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BARRIE
 
Etwas von Wert
Barrie
Bereits 2012 gründete die aus Massachusetts stammende Songwriterin, Heimfricklerin und inzwischen auch Produzentin Barrie Lindsay mit ihrem Bruder Jack eine fünfköpfige Band namens Grammar, mit der sie ihre Vorstellungen von vielschichtig produzierten, vielschichtigen Indie-Pop-Songs realisieren wollte. So richtig funktionierte das nicht - obwohl sie eigentlich immer dieselbe Art von stilistisch kaum eingrenzbarem "Multifunktions-Pop" machte, wie sie selbst sagt. Erst als ihre Musik von ihrem späteren Manager auf Soundcloud entdeckt wurde und dieser sie ermutigte, vom beschaulichen Massachusetts ins quirlige New York umzuziehen und sie dort mit anderen Musikern bekannt machte, sprang der Funke erneut über und es entstand das Ensemble Barrie, dem Lindsay als Frontfrau und Songlieferantin vorstand und das mit dem Debüt-Album "Happy To Be Here" auch recht erfolgreich reüssierte. Aber Bands scheinen nicht das geeignete Format zu sein, mit dem sich Barrie in idealer Weise verwirklichen könnte. Barrie, die Band, löste sich kurz nach der Veröffentlichung der LP auf - und seither agiert die Gute als Solo-Künstlerin. Das heißt nicht ganz: Denn es war ihre Partnerin, Gabby Smith, die ihr in einer schweren Zeit, in der sie sich um ihren an Krebs erkrankten Vater kümmerte, beistand, die sie ermutigte, wieder zu ihrer Passion - der Musik - zurückzufinden. Und dann kam ja eh die Pandemie ins Spiel...
Wie war das denn nun genau mit der Transition von der Band Barrie hin zum Solo-Act Barrie? "Also erst mal muss ich sagen, dass es die Idee von jemand anderem war, die Band nach meinem Vornamen zu nennen", räumt Barrie ein, "und dann war das so, dass der Wechsel von der Band zum Solo-Act ein allmählicher Prozess der Entdeckung für mich war, den ich durch die Aufnahmen und das anschließende Touren durchlebte. Wir realisierten irgendwann, dass es als Solo-Projekt besser funktionieren würde. Ich habe ja auch immer alle Songs für das Projekt geschrieben." Stile und Genres spielen dabei für Barrie ja keine große Rolle, oder? "Ja - ich muss da auch in abstrakteren Bahnen denken", führt Barrie aus, "denn selbst, wenn ich zum Beispiel darauf hinwirke einen Jazz-Song zu schreiben - oder zum Beispiel einen Joni Mitchell-Song -, dann wird das bei mir niemals wie ein Joni Mitchell-Song klingen. Ich muss das also ganz locker sehen. Ich sage also zum Beispiel: 'Das ist mein Crosby, Stills & Nash-Song' - obwohl das nie und nimmer wie ein Crosby, Stills & Nash-Song klingt. Die Genres, in denen ich meine Songs ansiedele, unterscheiden sich gewiss sehr davon, wie sie im allgemeinen klassifiziert sind." Hatte Barrie die Songs schon fertig - oder entstanden sie erst im Studio, während des Aufnahmeprozesses? "Hauptsächlich während des Prozesses", räumt Barrie ein, "ich hatte zwar einen Stapel Songs - aber ich habe tatsächlich die meisten Songs für das Album dann neu geschrieben. Ich mag es nämlich, die Songs im Studio zu entwickeln." Wenn man als Musiker mit eine blanken Seite anfängt, dann braucht man ja einen Startpunkt, wenn man eine Scheibe aufnehmen möchte. Meistens sind das ja fertige Songs. Womit beginnt dann aber Barrie ihre Arbeit? "Ich denke mit Klängen", überlegt sie, "ich wühle mich durch Synth-Sounds oder Gitarrenklänge und hoffe, dass mich etwas inspiriert. Ich mag aber den Vergleich mit der blanken Seite - das ist ein sehr treffendes Bild."

