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RATBOYS
 
"Man ist nie fertig damit, besser zu werden"
Ratboys
Eine Band zum Verlieben: Seit etwas mehr als drei Wochen touren die Ratboys aus Chicago nun schon kreuz und quer durch Europa und erobern dabei im Vorprogramm von Julien Baker Abend für Abend die Herzen des Publikums im Sturm, als gäbe es für einen Supportact keine leichtere Übung. Im Gepäck haben Sängerin und Gitarristin Julia Steiner, Gitarrist Dave Sagan, Bassist Sean Neumann und Schlagzeuger Marcus Nuccio dabei ihr kurz vor dem Pandemie-Lockdown veröffentlichtes Album "Devil's Printer" und "Happy Birthday, Ratboy", ihre aktuelle LP, auf der sie zum zehnjährigen Bandjubiläum ihre Frühwerke klanglich in ein neues Licht rücken. Die Platten wie auch die Konzerte sind vollgestopft mit Songs, die mal schwarzhumorig und mal anrührend, mal vom klassischen College-Rock der 90er geprägt und mal mit einer Prise Post-Country gewürzt, vor allem aber stets betont melodiös, abwechslungsreich und fantasievoll sind und trotz aller smarten Cleverness dennoch ohne Umwege auf das Herz der Hörerschaft zielen.

Auch beim Interview mit Gaesteliste.de vor dem Konzert in Schorndorf am vergangenen Wochenende findet Julia stets die richtigen Worte, blickt auf die erste Dekade ihrer Band zurück, spricht über die Auswirkungen des temporären Ausfalls von Dave auf der laufenden Tournee und verrät, warum sie sich auf die beiden diese Woche abseits der Julien-Baker-Daten anstehenden Headline-Shows im Juha West in Stuttgart (11.05.2022) und in der Oetinger Villa in Darmstadt (12.05.2022) ganz besonders freut.
GL.de: Julia, wenn du Ratboys in nur drei Worten beschreiben müsstest und "Rock and Roll" keine Option ist, was würdest du sagen?

Julia: Vielleicht "Wirklich gute Band"? Es ist schwer, uns zu beschreiben. Beim Musikmachen habe ich ganz besonders viel Freude daran, Songs zu schreiben, die nicht gleich klingen, also haben wir auf den Alben viele verschiedene Stile und Sounds, aber ich denke, wir sind eine wirklich gute Band!

GL.de: Euer letztes Album heißt "Happy Birthday, Ratboy" und ist eine Mischung aus Alt und Neu. Was also ist der größte Unterschied zwischen Ratboys damals und heute?

Julia: Nun, da gibt es viele Unterschiede! Als wir die Band gründeten und anfingen, diese Songs aufzunehmen, bestand die Band nur aus mir und Dave, und die Musik war eher folkig und kam ohne elektrische Instrumente aus. Ich habe erst 2014 angefangen, Stromgitarre zu spielen, drei oder vier Jahre nachdem wir begonnen haben, gemeinsam Songs zu schreiben. Im Laufe der Jahre sind mehr Leute zu uns gestoßen und wir haben die Lautstärke deutlich erhöht (lacht). Deshalb wollten wir diese frühesten Songs einfach noch einmal neu aufnehmen, um sie ein wenig auf den neuesten Stand zu bringen.

GL.de: Was ist die wichtigste Lektion, die du in all den Jahren in der Band gelernt hast und die du jetzt entweder auf das Bandleben oder vielleicht sogar auf dein Privatleben anwenden kannst?

Julia: Wenn ich ehrlich bin, geht das Hand in Hand! Ich denke, ein wichtiger Aspekt des In-einer-Band-Seins ist, Kommunikationsfähigkeiten zu entwickeln, nicht nur hinsichtlich des Publikums, sondern auch mit Blick auf die Bandkollegen. Es geht darum, die Dynamik zu pflegen und sich umeinander zu kümmern und zu lernen, wie man wirklich ehrlich und ganz allgemein kommunikativ ist, wenn ein Problem auftritt. Das alles klingt eher nach Beziehungsratschlägen, aber wir haben gelernt, dass es schwierig sein kann, wenn man wochenlang auf so engem Raum mit Menschen zusammen ist. Aber wir wissen, dass wir einander sehr mögen, und deshalb ist das Ziel, in Sachen Kommunikation besser zu werden.

GL.de: Lass uns ein wenig über das Songwriting sprechen. Wonach suchst du in deinen Liedern und wie hat sich das über die Jahre verändert?

Julia: Ich persönlich suche nach einer Art fesselnder Melodie - das ist es, was mich in erster Linie anzieht -, aber auch nach einem Text, der mich vielleicht ein bisschen überrascht oder eine Art Geschichte erzählt. Das muss gar keine große Überraschung sein: ein unerwartetes Wort, das eine Zeile beendet, oder vielleicht eine Art Verbindung zwischen Anfang und Ende des Songs. Ich versuche immer, auf solche Dinge zu achten, wenn ich Lieder schreibe, und das hat sich nicht wirklich verändert. Darauf habe ich schon immer besonders Wert gelegt, versuche aber dennoch, immer besser zu werden, weil man nie damit fertig ist, besser zu werden.

GL.de: Als wir uns nach der Show in Hamburg zum ersten Mal getroffen haben, hast du erwähnt, dass eine abgesagte US-Tour 2020 mit Julien Baker nun zu diesen sechs gemeinsamen Wochen in Europa geführt hat. Wie bereitet ihr euch als Band und Menschen auf eine so lange Tournee in fremden Gefilden vor?

Julia: Wir haben uns monatelang auf diese Reise vorbereitet, und das war wirklich einzigartig an dieser Tour - dass sie bereits ein Jahr im Voraus angekündigt wurde. Es gibt logistisch so viele Dinge zu tun, das Equipment muss gemietet werden, ein Fahrzeug muss gefunden werden und die Unterkünfte gebucht werden, all diese wesentlichen Dinge. Ich persönlich habe mich nicht wirklich vorbereitet, außer mich mit Dingen einzudecken, die man unterwegs braucht. Mental mag ich das Gefühl, von einer Klippe zu springen, und genau so fühlt sich jede lange Tour an - besonders international, weil man da einfach nicht mit seiner Umgebung vertraut ist. Dies ist eine der längsten Touren, die wir je gemacht haben, und wir haben seit 2018 keine so lange Gastspielreise mehr unternommen, Ich weiß nicht, ob ich auf eine solch lange Tour vollständig vorbereitet war, aber es fühlt sich gut an und wir sind sehr glücklich, dass wir an wirklich schönen Orten spielen und die Gastfreundschaft in Europa großartig ist. Alles lief bisher reibungslos - abgesehen von der Sache mit Dave.

GL.de: Dave hat sich in Skandinavien nur wenige Tage nach dem Tourstart den Ellenbogen gebrochen und muss derzeit noch zuschauen. Nachdem der anfängliche Schreck überwunden war, scheint ihr das Ganze inzwischen weniger als Unglück und mehr als willkommene Herausforderung zu betrachten?

Julia: Ja, absolut! Mein Verstand ist auf Planung ausgerichtet und ich genieße die Art von logischen Herausforderungen, die eine Tour bietet, und diese Situation hat uns definitiv vor eine neue Art der Herausforderung gestellt: die Frage, welche der Songs können wir zu dritt spielen? Im Grunde mussten wir Lieder mit langen Gitarrensoli und großen Riffs vermeiden und uns auf die Songs konzentrieren, in denen ich mehr singe. Es war in der Tat eine Herausforderung, die aus dem Pool von Songs, die wir für diese Tour geprobt hatten, herauszufischen! Es hat aber auch Spaß gemacht, das herauszufinden. Es fühlte sich an wie ein Puzzle.

GL.de: Und du hast zuerst einige Shows solo gespielt…

Julia: Ja, das wollte ich gerade erwähnen! Ich habe direkt nach Daves Verletzung drei Soloshows gespielt. Das habe ich früher oft gemacht und es war, ehrlich gesagt, irgendwie beruhigend für mich, es war ein schöner Reset, weil das etwas ist, wobei ich mich wohlfühle, etwas wohler als mit der Triobesetzung, auch wenn sich das im Laufe der Shows zu dritt gewandelt hat. Das Ganze war beängstigend, aber mit Sicherheit auch eine lustige Herausforderung.
GL.de: Während der Pandemie mussten viele Menschen ohne Live-Musik leben, und das hat ihnen die Chance gegeben, den Stellenwert von Live-Musik in ihrem Leben neu zu bewerten. Hast du als Musikerin oder Musikhörerin Veränderungen bemerkt?

Julia: Es ist ein Klischee, aber Live-Musik ist absolut lebensnotwendig, nicht nur für meinen Lebensunterhalt, sondern für mein Leben als Mensch in einer Gemeinschaft. Als wir nach dem Lockdown zurückkamen und wieder anfingen, Shows zu spielen, fühlte es sich zuerst etwas seltsam an, besonders, weil zu der Zeit gerade Delta in den Vereinigten Staaten grassierte. Es war irgendwie beängstigend, dennoch sagten wir uns: Wenn wir für den Rest unseres Lebens nur noch solch seltsame Shows spielen könnten, wäre es immer noch besser, als gar nicht zu spielen. Nachdem uns das alles so unerwartet genommen wurde, ist es mir unmöglich, das als selbstverständlich zu betrachten, aber ich bin überglücklich, dass wir wieder da sind!

GL.de: Julien hat auf dieser Tour viele freie Tage, die ihr mit Headliner-Shows füllt, so wie in dieser Woche in Stuttgart und Darmstadt. Ist das etwas, das ihr genießen könnt, oder eher eine finanzielle Notwendigkeit?

Julia: Nein, das ist schön! An manchen Orten ist es besonders schön, weil viele der Shows mit Julien ausverkauft sind und die Leute uns so trotzdem sehen können, in Deutschland dagegen ist es einfach nur eine zusätzliche Entschuldigung, um noch ein bisschen länger hier zu bleiben. Wir spielen gerne und auf Tour sind manchmal die freien Tage etwas verwirrend, weil man nicht wirklich weiß, was man mit sich anfangen soll. Natürlich ist es schön, mal frei zu haben, um sich zurückzuziehen und Wäsche zu waschen oder was auch immer, aber im Allgemeinen ist es schön, spielen zu können. