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Interview-Archiv

Stichwort:



 
EMILY WELLS
 
Körperliche Spiritualität
Emily Wells
Wer die New Yorker Künstlerin Emily Wells schon ein Mal auf der Bühne erlebt hat - wo sie mit ihrer Geige, einer Loop-Station, Sampler und Keyboards genresprengende Symphonien aus allen möglichen und unmöglichen Elementen zusammenschraubt -, der könnte auf die Idee kommen, dass sie als Künstlerin in einer isolationistischen Blase ganz selbstgenügsam agiert. Dem ist aber ganz und gar nicht so, denn die klassisch ausgebildete Geigerin, Komponistin, Arrangeurin, Produzentin, Songwriterin und Performerin geht vor allen Dingen in ihren Kollaborationen, Auftragsarbeiten, Film- und Fernseharbeiten und Stipendien auf. Tatsächlich war es sogar so, dass die Pandemie sie durch die räumliche Distanz zu den Musikern, mit denen sie für ihre neue Scheibe "Regards To The End" zusammenarbeitete, vor ganz neue Herausforderungen stellte und sie alles daran setzte, den im heimischen Studio ausgearbeiteten neuen Stücken durch die Beteiligung möglichst vieler Mitstreiter ein körperliches, organisches, räumliches Flair zu verleihen.
Was in musikalischer Hinsicht sofort ins Ohr fällt, ist der Umstand, dass Emilys Musik heutzutage deutlich organischer angelegt ist, als man das von ihren experimentellen Werken früherer Tage und von ihren Live-Shows gewohnt ist. Eine Entwicklung, die nicht erst seit ihrem letzten Album "This World Is Too ___ For You" so, das aus einer Kommission in Zusammenarbeit mit einem Kammer-Ensemble aus St. Paul, Minnesota und einem namens Metropolis aus New York entstand. "Regards To The End" ist dabei das sechste Studio-Projekt von Emily Wells. "Das neue Album habe ich im Zeitraum der letzten beiden Jahre erschaffen", berichtet Emily, "es entstand dann also während der Pandemie. Ich habe ergo viel alleine gearbeitet, Songs geschrieben und Arrangements ausgearbeitet, die ich dann zu den anderen Musikern, die an dem Album beteiligt sind, geschickt habe. Die haben dann ihre Parts eingespielt und zurückgeschickt. Die einzigen Partien, die ich direkt mit jemand anderem eingespielt habe, waren die mit echtem Schlagzeug. Ansonsten war das eine Art virtuelles Projekt. Das war also ganz anders als ich sonst arbeite. Ich habe aber vorgestellt, wie das wäre, wenn die anderen im Raum wären. Denn ich habe viele Holz- und auch Blechbläser eingesetzt, denen man die Räumlichkeit durchaus anhören kann." Früher hat Emily ja doch auch viel alleine gearbeitet - aber ihre Songs mit Samplern und Loop-Stations aufgebaut. Ging es dieses Mal also um das Erschaffen eines Gemeinschaftsgefühls (wenn auch eines virtuellen)? "In dem Fall habe ich die Songs zunächst ganz pur auf dem Klavier geschrieben und mir dann überlegt, wie ich das im Computer mit Pro-Tools ergänzen könnte. Wegen der ganzen Pandemie- und Isolations-Thematik habe ich mir dann ein paar symphonische Sound-Bibliotheken gekauft. Ich weiß nicht, wie tief wir jetzt in die musikalische Nerd-Sprache eintauchen sollen, aber es gibt da ein Programm namens Spitfire, mit dem man Samples des BBC-Orchesters verwenden kann. Dann kann man sich ganz gut vorstellen, wie das mit einem echten Orchester klingen würde. Damit habe ich dann Arrangements gebastelt, auf denen die Musiker später dann aufsetzen konnten. Später habe ich diese Teile dann mit den echten Aufnahmen der Musiker ersetzt. Sample und Loop-Pedal habe ich dieses Mal also weniger verwendet - dafür aber mit dem Computer gearbeitet, was neu für mich war."