Um die Sache noch etwas diverser zu machen, arbeitet Barrie also nicht nur mit unterschiedlichsten Klängen und Stilen, sondern verwendete auf der neuen Scheibe auch noch ein ganzes Füllhorn an Instrumenten - darunter neben Synthies und Gitarren auch Dulcimer, Mandoline, Klarinette, Flöte, Cello, Trompete und die Harfe ihrer Großmutter. "Ja, aber ich spiele die nicht alle wirklich", gesteht Barrie, "ich kann da schon Töne herausholen - bei manchen besser als bei anderen - aber ich mag vor allen Dingen, wenn Instrumente nicht klingen, wie sie klingen sollten und verwende sie eher in dieser Hinsicht. Trompete und Piano habe ich gelernt, als ich aufgewachsen bin, aber Cello und Flöte oder so kann ich nicht wirklich spielen." Ging es denn auch darum, Instrumentenklänge in der Art von Brian Wilson so lang miteinander zu vermengen, dass man am Ende nun wirklich nicht mehr heraushören kann, wie diese Klänge entstanden sind? "Ja - diese Idee gefällt mir sehr gut. Das mache ich auch, wenn ich in der Produktion die Klänge mische. Ich mag es, wenn man nicht genau sagen kann, woher die Klänge kommen." Im Titeltrack des Albums - "Barbara" - führt Barrie ein Gespräch mit sich selbst, oder? "Gut aufgepasst", meint Barrie, "Barbara ist nämlich mein richtiger Name und Barrie ist nur mein Spitzname. Ich hatte ursprünglich vor, das Album dann auch 'Barrie' zu nennen - aber das hatte zu viele Verbindungen. Da habe ich mir überlegt, welche Namen ich noch hätte, und bin dann auf Barbara gekommen. Ich wollte damit kommunizieren, welche Beziehung ich zu mir selber habe und das dann auch so viel wie möglich von meinem persönlichen, privaten Leben teilen. 'Barbara' ist technisch gesehen mein richtiger Name - aber auch etwas, mit dem mich Leute adressieren, wenn sie mich nicht wirklich kennen. Und jetzt wissen die Leute, die mich kennen dann auch meinen richtigen Namen." Das bedeutet dann ja wahrscheinlich auch, dass das neue Album persönlicher ist, als das letzte? "Ja, ich denke doch", bestätigt Barrie, "ich verwende dann aber Details, die nur für mich eine konkrete Bedeutung haben. Der Zuhörer kann diese dann aber auf seine Weise interpretieren. Ich mag es, Interpretationen in Eben übereinanderzulegen. Ich will dabei gerade so spezifisch sein, dass die Sachen noch adaptierbar sind und jeder das darin findet, was er gerade braucht.
Von wem handelt dann aber der Song "Frankie" - der sich ja fast wie ein Gewerkschaftssong anhört? "Nun, der handelt nicht notwendigerweise von der Arbeiterklasse", zögert Barrie, "es geht um Menschen in den USA, die einfach vom ganzen Kapitalismus angekotzt sind und nicht mehr damit zufrieden sind." In dem Stück zitiert Barrie den Song "Wichita Lineman" von Jimmy Webb. Ganz mal davon abgesehen, dass es in diesem Stück um genau so einen unzufriedenen US-Normalbürger geht (einen Telefontechniker), ist das ja ein schönes Beispiel für die ungewöhnlichen Perspektiven, die Webb in seinen Lyrics einnimmt. Ist das etwas, das auch für Barrie interessant ist? "Ja, gewiss", berichtet Barrie, "kennst du die Band Alvvays? Die haben einen Song namens 'Dreams Tonight' und der handelt davon, dass Präsident Eisenhower in seinem Urlaub Schnellstraßen geplant hat. Ich dachte mir, dass das so treffend und cool sei - weil es eben nicht cool ist, über kleine historische Fakten in dieser Art zu sprechen. Niemand macht so etwas schließlich in der populären Kunst. Ich betrachte so etwas als Inspiration. Es muss nicht immer alles realistisch sein. So lange du über kleine Dinge schreibst, die du siehst und wie du diese empfindest, ergibt sich diese Verbindung zur Musik, nach der du suchst." Dann gibt es aber noch den Song "Basketball" auf dem Album - der ohrenscheinlich die zuvor genannten Bedingungen gar nicht erfüllt. Was hat es denn damit auf sich? "Haha - das ist so eine Art Fiebertraum", gesteht Barrie, "ich habe auf der Highschool Basketball gespielt und war richtig schlecht. Auch mein Team war richtig schlecht und wir haben jedes einzelne Spiel verloren. Und das war so demütigend, weil wir keinerlei Kontrolle darüber hatten - obwohl wir doch das selbe Spiel nach den selben Regeln wie die anderen spielten. Wir waren einfach so schlecht. Und dieses Gefühl der Demut und des Kontrollverlustes wollte ich in dem Song einfangen. Und dann ist dieser kleine, spaßige herumtobende Song mit diesen Drone-Gitarren daraus geworden."

