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BLACK SEA DAHU
 
"Als hätte alles eine andere Farbe bekommen"
Black Sea Dahu
Black Sea Dahu sind eine der schönsten Indie-Folk-Erfolgsgeschichten der letzten Jahre. Mit ihrem inzwischen millionenfach gestreamten Album "White Creatures" und dem ebenso beeindruckenden EP-Nachschlag "No Fire In The Sand" machte sich die Schweizer Band um Frontfrau Janine Cathrein vor vier Jahren auf den Weg, um sich ihr Publikum ohne breit angelegte Medienkampagne oder ein großes Label im Rücken auf die altmodische Art zu erspielen. Auf oft endlos erscheinenden Tourneen in ganz Europa sorgten Charme und Geschick, DIY-Spirit, Herzblut und natürlich von farbenfroher Melancholie geküssten Songs am Puls der Zeit dafür, dass allabendlich im Handumdrehen aus neugierigen Interessierten glühende Anhänger werden. Selbst die COVID-19-Pandemie konnte die Band nur kurzzeitig bremsen. Allerdings gab die Zeit des Innehaltens Janine die Chance, sich im Proberaum zu verkriechen und all die kleinen und großen Ideen, die sich unterwegs angesammelt hatten, in Songs mit einem oft betont breitwandigen, spürbar orchestraleren Sound zu verwandeln, die nun auf "I Am My Mother", dem just erschienenen zweiten Black-Sea-Dahu-Album, so klingen, als stünden sie auf den Schultern der Frühwerke.
"I Am My Mother" enthält sieben unberechenbare Songs, bei denen keiner dem anderen gleicht, eine von Janines dunkler, aber stets warmtönender Stimme getragene klangliche Achterbahnfahrt, die bisweilen auch Spiegelbild der Texte ist, die von Empathie, Akzeptanz und der Kunst handeln, die Schönheit im nie endenden Tanz zwischen dem Hässlichen und dem Erhabenen zu erkennen. Teil dieses Prozesses ist auch das Songwriting, das auf dem neuen Album einmal mehr sehr persönlich gefärbt ist, wenn Janine in "Glue" die Demenz ihrer Großmutter thematisiert oder im Titelsong darüber sinniert, wie man von den Menschen geformt wird, die einem am nächsten stehen. Doch auch, wenn auf "I Am My Mother" vieles neu ist: Im Kern bleibt sich die Band dennoch treu, oder wie es in einer großen Schweizer Tageszeitung bereits so treffend hieß: "Die große Kunst von Black Sea Dahu besteht darin, dass sich diese Lieder die Intimität und die Zerbrechlichkeit stets bewahren, auch in ihren hellsten, zornigsten oder orchestralsten Momenten. Es gibt in dieser Musik keinen Bombast, keine Larmoyanz und schon gar keinen Kitsch." Bevor noch in der Veröffentlichungswoche die nächste Mammuttournee beginnen wird, die Black Sea Dahu bis in den Dezember hinein immer wieder kreuz und quer durch die Schweiz, Österreich und Deutschland, aber auch in viele weitere europäische Länder führen wird, stellte sich Janine den Fragen von Gaesteliste.de. Zunächst musste sie sich aber erst einmal ein ruhiges Plätzchen suchen. "Ich musste aus meiner 1-Zimmerwohnung fliehen, weil da gerade die Wohnungen neben und schräg über mir renoviert werden und ab 7 Uhr morgens kann ich mich da drin nicht mehr konzentrieren, geschweige denn schlafen", verrät sie. "Nun bin ich fernab vom Lärm in einem ruhigen Café."
GL.de: Janine, um mit einer sehr allgemeinen Frage einzusteigen: Wie fühlt es sich an, Anfang 2022 ein Teil von Black Sea Dahu zu sein und was macht den größten Unterschied aus, verglichen mit 2018, als "White Creatures" erschienen ist?

