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JOY BOGAT
 
Vertrauen in den Lauf der Dinge
Joy Bogat
Es gibt Konzertabende, an die man noch Monate später gerne zurückdenkt und sich freut, zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein. Das Gastspiel von Joy Bogat am Düsseldorfer Stadtstrand letzten Sommer, das war ein solcher Abend. Ganz allein stand die in Hannover heimische 25-jährige Afrodeutsche an diesem Abend auf der kleinen Bühne im Schatten der Oberkasseler Brücke und verzauberte das Publikum mit einer oft sagenhaft lässigen, aber stets gefühlsintensiven Performance genauso wie mit der Freude am eigenen Tun, die ihr förmlich ins Gesicht geschrieben stand. Mit feinfühligen, grüblerischen Texten, einem wunderbar leichtfüßig groovenden Sound und einer Stimme, die einfach außergewöhnlich ist, entführt uns Joy nun auch auf "It's Different Now" in eine facettenreiche Klangwelt, mit der sie im Spannungsfeld von Soul, R'n'B, HipHop, Rap und Indie-Pop die Veränderungen in ihrem Leben nachzeichnet, die schon im Titel anklingen. Nun erscheint die feine 6-Track-EP endlich auch auf Vinyl, im März wird Joy zudem mit Listen-Records-Labelkollegin Maria Basel eine komplette Deutschland-Tournee bestreiten.
Joy Bogat mag erst Mitte 20 sein, eine Newcomerin im eigentlichen Sinne ist sie aber nicht. Praktisch ihr halbes Leben ist die Musik nun schon ihr Ein und Alles, verrät sie beim Videocall mit Gaesteliste.de: "Seit ich 13 war, habe ich eigentlich nichts anderes mehr gemacht außer Musik. Das hat mir immer unfassbar viel gegeben - für mich selbst, aber auch in Verbindung mit anderen und deswegen gab es eigentlich tatsächlich keine andere Möglichkeit, als das weiterzuverfolgen." Schon im Kindesalter war Musik für sie allerdings mehr als nur Unterhaltung und Ausdrucksform, sie war auch ein Mittel zur Identifikation, denn ein Stück weit war ihre Begeisterung gerade anfangs auch mit ihrer eigenen Biografie als Tochter eines Haitianers und einer Deutschen verknüpft, oder wie sie selbst es ausdrückt: "In bin in einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein aufgewachsen. Da gab nicht viele Leute, die so aussahen wie ich. Bei der Musik war das anders und das hat mich auch dazu gebracht zu sagen: 'Hey, ich singe jetzt auch mal!'"

Was für Joy als Spaß im Familienkreis begann, führte schon im Teenageralter zu verschiedenen Bandprojekten in ihrer Heimat Bad Segeberg, bevor sie nach der Schulzeit am Popkurs in Hamburg teilnahm und anschließend nach Hannover ging, um dort Musik zu studieren. Doch hat sie wirklich nie mit einer anderen Karriere geliebäugelt? "Direkt nach der Schule habe ich gesagt: Okay, wenn ich nicht Musik studiere, wenn ich keine Musik mache, dann gehe ich in Richtung Sprachen", erzählt sie. "Ich hätte Dolmetschen megainteressant gefunden, da ich denke, dass ich ein relativ gutes Gefühl für Sprache habe und es superspannend gefunden hätte, mich damit zu beschäftigen. Wenn ich heute noch mal etwas anderes machen würde, dann würde ich eher in die kulturell/politisch/gesellschaftliche Schiene gehen. Ich schließe das nicht aus, aber ich weiß auf jeden Fall: Wenn ich mich noch mal in eine andere Richtung weiterbilden würde, dann würde ich das nicht mit dem Gedanken machen, damit Geld verdienen zu wollen, sondern nur, weil es mich wirklich interessiert. Ich würde darauf vertrauen, dass etwas Gutes dabei herauskommt, egal, womit ich mich beschäftige."

Das gilt auch für ihre Laufbahn als Musikerin, die spätestens mit der Veröffentlichung von "It's Different Now" und der nun anstehenden Tournee - ihrer ersten als Solistin - langsam, aber sicher Fahrt aufnimmt. "Natürlich habe ich mich für viele Dinge bewusst entschieden oder zumindest gesagt: 'Das möchte ich!', aber bisher war es in meinem Leben immer so, dass sich viele Dinge einfach ergeben haben", erklärt sie. "Was die nächsten, keine Ahnung, zehn Jahre angeht, habe ich auf jeden Fall den Anspruch und wünsche mir, dass es größer wird. Ich brauche keine Arenen mit 15.000 Leuten, aber mein Ziel ist natürlich auf jeden Fall, von der Musik leben zu können und ich bin mir sicher, dass das funktionieren wird." Dieses Selbstvertrauen hat Joy nicht ohne Grund. Schließlich spielt ihr in die Karten, dass sie mit ihrer Musik längst nicht nur auf Deutschland festgelegt ist. "Ich kann mir auch auf jeden Fall vorstellen, noch mal zu schauen, was außerhalb von Deutschland möglich ist, denn Texte sind für mich superwichtig und ich weiß, dass das deutsche Publikum oft nicht so auf englische Texte hört“, sagt sie. „Das kann ich auch verstehen, aber gerade deshalb kann ich mir gut vorstellen, auch mal ins Ausland zu gehen."
Joy Bogat
Dabei ist es keinesfalls so, dass Joys Texte zwischen Emotionalität und Selbstreflektion, die ihre veränderte Einstellung und ihr persönliches Wachstum als Mensch und Musikerin widerspiegeln, wenn sie ihre Gedanken zu Achtsamkeit und Entschleunigung, weiblicher Intuition, Empowerment und Sehnsucht nach familiärer Verbindung in einer globalisierten Welt thematisiert, hierzulande auf taube Ohren stoßen: "Was mich in den letzten Monaten als Musikerin besonders glücklich gemacht hat, waren definitiv die Reaktionen anderer Menschen - bei Gesprächen nach einem Konzert zu merken, dass ich genau das, was ich an Musik liebe, bei anderen auslösen kann! Diese Reaktionen von Leuten, die ich kenne und von welchen, die ich nicht kenne, haben mich unfassbar bestärkt im letzten Jahr! "

