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ZACHARY CALE
 
Tagträumen auf dem Highway
Zachary Cale
"Wenn man mir 2005, als diese Saga begann, gesagt hätte, dass ich 2022 immer noch hier sein und dies tun würde, hätte ich das vermutlich nicht geglaubt", schreibt Zachary Cale am Veröffentlichungstag seines feinen neuen, inzwischen siebten Albums "Skywriting" auf seinen Social-Media-Kanälen. "Ich habe dieses ganze Unterfangen aus einer Laune heraus begonnen, hauptsächlich um musikalische Postkarten an meine Freunde in anderen Städten und Ländern zu schicken. Ich bin zur Musik gekommen, um einfach etwas mit meinen Freunden zu machen. Dieses neue Album wurde mit Menschen gemacht, die mir alle am Herzen liegen. Es ist genauso ihre Platte wie meine. Sie haben den Van gesteuert, ich habe nur vom Rücksitz aus Anweisungen gegeben." Nun, das ist ein wenig geflunkert, denn obwohl der in Brooklyn heimische Musiker dieses Mal den klassisch-zerbrechlichen Singer/Songwriter-Folk gegen den robusteren Widescreen-Sound des Heartland-Rock eintauscht, ist es am Ende doch sein einmal mehr nachdenkliches, mit subtil unterschwelliger Melancholie gespicktes Songwriting, das den Unterschied macht.
Dass Zachary Cale ausgerechnet nach zwei Jahren Pandemie-Stillstand ein Rock-Album veröffentlicht, das vom Auf und Ab des ständigen Unterwegssein erzählt, mag auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen, doch der Grund dafür ist denkbar simpel: Die Songs für "Skywriting" sind zwischen 2016 und 2018 geschrieben und aufgenommen worden, noch bevor sich Cale den Liedern seines vor zwei Jahren veröffentlichten Doppelalbums "False Spring" zuwendete. "Es war die Trump-Ära und obwohl es eine solch hässliche Zeit war, verbrachte ich viel Zeit unterwegs", schreibt er. "Ich wollte schon immer eine 'road record' machen und ich denke, diese Platte kommt dem am nächsten: Songs, die du im Auto bei heruntergekurbelten Fenstern laufen lassen kannst. Es geht in den Songs darum, das zu tun, was man liebt, obwohl es ein Glücksspiel ist. Genauer gesagt geht es darum, in einer Band zu sein, da draußen zu sein, weit weg von zu Hause, darüber nachzudenken, wie glücklich man sich schätzt, genau das zu tun, selbst wenn man pleite ist und sich nicht sicher ist, was einen erwartet, wenn man zurückkommt. Die meisten Leute wissen, dass 90 Prozent des Auf-Tour-Seins nur aus Warten bestehen. Für mich bedeutet das viel Zeit zum Tagträumen. Es war dieser Ort des Übergangs, in dem die meisten dieser Songs entstanden sind."

Wenige Tage vor der Veröffentlichung des Albums hatte Gaesteliste.de die Gelegenheit, im Videochat mit Zachary Cale mehr über die ungewöhnliche Entstehungsgeschichte von "Skywriting" zu erfahren.
GL.de: Zachary, bevor wir uns der neuen Platte zuwenden: Was sind die wichtigsten Lektionen, die du als Musiker in den inzwischen mehr als 15 Jahren seit deiner Veröffentlichung deiner ersten Platten gelernt hast?

Zachary Cale: Ich denke, man muss alles mit ein bisschen Vorsicht genießen. Du kannst dich einfach nicht auf etwas verlassen, weil du nie wirklich weißt, was passieren wird, was aus deinen Erwartungen wird. Du musst einfach weitermachen, weiterarbeiten. 90 Prozent ist einfach Arbeit und wenn dich das nicht glücklich macht, dann solltest du die Finger davon lassen (lacht)! Sicher, es ist großartig, wenn die Dinge ins Rollen kommen, du dich vernetzen kannst, ein breiteres Publikum erreichst, mehr Platten verkaufst und so weiter, aber das ist nur ein Bonus. Ich denke, dass ich über die Jahre gelernt habe, nicht zu viel zu erwarten.

GL.de: "Skywriting" ist in gewisser Weise dein "Lost album". Wie kam es dazu?