Janine: Es ist turbulent, aufregend, überfordernd und beeindruckend. Wir sind gewachsen, als Band im Musikmarkt aber auch als Liveband, wir sind älter geworden als Menschen und wahrscheinlich ein wenig abgebrühter. Wir sind definitiv mehr darauf bedacht, diesen Beruf in Einklang mit unserer mentalen und körperlichen Gesundheit zu bringen.
Ansonsten sind wir mittlerweile glaube ich auch als Gruppe wieder gewachsen und verändern uns, wir sind mehr eine Gruppe von Leuten mittlerweile um mich herum - mit einem kleinen konstanten Kern (meine Schwester Vera und ich) -, die je nachdem auf Tour mitwirken, manche aber auch nur im Hintergrund bei der Produktion oder der Organisation der Tour. Z.B. Paul, der ehemalige Bassist und E-Gitarrist, ist in der Liveband nicht mehr dabei, aber schon noch bei musikalischen Ideen und Entwürfen am Mitarbeiten. Es wird sich wohl auch dieses Jahr noch viel verändern in der Gruppe, da so große und lange Tourneen einfach nicht machbar sind, nicht vereinbar mit dem sonstigen Leben, das ja auch noch stattfinden möchte.
Was sich nicht verändert hat ist die familiäre Art, die wir miteinander haben und was bleibt, ist die Dringlichkeit, die diese Band hat. Es ist absolut keine Nebensache. Manchmal habe ich das Gefühl, ich zwinge diese Band und Musik in die Welt hinaus und erschaffe das Schicksal und den Weg, den wir gehen, indem ich es mir erdenke. Natürlich stimmt das nicht, aber so fest glaube ich daran und lebe ich darin und davon.

GL.de: Bevor wir auf das neue Album zu sprechen kommen, die vielleicht aktuellste Frage vorab: Familie war und ist für dich immer sehr wichtig, von "A Grownup" bis hin zu "I Am My Mother". Was bedeutet vor diesem Hintergrund der Abschied deines Bruders Simon aus der Liveband für dich persönlich und für die Band musikalisch?

Janine: Simon hat Ende 2021 die Liveband verlassen und agiert nun tatkräftig im Hintergrund. Er ist zuständig für den gesamten Merchandising-Versand und hält unseren Band-Bus im Schwung. Seine warme Bariton-Stimme wird uns sehr fehlen, wie auch die Einsätze mit Cello und Perkussion. Wir nutzen solche Momente jedoch immer als Chance, die Songs in einem anderen Licht zu betrachten und deren Kern zu finden. Oft liegt eine außergewöhnliche und versteckte Magie darin, Black Sea Dahu-Lieder zu interpretieren in reduzierter Formation.
Ich habe so viele Erinnerungen mit Simon in dieser Band: Wir spielen auf der Straße in Kopenhagen oder Biarritz, springen vor Freude von Sofa zu Sofa im Backstage nach einem Konzert, umarmen uns hinter der Bühne und wünschen uns einen guten Schigg (Gig), warten frühmorgens am Hafen von Calais auf die Fähre und singen "Happy Birthday, liebe Simon" in den Wind. Er fehlt mir jetzt schon und nun so oft ohne ihn unterwegs zu sein, die Verbindung zu ihm nicht zu verlieren, wird meine Herausforderung sein.

GL.de: Apropos Unterwegssein: Eurer Tour-Pensum selbst in Pandemiezeiten ist tatsächlich ich unglaublich beeindruckend. Wie gelingt es euch, das offenbar ohne größere Probleme durchzustehen? Habt ihr bestimmte "Tricks", die euch das Unterwegssein weniger beschwerlich machen?

Janine: Solch riesige Touren durchzuziehen, verlangt uns extrem viel ab und ich würde nicht sagen, dass diese Belastung uns kalt lässt, im Gegenteil. Wir haben gemerkt, dass wir das längerfristig nicht aushalten, wir können dieses Tempo nicht halten in einem so kleinen Team, denn sonst sind wir alle ausgebrannt mit 35. Die Crew wurde um zwei Personen ergänzt (Tourmanagement, Tourproduktion) und wird in naher Zukunft sicher noch vergrößert, um uns zu entlasten. Wir bauen mehr Off-Days ein als früher, haben die Yogamatte, Therabänder und einen Fußball dabei und unsere eigene Kaffeemaschine im Anhänger eingebaut. Einmal im Monat gibt es eine Crewsitzung, wo wir uns stundenlang organisieren und diskutieren. Es ist nicht immer alles rosig, wenn man so lange Zeit miteinander unterwegs ist, und diese Crewsitzungen geben uns da oft den nötigen Raum, um konstruktiv Konflikte zu besprechen. Wir würden es nie und nimmer so lange und so nahe miteinander aushalten, wenn wir uns nicht alle so gernhätten. Wir haben es auf Tour wahnsinnig lustig!
Zusammenfassend würde ich unser Durchhaltevermögen so erklären: wir haben eine hohe Belastbarkeit, Flexibilität, Opferbereitschaft, tiefe Lebensstandards, sind willensstark und selbstsicher, dankbar, organisiert und gut aufgestellt. Zu guter Letzt ein Tipp von mir: Noise Cancelling Headphones, damit man auch mal seine Ruhe hat.