Nun ist die Sache die, dass Emily im Falle ihrer Alben "Mama" von 2012 und "Promise" von 2016 so vorgegangen ist, dass dem eigentlichen Studio-Album später dann eine auf das Wesentliche entkernte Solo-Scheibe folgte. Auf dem neuen Album scheint der Prozess aber eher umgekehrt gelaufen zu sein? "Mal sehen", überlegt Emily, "die Solo-Alben entstanden eigentlich erst, wenn ich nach einer Tour nach Hause kam und ich dabei viele neue Sachen über meine Songs gelernt habe. Dieses Mal konnte ich ja nicht touren und habe die Stücke ja zunächst mal nur mit Klavier und Stimme geschrieben. Da habe ich mir schon gedacht, ob ich sie nicht mal so aufnehmen soll, denn bei den Solo-Alben habe ich mir ja selbst Limits auferlegt." Ist es denn nicht so, dass die akustische Solo-Aufnahme den Kern des jeweiligen Songs ausmacht? "Das ist eine großartige Frage, weil sich das sehr stark verändert hat", meint Emily, "bei der 'Mama'-Scheibe hatte ich die Songs ja sehr stark mit meiner Loop-Station, meinem Keyboard und der Geige gestaltet und in Schichten aufgebaut. Als ich dann die Solo-Versionen einspielte, fühlte sich das für mich an, als covere ich meine eigenen Songs. In dem Fall wurden sie erst dann zu Solo-Versionen. Das neue Album habe ich aber tatsächlich mit einer akustischen Basis-Version im Hintergrund geschrieben. Ich habe dann festgestellt, dass diese rudimentären Aufnahmen gut dafür sind, Fehler in den Songs zu erkennen - beispielsweise bei der Struktur, der Melodie oder den Texten. Die Produktion später macht mir schon Spaß - sie kann dann aber dem Songwriting in die Quere kommen. Ich muss dann abwägen, ob es mir um den besseren Song oder den meisten Spaß bei der Produktion geht und das gegeneinander abwägen."
In ihren neuen Songs nimmt Emily Bezug auf Künstler, die zu Beginn der 80er Jahre mit der beginnenden AIDS-Krise konfrontiert wurden - und dabei im Angesicht des eigenen, drohenden Endes (das von Emily im Titel des Albums angesprochen wird) weiterhin künstlerisch tätig waren. Dabei referenziert sie im einzelnen den Bildhauer Felix Gonzalez-Torres, die Autorin Jenny Holzer sowie den Aktivisten und Musiker David Wojnarowicz, das Künstler Paar Bill T. Jones und Arnie Zane und die Bildhauerin Kiki Smith, die alle auch namentlich erwähnt werden. Für das Albumcover wählte sie ein Motiv des New Yorker Fotografen Alvin Baltrop. Welche Beziehung hat Emily denn zu den Personen aus der Kunstwelt, auf die sie in ihren Songs eingeht? "Viele der Künstler, die ich in meinen Songs referenziere, arbeiteten ja zu Beginn der AIDS-Krise in den frühen 80ern. Ich habe mich diesen zugewendet, weil mich interessiert hatte, woran sie damals arbeiteten und was sie sich zu Beginn dieser Krise dachten - die ich übrigens mit der Klimakrise in Beziehung bringe. Ich habe mich gefragt, was ich von diesen Künstlern lernen kann - sowohl in künstlerischer wie auch in menschlicher Hinsicht. Als queere Person ist das ja ein großer, wichtiger Teil meines Erbes, denn diese Personen haben große Auswirkungen auf unsere Generation. Persönlich kannte ich sie natürlich nicht, denn viele von ihnen verstarben in den frühen 90ern. Aber ihre Arbeit ist so lebendig, dass sie für mich einfach ein Teil meines kreativen Prozesses wurden. Und in der Isolation leisteten sie mir irgendwie auch Gesellschaft. Natürlich hatte ich in der Vergangenheit auch kreative Beziehung zu lebenden Künstlern. Das fühlte sich dann aber mich ganz anders an. Es war für mich eine Art Entdeckung." Das bringt uns zu einem interessanten Punkt: Emily wuchs in einer religiös geprägten Familie als Tochter eines Kirchenmusikers auf. Wo steht sie denn heutzutage auf der spirituellen Ebene? "Oha - das ist ein andauernder Prozess", zögert sie, "ich habe definitiv noch einen Kater von meiner christlichen Erziehung. Ich muss mich dessen, was eine christliche Erziehung der Entwicklung eines jungen Menschen antun kann, immer noch entwöhnen. Aber nachdem ich das gesagt habe, muss ich doch sagen, dass meine Spiritualität sich für mich heutzutage mit der Verbindung zu Natur und meinen Platz darin verbindet. Das ist mein Motto als spirituelles Wesen." Macht sich das auch im Schreiben von Songs bemerkbar - oder ist das eher eine analytische Sache für Emily? "Das ist für mich eher eine spirituelle Sache", führt Emily aus, "weil ich es analytische überhaupt nicht ganz verstehen kann. Es geht mehr um Vertrauen und Befreiung als darum, den Prozess ganz verstehen zu können."
Emily Wells
Es gibt noch einen weiteren Aspekt, den Emily auf ihrer neuen Scheibe in den Fokus nimmt - und das ist die körperliche Erfahrung, die sie mit ihrer Musik ausdrücken kann. Der Körper - so sagt sie - zieht sich als Metapher wie ein roter Faden durch ihre Songs und wird - wie z.B. in dem Song "Blood Brother" direkt angesprochen. "Ja, es gibt da absolut dieses körperliche Element für mich", bestätigt Emily, "der Körper und die Verkörperung bzw. Körperlichkeit sind für mich sehr zentrale Elemente meines Albums. Der Song 'Blood Brother' bezieht sich auch eine Erfahrung, die ich auf dem Times Square machte, wo eine Person mich mit einer homophoben Bemerkung belästigte. Der Song war eine Reaktion auf die Nachwirkungen dieses Erlebnisses. Ich habe viel über Gewalt speziell gegen queere Menschen nachgedacht - speziell im Zusammenhang mit der AIDS-Krise. Es gibt da auch noch das Bild des Empfangens der Körpers Jesu durch den Verzehr einer Oblate während der Kommunion in der christlichen Kirche. Ich habe mich einfach dieses Bildes bemächtigt und den Körper einer queeren Person zum Ort der Kommunion erklärt." Dann gibt es noch Referenzen zu Hunden in den beiden Songs "Two Dogs Tethered Inside" und "Oracle At Dog". Was wollen uns diese denn sagen? "Das ist eine coole Story", führt Emily aus, "ich habe dieses Stück zum Zeitpunkt der letzten Präsidentenwahlen bei uns geschrieben - die ja ein großes Thema bei uns waren. Ich habe auch viel als Freiwillige für die Demokraten gearbeitet. Das haben ja viele gemacht. Ich habe mich also indirekt auf dieses Thema bezogen, als die Sache noch ungewiss war. Die Hunde sind eine Metapher für die Gefangenschaft und was man mit seiner Freiheit anfängt, wenn man freigelassen wird. Dann habe ich noch auf lockere Arbeit mit ein paar Freunden gemeinsam an den Songs gearbeitet, in dem ich sie gebeten hatte, mir ihre Reaktion darauf mitzuteilen. Und eine gute Freundin von mir schrieb dann ein Gedicht namens 'Oracle Of The Dog' als Reaktion auf den anderen 'Dog'-Song' - und daraus habe ich dann einen Songtext gemacht. In dem Song geht es um Freundschaft und Liebe." Was hält Emily denn von der gegenwärtigen politischen Situation in den Staaten, wo die Republikaner ja alles unterminieren, wofür sie sich zu engagieren scheint? "Das ist extrem frustrierend", stöhnt sie, "wir sind alle erschöpft. Die letzten fünf, sechs Jahre haben so viel von uns verlangt, dass wir einfach ermüdet sind. Wir fragen uns immer noch, wie das alles passieren konnte und die Republikaner so viel Macht haben? Ich denke langsam, das ist einfach eine Maschinerie, die gebaut wurde, um all die falschen Dinge zu tun."