Was ist denn die Funktion der Texte für Barrie selbst? Denn offensichtlich geht es ihr ja nicht darum, geradlinige Geschichten zu erzählen. "Das ist ein interessante Frage", zögert Barrie, "nehmen wir mal den Song 'Frankie'. Eine frühe Version des Songs handelte schlicht von gar nichts. Die Worte und Klänge waren nur Platzhalter. Und daraus entstand dann allmählich der jetzige Song mit seiner Botschaft. Das ist es dann auch, wonach ich suche - nach etwas Bedeutungsvollem und Tiefgründigen. Es geht auch um eine Verbindung. In dem Song ging es mir um die Frage, warum wir immer mehr Scheiß zum Verkaufen machen, obwohl wir doch gar nichts mehr bräuchten. Es ist Konsumkritik. Ich will Musik nicht nur um ihrer Selbst willen machen. Sie soll schon einen gewissen Wert darstellen. Ich vergleiche immer Michael Jacksons Texte mit denen von Justin Timberlake. Die haben ähnliche Musik gemacht, aber Michael Jackson sang in 'Man In The Mirror' davon, dass man sich selbst zum besseren ändern sollte, während Justin Timberlake einfach nur davon sang, wie sexy er ist. Wenn du eine Plattform hast, mit der du Leute erreichen kannst, dann versuche wenigstens etwas von Wert zu sagen." Was macht denn einen guten Songs zu einem guten Song? "Nun, ich suche nach Ehrlichkeit", meint Barrie, "und musikalisch sollte es um etwas gehen, was vorher noch niemand gemacht hat oder wenn man etwas macht, was es vorher schon gegeben hat, dann muss man es besser machen als jeder andere. Wenn man also schon einen Popsong nach einem bestimmten Schema fabriziert, dann muss man ihn besser und interessanter machen, als es jemals getan wurde. Ich versuche jedenfalls immer, etwas Interessantes zu machen. Nicht, dass ich von mir behaupten würde, etwas bahnbrechendes zu tun - das nicht. Ich versuche aber immer, verschiedene Dinge miteinander zu kombinieren, und auf diese Weise etwas Originelles zu erreichen." Was ist dabei die größte Herausforderung? "Das ist schwer zu sagen", überlegt Barrie, "denn es ist so, dass mir die Musik schnell zufliegt, während die Texte nur langsam entstehen. Und auf der technischen Ebene arbeite ich noch daran, mir die Tontechnik beizubringen. Ich habe eine gewisse Basis, aber ich muss noch viel lernen - und ich richte mich darauf ein, den Rest meines Lebens weiterzulernen. Manchmal bin ich zu ungeduldig - und das ist dann eine wirkliche Herausforderung für mich. Ich denke, ich muss lernen geduldiger zu werden." Vielleicht klingt Barries Album aber gerade deswegen so charmant verspielt? "Na ja, vielleicht war es für dieses Album gerade richtig, dass ich mir einfach mein Mikro geschnappt habe, ohne mir allzuviel Gedanken über eine ordentliche High-End-Produktion zu machen", räumt Barrie ein, "Daniel Johnston hat ja auch wunderschöne Musik gemacht, indem er sich einfach vor sein Mikro gestellt hat. Alles kann ja schließlich auf jede Weise gemacht werden. Ich hätte nur gerne irgendwann die Fähigkeit, alles technisch korrekt machen zu können."
Nun ist "Barbara" ja ein klassisches Studioalbum. Auch wenn das zur Zeit nicht pressiert: Wie wird sich das denn im Live-Kontext anhören? "Das ist eine wirklich gute Frage, über die ich schon eine ganze Zeit nachgedacht habe", verrät Barrie, "worauf wir uns einigen konnten, war der Gedanke, möglichst viel von der Produktion zu erhalten. In der Vergangenheit war ich immer recht puristisch was den Gebrauch von Samples und so etwas betraf. Für dieses Album habe ich mir aber gedacht, dass das Ganze - besonders nach der Pandemie - möglichst festlich und unterhaltsam sein müsse. Für mich bedeutet das 'Tanzen'. Also werden wir in dieser Richtung so viel wie möglich von der Produktion mitnehmen. Wir haben einen wirklich guten Keyboarder, der viel abdecken kann und dann werden wir vierstimmige Gesangsharmonien in der Band haben. Und dann wollen wir eine gute Live-Show machen und einfach tanzen. Wir sind natürlich keine professionellen Tänzer oder so etwas - aber wir werden schon gut Party machen."
Weitere Infos:
www.barrie.earth
winspear.biz/barrie
barrie.bandcamp.com
www.facebook.com/barrieshhh
www.instagram.com/barrieshhh
www.youtube.com/watch?v=SVRVbbo_Opo
www.youtube.com/watch?v=MJUgG0yzQ3o
www.youtube.com/watch?v=6Qyl3_p1eiE
Interview: -Ullrich Maurer-
Foto: -Alexa Viscius-
Barrie
Aktueller Tonträger:
Barbara
(Winspear/Cargo)
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