GL.de: Gerade vor dem Hintergrund der detailverliebt ausgestalteten neuen Platte: Wie hat sich das Verhältnis zwischen Live-Spielen und Studioarbeit über die Jahre gewandelt?

Janine: Auf Tour bleibt mir keine Zeit mehr, um fokussiert an neuem Material zu arbeiten, daher nehme ich da nur noch kurze Ideen mit dem Handy auf. Lyrics-Ideen schreibe ich sowieso andauernd auf. Wir spielen mittlerweile so derart viel, dass wir Songwriting-Blocks und Studio-Zeit planen müssen, das ist dann sogenannte Off-Tour Zeit. Früher musste ich mir darüber überhaupt keine Gedanken machen, aber mit so viel Tourdates muss selbst die Physiotherapie akribisch geplant werden über mehrere Monate. Corona hat uns da einen großen Strich durch die Rechnung gemacht und wir mussten uns plötzlich nach der Pandemie richten und nicht nach unseren Plänen und Bedürfnissen.

GL.de: Als ihr vor zwei Jahren Jahr "Guinnevere" von Crosby, Still & Nash gecovert habt, schien das eher Zufall zu sein oder eben eine Auftragsarbeit (im Zuge einer "Woodstock"-Doku), aber in gleich mehreren der neuen Songs hallt nun diese Art Freigeistigkeit wider, die David Crosby oder auch Nina Simone immer ausgezeichnet hat. Ist das ein Resultat des Erfolgs, den ihr in den letzten Jahren gehabt habt und des Status, den ihr euch damit erarbeitet habt?

Janine: Ich glaube, das ist das Resultat davon, sich selbst treu zu bleiben. Dass wir damit Erfolg haben, trägt natürlich in erheblichem Maße dazu bei, dass wir uns darin bestärkt fühlen und ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln in diesem Business.

GL.de: Etwas Neues machen zu wollen und es auch tatsächlich erfolgreich umzusetzen sind bisweilen zwei verschiedene Sachen. Ist es euch leichtgefallen, den ausgetrampelten Pfad der Vergangenheit zu verlassen oder war es eine Herausforderung, klanglich neue Wege zu beschreiten?

Janine: Ich glaube auf dem Album finden sich ein paar Songs, die eine sehr neue Seite von Black Sea Dahu zeigen. Wir haben uns weiterentwickelt, wir sind nicht mehr dieselben, es ist, als hätte alles eine andere Farbe bekommen oder besser gesagt: Alles ist satter, hat mehr Kontrast, so fühlt es sich an für mich. Die Songs sind zum Teil sehr verschieden voneinander und das feiere ich total ab. Black Sea Dahu ist so vieles und deshalb würde ich behaupten es war überhaupt nicht schwierig.

GL.de: Im Info zum Album heißt es, es gehe bei den Texten darum, seine Wurzeln und seinen Platz in einer Welt zu finden, die immer im Wandel ist. Wie näherst du dich dieser schier übermenschlichen Aufgabe und wie "erfolgreich" bist du dabei, dieses Ziel zu erreichen?

Janine: Ist das überhaupt ein Prozess mit einem Ende? Ich versuche mich selbst zu ergründen und zu verstehen. In den letzten zwei Jahren ist ein Bild in mir gewachsen, ein Ort, ein Moment, wo ich mich geerdet und ruhig fühle. Ich sitze in einem Schaukelstuhl auf einer Holz-Terrasse, rundherum Natur, ein paar Tomatenpflanzen, ein schlafender Hund und eine streunende Katze und sonst nur Ruhe. Ich bin allein und das fühlt sich gut an in dieser Vorstellung. Jedes Mal, wenn ich verzweifle, weil ich mich verloren und nicht verstanden fühle, total überfordert mit dem Leben und der Welt, denke ich an diesen Ort und dass alles, was ich tue, nur mein Weg ist dorthin.

GL.de: So viel ihr auch schon jetzt erreicht habt: Welchen Traum würdest du mit Black Sea Dahu gerne noch realisieren?

Janine: Ich wollte schon immer mal unsere Songs mit Orchester aufführen. Am 4. November 2022 wird dieser Traum endlich wahr: Wir spielen in Potsdam mit dem Babelsberger Filmorchester und natürlich wäre es Wahnsinn, wenn wir dies auch mit Orchestern in anderen Ländern machen könnten.
Weitere Infos:
www.blackseadahu.com
www.facebook.com/blackseadahu
twitter.com/blackseadahu
www.instagram.com/blackseadahu
blackseadahu.bandcamp.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Paul Maerki-
Black Sea Dahu
Aktueller Tonträger:
I Am My Mother
(Eigenveröffentlichung/Broken Silence)
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