Zachary Cale: Ich habe 2015 "Duskland" auf No Quarter gemacht und dann haben wir im Grunde direkt danach mit "Skywriting" angefangen. Dann passierten alle möglichen Dinge und es folgten einige seltsame dunkle Jahre. Hier in den Staaten wurde Trump gewählt und es gab auch einige persönliche Dinge... Ich musste einfach eine Pause machen. Dennoch wir haben diese "Skywriting"-Platte ungefähr zu dieser Zeit gemacht und es hat irgendwie zu lange gedauert. An den Aufnahmen waren zwei verschiedene Bands beteiligt, deshalb hat es länger gedauert als nötig. Am Ende wendete ich mich den Songs zu, aus denen "False Spring" wurde, das bekam einfach Priorität, obwohl "Skywriting" schon praktisch fertig war. Aber ich hatte kein Label, weil ich die Zusammenarbeit mit No Quarter beendet hatte, da gab es eine Menge "Industriekram". Ich habe damals versucht, "Skywriting" woanders unterzubringen, aber das gelang mir damals nicht. Ich wollte die Platte herausbringen, aber irgendwann dachte ich: Okay, ich muss etwas anderes machen oder ich drehe durch. Deshalb fing ich an, mich dem "False Spring"-Zeug zu widmen, mit dem ich zu mehr Intimität zurückgekehrt bin. Das war mancher Hinsicht eine Reaktion auf diese ungewisse Zeit.

GL.de: Musikalisch hat die Platte eine etwas andere Ausrichtung. Was war der Auslöser dafür?

Zachary Cale: Ich hatte damals eine komplette Band, mit der ich regelmäßig auf Tour war. Wir spielten immer öfter in Rock-Läden oder im Vorprogramm von Rock-Bands, und deshalb haben wir uns das Ziel gesetzt, eine Rock-Platte zu machen, denn das war der Punkt, an dem wir uns befanden, oder zumindest, auf den wir uns zubewegten. Mit der kompletten Band wurden wir lauter und waren weniger nach innen gewandt und deshalb wollten wir das Album gemeinsam angehen, aber dann fiel die Band auseinander. Die gleichen Songs dann mit anderen Leuten spielen zu müssen, kann ziemlich hart sein, denn manchmal fühlt es sich so an, als hätten nicht mehr die gleiche Seele.

GL.de: Was hat dazu geführt, dass du nun doch zu "Skywriting" zurückgekehrt bist?

Zachary Cale: Ich wusste immer, dass es ein gutes Album ist. Es war ein wenig kompliziert, weil ich mir meine Platten für gewöhnlich nie wieder anhöre, sobald sie fertig sind, außer wenn jemand anders sie auflegt oder ich mich in einen alten Song reindenken muss, den ich spielen will. Es liegt nicht daran, dass ich nicht stolz auf die bin, aber ich kann mir meine alten Platten einfach nicht anhören, weil mir dann nur die Fehler ins Auge fallen, die besser hätten korrigiert werden sollen. "Skywriting" war ja nicht veröffentlicht, die Platte hing ein wenig in der Luft. Ein paar Monate habe ich mich nicht damit beschäftigt, aber dann hab ich sie mir doch eher beiläufig mal angehört und war richtig geschockt, wie gut die Platte war. Ich hatte das Gefühl, dass es ein prima Album war, das dem Publikum gefallen könnte. Auch aus meinem Freundeskreis hörte ich immer wieder: Das ist eine richtig gute Platte, das ist doch blöd, dass sie nicht erscheinen ist. Es gab also auch ein bisschen Gruppenzwang, denn auch die Leute, die an der Platte mitgewirkt hatten, sagten mir immer wieder, wie schade es doch sei, dass sie nie herausgekommen ist. Das hat mich davon überzeugt, dass die Platte wirklich gut ist.

GL.de: Auf dem Album stehen betont grüblerische, bisweilen dunkel gefärbte Texte einem spürbar heiteren, optimistischeren Sound gegenüber. War das Kalkül oder Zufall?

Zachary Cale: Musikalisch ist "Skywriting" ohne Frage heiterer, allerdings bin ich nicht sicher, ob die Texte wirklich so düster sind. Sie sind nachdeklich, aber das ist nicht unbedingt etwas Neues für mich. Das ist die Gefühlslage, in der ich für gewöhnlich schreibe. Die Songs sind alle schon vor langer Zeit entstanden. Viele der Texte reflektieren eine Zeit, in der ich viel von zu Hause weg war. In gewisser Weise ist das eine Zeitkapsel, die diese Gefühle einfängt. Dann ist das Album allerdings nicht erschienen, als es hätte herauskommen sollen, und anschließend wurde es ziemlich duster. Meine Freundin hatte gesundheitliche Probleme, meine Band fiel auseinander, ich hatte kein Label mehr, und das hat in mir ziemlich viele Zweifel geschürt. All das hat sich aber eher auf "False Spring" niedergeschlagen. "Skywriting" handelt eher vom Spaßhaben, vom Reisen, vom Machen! In dieser Hinsicht ist das Album ziemlich unbekümmert. Während des Lockdowns habe ich eine Klavier-Platte aufgenommen, die eher düster ist und stärker die Zeit der Pandemie widerspiegelt. Wenn die jetzt herauskommen würde... ich weiß nicht, ob das jemand würde hören wollen. Deshalb bin ich sehr glücklich, dass ich mit "Skywriting" jetzt erst einmal eine Rock-Platte habe, die Spaß macht, das ist vielleicht eher das, was die Leute - oder zumindest ich - gerade hören wollen. Vom Timing her passt das echt gut!