Nachdem das alles gesagt worden ist, gilt es dann doch festzuhalten, dass "Regards To The End" weder eine reine Agit-Prop-Protest-Scheibe, noch ein Art-Pop-Album, noch eine klassische Singer-Songwriter-Scheibe, noch eine spirituelle Phantasie geworden ist. Vielleicht fragen wir mal Emily selbst, was sie als Résumé dieses ziemlich einzigartigen Projektes bezeichnen würde. "Also ich denke, dass ich noch keinen Kreis schließen konnte - einfach wegen der Realität der wir uns gegenüber sehen", zögert Emily, "aber ich würde zurückgreifen auf die Idee, dass Kunst zu machen ein hoffnungsvoller Akt ist. Auf jeden Fall hat mich dieses Projekt weniger zynisch und weniger hoffnungslos gemacht. Und ein anderer Aspekt ist, dass ich mit diesem Album vielleicht jemanden auf die Künstler, die ich besinge, aufmerksam machen könnte. Denn die AIDS-Aktivisten dieser Phase machten so viele unterhaltsame, farbenfrohe, ausdrucksstarke, originelle Protestaktionen und wir können viel von ihnen lernen. Das wäre meine Schlussfolgerung."
Weitere Infos:
www.emilywellsmusic.com
emilywells.bandcamp.com
www.facebook.com/emilywellsmusic
twitter.com/emilywellsmusic
www.instagram.com/emilywellsmusic
www.youtube.com/watch?v=0Mgi--l166g
www.youtube.com/watch?v=Y7za_W34TvM
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Rachel Stern-
Emily Wells
Aktueller Tonträger:
Regards To The End
(This Is Meru/Cargo)
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