrist Mark Lewis das Buch 'In Cold Blood' von Truman Capote gegeben hat, was eigentlich so der erste True Crime-Thriller war - was ja mittlerweile ein total beliebtes Genre geworden ist. Das Buch und auch die Verfilmungen sind auch sehr krass und gut. Der Song handelt von dem Mörder Perry. Ich finde, man kann sich sehr gut anhand solcher Sachen in diese Charaktere hineinversetzen. Mich interessiert dabei auch, warum ich mich gerade für diesen Charakter interessiere - auch wenn das mit mir selbst gar nichts zu tun hat, weil ich ja kein Massenmörder bin. Ich finde interessant, wie Truman Capote mit diesem Perry eine besondere Beziehung angefangen hat und sich auch zu diesem bösen Charakter auch hingezogen fühlt. Auch wie wir uns als Gesellschaft zu diesen Sachen hingezogen fühlen und was das über uns aussagt. Denn das ist ja auch ziemlich voyeuristisch und wir finden diese True Crime-Sachen ja auch irgendwie geil - wobei ich gar nicht genau weiß, ob das unbedingt immer nur trashy ist."
Mark Lewis ist ja in Berlin als graue Eminenz in der Szene tätig - beispielsweise auch in der Band von Laura Carbone oder mit seinem eigenen Projekt No Berlin. Was hat er denn musikalisch zum Jettes-Sound beigetragen? "Nun, das war auch von Song zu Song unterschiedlich, aber Mark ist natürlich ein Mega-Gitarrist und auch ein besonderer Sound-Tüftler. Er meinte mal zu mir, dass es etwas ganz persönliches für ihn sei, wenn er einen Sound für eine Band oder einen Song kreiert - so wie wenn ich mich mit meinem Gesang verletzlich mache. Da ist so viel Feingefühl und so viel Gedankenarbeit dabei. Ich glaube, das hört man auch heraus. Und dann ist das so, dass er ja auch schon bisschen älter als ich ist und kennt die ganzen Bands, an denen ich mich so abgearbeitet habe, aus erster Hand live. Ich habe ihm zum Beispiel gesagt, dass ich Duster geil finde - und er erzählte mir dann, dass er mit denen getourt sei. Es ist cool, wenn man jemanden hat, der einen mit solchen Sachen füttern kann - und dann auch noch ein geiles Solo auf den Punkt beisteuern kann." Worauf hätte Laura denn in Zukunft noch so richtig Lust, wenn sie machen könnte, was sie wollte? "Also jetzt gerade schreibe ich so richtig viele Songs mit Jazz-Akkorden - denn mein Vater ist ja ein Jazz-Pianist. Ich komme ja aus einer musikalischen Familie und Instrumente gab es immer irgendwo. Als ich dann Oasis gehört habe, war mir klar, dass ich Leute finden muss, die das auch machen wollen und seither habe ich immer in irgendwelchen Bands gespielt und das dann immer weiter gemacht", erzählt Laura, "ich habe aber eigentlich ja Klavier als erstes Instrument gelernt. Was ich gerade mache, ist so richtig anders als die Platte - und deswegen struggele ich auch gerade damit, weil es keinen stilistischen Bezug dazu hat. Ich merke aber, wie mir das Klavier voll viel Spaß macht und ich auch daran wachse. Das ist ja auch ein wenig das Ding: Ich bin jetzt ja 31 und ich kann nicht mehr so ein Garagenpunk-Zeug machen. Ich will als Musikerin ja auch schon ernst genommen werden und ich möchte etwas machen, was meinem Skill-Level auch entspricht - bzw. auch ein bisschen drüber ist. Weil ich Musiktheorie auf dem Klavier viel besser begreife als auf der Gitarre - deswegen gehe ich da gerade so rein. Aber who knows? Vielleicht ist das auch einfach nur schön, das zu schreiben, um es für mich zu behalten." Nun ja: Man kann ja auch nicht mit jeder Art von Musik in Würde altern. Männer können sich dann ja irgendwann überlegen, zum Blues zu wechseln. "Und ich mache dann Jazz", meint Laura, "alles klar!"
Einen Plan B die Musik betreffend gibt es aber nicht, oder? "Nur in dem Sinne, dass ich mir gelegentlich einen Job suche, um mich finanziell abzusichern", erklärt Laura, "ich habe nämlich festgestellt, dass es viel Druck von mir nimmt, wenn ich nicht von meiner Musik leben muss. Deswegen kann ich auch mal so was versuchen wie mit dem Jazz - auch wenn ich dann Bock hätte, den ganzen Tag Musik zu machen, und nicht nur sechs Stunden, wie zur Zeit."
Weitere Infos:
lauraleeandthejettes.bandcamp.com
www.facebook.com/lauraleeandthejettes
www.instagram.com/lauraleeandthejettes
www.youtube.com/watch?v=zgQB3EtvgMU
www.youtube.com/watch?v=TVb5vrN-3EQ
www.youtube.com/watch?v=92a9jPGekco
www.youtube.com/watch?v=bfyCofpfkfM
Interview: -Ullrich Maurer-
Foto: -Suzanne Caroline de Carrasco-
Laura Lee & The Jettes
Aktueller Tonträger:
Wasteland
(Duchess Box/Bertus)
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