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GUSTAF
 
"Wer weiß, was passieren wird?"
Gustaf
"Gekonnt widersprüchlich" - so hat die englische Presse bereits treffend Sound und Herangehensweise des in Brooklyn heimischen Art-Punk-Quintetts Gustaf beschrieben, das mit seinem just veröffentlichten Debütalbum derzeit auf beiden Seiten des Atlantiks viel Staub aufwirbelt. Auf "Audio Drag For Ego Slobs" faszinieren Sängerin Lydia Gammill, Gitarrist Vram Kherlopian, Bassistin Tine Hill, Schlagzeugerin Melissa Lucciola und Percussionistin/Sängerin Tarra Thiessen mit betörendem Fast-Sprechgesang, smarten Formulierungen, einer ordentlichen Portion Zynismus und einem kantigen New-Wave-Soundgewand, in dem hörbar die letzten vier, fünf Dekaden widerhallen. Trotzdem bleibt es nicht allein beim Blick zurück, denn bei aller Liebe für die Musik von gestern folgen Gustaf mit ihrem Tun stets der Maxime "Nichts bleibt, wie es ist". Vor wenigen Wochen hatte Gaesteliste.de hatte die Chance, mit Vram Kherlopian über die ungewöhnliche Entstehungsgeschichte der Band und ihr erfrischend unkonventionelles künstlerisches Credo zu sprechen.
Rees-Haldern, Mitte November: Gustaf sind tatsächlich in kompletter Bandbesetzung aus den Staaten angereist und haben nach umjubelten Auftritten in London, Berlin und Brüssel auch bei ihrem Zwischenstopp am Niederrhein keine Mühe, das Publikum für ihre hibbelig-lärmigen Songs zu begeistern, die von pulsierenden Basslines und tanzbaren Beats nach vorn gepeitscht werden und trotz aller Dringlichkeit nie zu ernsthaft daherkommen. Gustaf verbinden Retro-Flair mit Zeitgeist, wenn The Raincoats, Television, Talking Heads oder The Yeah Yeah Yeahs in der Ferne leuchten und die winzige Bühne der Haldern Pop Bar für Frontfrau Gammill und ihr extrovertiertes Bühnengebaren - ein bisschen Patti Smith, ein bisschen Nina Hagen und ganz viel avantgardistische NYC-Underground-Coolness - schnell zu klein wird. So lebhaft, so spontan, so herrlich überdreht wie sich die Amerikaner kopfüber in ihre zumeist knackig kurzen Lieder stürzen, ist es am Ende unmöglich zu sagen, wer an dieser mitreißenden Performance mehr Freude hatte: Die Band auf der Bühne oder die Zuschauer davor.

Verwunderlich ist das nicht, denn Gustaf sind in der Tat eine Band, die aus dem Live-Kontext heraus entstanden ist. "Wir haben schon Konzerte gespielt, bevor wir überhaupt einen Namen hatten. Wir wollten einfach für eine Weile die Möglichkeiten ausloten, die sich dadurch ergeben", erzählte Frontfrau Gammill vor einigen Wochen den Kollegen des NME und das ist nicht gelogen, wie Gitarrist Kherlopian beim Treffen mit Gaesteliste.de bestätigt: "Wir haben uns 2018 zusammengefunden, um beim South By Southwest-Festival aufzutreten. Lydia hatte einen Haufen Songs und wir hatten keine Verpflichtungen. Wir wollten einfach nur spielen. Bis auf unsere Schlagzeugerin waren damals alle schon dabei. Der größte Unterschied zu den ganz frühen Konzerten ist sicherlich, dass wir inzwischen Musik veröffentlicht haben und die Leute so wissen, auf was sie sich einlassen. Dagegen waren die frühen Auftritte nicht zuletzt deshalb besonders, weil niemand wusste, wir wie klingen würden und das ist wirklich aufregend, wenn du auf die Bühne kommst und absolut niemand weiß, was passieren wird. Heute kommen Leute vor den Konzerten zu uns und fragen uns, ob wir diesen oder jenen Song spielen oder sie verraten uns die Lieder, die ihnen besonders gut gefallen. In den frühen Tagen war das viel mehr DIY - du kommst irgendwo hin und spielst deine Songs. Bei den ersten Auftritten waren die Songs teilweise auch noch gar nicht fertig, aber wir haben sie trotzdem gespielt. Dann wussten wir selbst nicht, wie sie aufhören, wie die Parts sind oder wer was macht. Das hatte zur Folge, dass wir sehr genau aufeinander hören mussten und das ist sehr gut für den Songwriting-Prozess. Es ist eine besondere Art der Kollaboration, wenn du etwas in diesem Moment austüfteln musst. Das dann auch noch vor Publikum zu tun, sorgt zusätzlich für Druck und Anspannung. Aus diesem Gefühl der Nervosität entsteht oft viel Gutes."

Trotz viel Improvisationsgeist klingen die Songs von Gustaf oft betont schlank und durchdacht. Dass Gustaf mit ihrer Liebe für den New-Wave-Sound in all seinen Facetten nicht allein dastehen, ist für Gammill kein Problem. "Mir gefällt die Schlichtheit und wie man darin kathartische Moment finden kann", erklärte sie im NME. "Ich habe jahrelang versucht, Bands mit mir als Sängerin aufzubauen, aber es hat nie hingehauen. Das Tolle an Gustaf war, dass wir keine Zeit zum Nachdenken hatten. Wir waren gezwungen, Konzerte zu spielen, wir haben eine Tournee gebucht, obwohl wir noch keine Musik und keine Fans hatten. In dieser Situation musst du ziemlich schnell abliefern."