Überhaupt war gerade die letzten Jahre für Joy ein wichtiger (Selbst-)Findungsprozess, der sie in Bandprojekten wie Loba und Neotropics von deutschen zu englischen Texten und letztlich zur Verwirklichung ihrer Ideen als Solistin und nach ihrem letztjährigen Debüt "With Time" nun zu "It's Different Now" geführt hat. Dass sie jetzt alle Freiheiten hat und alle Entscheidungen selbst treffen kann, genießt sie ganz besonders. "Das ist so anders, als alles, was ich früher gemacht habe, weil ich bisher nie allein auf der Bühne stand, weil ich immer nur Text und meinetwegen Klavier geschrieben habe und niemals das Werkzeug hatte, das, was ich im Kopf hatte, für die anderen Musiker nach außen zu tragen", erklärt sie. "Dass ich mir jetzt selber die Zeit nehme und den Raum gebe, die Songs so weit, wie ich es selber machen kann, zu produzieren - das ist das, was den größten Unterschied ausmacht."

Kein Wunder also, dass sie nicht lange überlegen muss, um die Frage zu beantworten, welche Eigenschaften sie an Musik besonders schätzt. "Im Bestfall bewegt mich Musik", sagt sie. "Ich bin, wie schon gesagt, auf jeden Fall ein Mensch, der sehr auf Texte achtet. Wenn die Musik auch noch so schön ist, der Beat gut ist und man dazu tanzen kann, der Text aber unfassbar schlecht ist, dann zerstört das für mich die Musik auf ihren Fall. Neben guten Texten ist mir wichtig, dass ich das Gefühl habe, das sie echt ist, dass sie wirklich aus dem Menschen herauskommt." Ehrlich, echt und unverfälscht klingen auch Joys eigene Lieder, wenn sie auf der neuen EP bedachter als zuvor mit der Verbindung von Text und Klang spielt und in puncto Arrangement und Produktion Brücken baut zwischen alten Tugenden und modernen Zeiten, zwischen menschlicher Note und der Unendlichkeit digitaler Möglichkeiten. Bisweilen ist es aber trotzdem nötig, Zeitgeist, Produktionsgeschick und eher elektronisch geprägte Soundscapes einfach einmal auszublenden. "Für das Schreiben von Musik gibt es für mich keinen schöneren Ort als das Klavier zu Hause bei meiner Mutter", gesteht Joy. "Wenn ich mich da hinsetze, dann geht mir so richtig das Herz auf, dann bin ich ihn sofort inspiriert. Deshalb bin ich auch sehr froh, dass ich jetzt in Hannover einen Proberaum mit eigenem Klavier habe. Natürlich sitze ich auch am Rechner und produziere, aber dabei kommen ganz andere Sachen heraus. Beides funktioniert für mich, aber man kann man es nicht richtig vergleichen, finde ich. Wenn es um persönliche Themen geht, dann würde ich mich niemals an den Rechner setzen und da irgendwelche Dinge hin- und herschieben. Dann brauche ich auf jeden Fall ein Klavier!"
Joy Bogat
Trotzdem birgt die der Wunsch, das Hobby Musik zum Beruf und Broterwerb zu machen, natürlich auch das Risiko, dass darunter genau die Leichtigkeit, die Unbeschwertheit leidet, die anfangs für das gewisse Etwas gesorgt hat. Dass ihr deshalb die Lust am Musikmachen irgendwann vergehen könnte, glaubt Joy allerdings nicht. "Darüber habe ich diesen Sommer viel nachgedacht", verrät sie. "Aber was mich persönlich angeht, mache ich mir da keine großen Sorgen, weil ich - vorher auch immer das kommt - schon mein ganzes Leben lang ein sehr dankbarer Mensch bin. Jetzt gerade bin ich tatsächlich in Norwegen, nördlich vom Polarkreis, und als ich hier gestern mit dem Auto langgefahren bin, habe ich mich gefragt, wie das möglich ist, dass ich gerade hier bin und diese krasse Schönheit erleben darf. Ich erlebe die meisten Momente sehr bewusst und mit der Musik ist das genauso! Solange ich das mit anderen Leuten teilen kann, ist das immer was Besonderes für mich, weil ich es einfach nicht selbstverständlich finde, dass Leute mir zuhören. Je nachdem, von was für Menschen man umgeben ist, stumpft man mit der Zeit vielleicht ein bisschen ab. Wenn man große Bühnen spielt und da eine Distanz zum Publikum entsteht und es eher eine Maschinerie wird, dann geschieht das sicher leichter, aber ich glaube, wenn man von den richtigen Leuten umgeben ist, dann passiert das nicht oder nicht so schnell - das hoffe ich zumindest!"
Weitere Infos:
www.facebook.com/joybogatmusic
www.instagram.com/joybogatmusic
joybogat.bandcamp.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Leon Schweer-
Joy Bogat
Aktueller Tonträger:
It's Different Now EP
(Listenrecords/Broken Silence)
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