GL.de: Trotz all der Veränderungen ist auch "Skywriting" keine vollkommene Abkehr von alten Idealen, sondern sofort als Zachary-Cale-Werk zu erkennen. Ist das Absicht?

Zachary Cale: Ja! Nimm nur mal David Bowie. Man weiß sofort, dass es Bowie ist, und seine Platten klingen immer gut, obwohl es sehr unterschiedliche Arten von Platten sind. Das habe ich immer respektiert. Zu Leuten wie ihm schaue ich auf und versuche, etwas Ähnliches zu machen, wenngleich ich nicht so virtuos bin und meine Sachen nicht so eklektisch sind. Ich möchte neue Sachen machen und mich nicht nur ständig wiederholen. Das heißt nicht, dass es nicht trotzdem okay ist, sich auf sein früheres Tun zu beziehen. Ich kann mir gut vorstellen, irgendwann, vielleicht schon bald, mal wieder ein Akustik-Folk-Soloalbum zu machen. Das mache ich nicht ständig, aber in gewisser Weise ist das eine Art Fingerabdruck für mich.

GL.de: Ja, aber genau darum geht es ja: Sich zu verändern, ohne den Kern der Sache aus den Augen zu verlieren.

Zachary Cale: Das ist ein Stück weit Persönlichkeit. Mit der Zeit lernst du, wer oder was das ist, es wird zu einer Art Markenzeichen. Ganz egal, ob sich die Musik stilistisch etwas verändert, ob sie ein bisschen fröhlicher ist oder vielleicht etwas mehr ausproduziert - die Persönlichkeit sollte immer noch erkennbar sein, als Bindeglied, als roter Faden. Nimm nur mal den Schlagzeuger, mit dem ich derzeit zusammenarbeite: Er hat auf "False Spring" gespielt, aber zuvor auf keiner meiner anderen Platten. Er ist gerade damit beschäftigt, die "Skywriting"-Songs für die Konzerte zu lernen, die wir bald spielen wollen, und er sagte letztens: "Ich spiele inzwischen lang genug mit dir, um zu verstehen, was deine Songs ausmacht. Sie sind immer so sorgfältig aufgebaut." Ich weiß genau, was er meint: Man hat eine bestimmte Art, die Dinge anzugehen, und so unterschiedlich "Skywriting" und "False Spring" auf den ersten Blick auch sein mögen, gibt es doch Gemeinsamkeiten in der Art und Weise, wie ich Songs schreibe, wie ich Melodien und Refrain und Strophen strukturiere.

GL.de: Letzte Frage: Nach all den Jahren - hast du als Musiker noch unerfüllte Wünsche oder Träume?

Zachary Cale: Ich fühle mich gut mit dem, was ich gemacht habe, und ich mache immer noch neue Sachen. Wie ich schon sagte, habe ich während des Lockdowns eine weitere Platte eingespielt, die aber wahrscheinlich erst in einem Jahr oder so herauskommen wird. Dennoch glaube ich, dass ich mich immer noch pusche, deshalb habe ich das Gefühl, dass ich das, was ich künstlerisch machen möchte, erreicht habe. Aber wenn wir auf die geschäftliche Seite schauen: Da draußen zu sein und mehr für Leute zu spielen, das wäre schon schön. Das scheint mir im Moment etwas unerreichbar, aber ich denke nicht, dass das so bleiben muss. Es ist nur etwas, was ich angehen muss. Am liebsten würde ich das halbe Jahr mit Spielen und Reisen verbringen. Zum Glück habe ich im Moment einen wirklich guten Job, der es mir erlaubt, jederzeit auf Reisen oder auf Tour zu gehen, sobald das wieder vertretbar erscheint. Ich denke, mein Traum ist schlichtweg, wieder mehr aufzutreten und ganz allgemein mehr Leute zu erreichen. Das ist alles, was ich will!
Weitere Infos:
zacharycale.com
www.facebook.com/zacharycalemusic
twitter.com/zacharycale
www.instagram.com/zachary_cale
zacharycale.bandcamp.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Matthew Placek-
Zachary Cale
Aktueller Tonträger:
Skywriting
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