Gammill ist nicht die Einzige in der Band, die schon ein paar mehr oder weniger erfolglose Runden um den Block gedreht hat. Auch bei ihren Mistreiterinnen und Mitstreiter, allesamt jenseits der 30, war das nicht anders. Vielleicht auch deshalb sind die Einflüsse, die in der Musik Gustafs stecken, breiter gefächert als bei den Teenage Shootingstars des Genres. Kherlopian muss trotzdem nicht lange überlegen, als wir ihn fragen, was für ihn die größte Inspiration war und ist. "Für mich persönlich war die Nummer 1 ESG", verrät er. "Ich erinnere mich daran, wie ich sie vor vielleicht zehn Jahren zum ersten Mal gehört habe und total überwältigt war. Die Musik war so simpel, aber sie hatte so viel flavor., obwohl sie immer wieder das Gleiche recycelt haben. Das fand ich sehr interessant, weil ich denke, dass Bands oft versuchen, so viele verschiedene Dinge wie möglich zu machen - was natürlich auch seine Daseinsberechtigung hat -, aber ESG oder auch die B-52's haben in mir immer mit ein ganz spezielles Gefühl ausgelöst. Bei ESG gibt es keine Gitarren, nur Bass und Schlagzeug, und es war eine prima Herausforderung, auszutüfteln, wie man dem als Gitarrist noch ein neues Element hinzufügen kann. Lydia war dabei eine große Hilfe, denn als wir anfingen und ich die Parts schrieb, bat sie mich zum Beispiel, mir vorzustellen, ich würde etwas aus einem Eisblock formen. Sie hat mich mit Metaphern versorgt und das hatte zur Folge, dass ich etwas Neues ausprobiert habe."

Trotzdem sind sich Gustaf durchaus bewusst, dass sie nicht das Rad neu erfinden. Vielmehr setzen sie darauf, dass durch die unterschiedlichen Perspektiven, die alle fünf Musikerinnen und Musiker einbringen, etwas entsteht, dass es genau so noch nicht gegeben hat. "Wir wollen offen dafür sein, etwas zu tun, mit dem wir uns nicht unbedingt wohlfühlen", erklärt Kherlopian. "Melissa, unsere Drummerin, hat noch nie Schlagzeug in einer Band gespielt und Tarra ist eigentlich Gitarristin und hat zuvor nie Percussion gespielt. Trotzdem haben sie beide sofort gesagt: 'Lasst es uns versuchen!' und ich denke, diese Art von Abenteuerlust ist wichtig, wenn du etwas Spannendes machen willst. Wenn du nur das Instrument spielst, mit dem du dich besonders wohlfühlst, fällst du schnell auf etwas zurück, das du schon mal zuvor gemacht hast. Das ist der Muscle-Memory-Effekt. In Gustaf sind wir alle etwas außerhalb unserer Wohlfühlzone unterwegs und deshalb fühlt es sich so frisch an!"
Doch gerade weil Gustaf live auf der Bühne geboren wurden und Spontaneität und Unberechenbarkeit zwei wichtige Faktoren im Tun der Band sind, war es alles andere als leicht, die Bühnenenergie für "Audio Drag For Ego Slobs" auch live im Studio festzuhalten und gleichzeitig bei den Aufnahmen auch noch neue, überraschende Elemente hinzuzufügen. "Das Album aufzunehmen war eine große Herausforderung, denn unser Credo war ja, alles jedes Mal stets ein wenig anders zu machen", gesteht Kherlopian. "Letztlich haben wir die Platte drei oder vier Mal aufgenommen und beim vierten Mal wussten wir, dass es jetzt zählt und waren alle sehr fokussiert. Gleichzeitig war es auch aufregend, denn weil wir so daran gewöhnt waren, alles immer wieder anders zu spielen, waren wir auch im Studio außerhalb unser Wohlfühlzone unterwegs. Alles jedes Mal anders machen zu dürfen und keine Bindung zu deinen Parts aufzubauen hat ja auch einen Wohlfühleffekt." Dabei ist es der Band oft schwergefallen, sich im Studio für eine der vielen Versionen, die beim allabendlichen Ausprobieren und Improvisieren entstanden waren, zu entscheiden. "Gleichzeitig habe ich aber auch auf die Musikalität aller vertraut und die Erfahrung, die wir alle beim Aufnehmen und Spielen haben. Bei praktisch jeder Entscheidung hatte ich das Gefühl, dass sie zumindest gut ist. Das wäre sicherlich schwieriger gewesen, wenn wir alle erst 19 wären, aber dass wir nun schon fast 20 Jahre lang in Bands spielen, hat dazu geführt, dass wir mit den Aufnahmen glücklich werden konnten, ohne zu verleugnen, was uns live auszeichnet - dieses besondere 'Wer weiß, was passieren wird?'-Gefühl."
Weitere Infos:
www.gustaftheband.com
www.facebook.com/Gustafnyc
www.instagram.com/gustaf_nyc
gustaf-nyc.bandcamp.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Felipe Torres-
Gustaf
Aktueller Tonträger:
Audio Drag For Ego Slobs
(Royal Mountain Records/Membran)
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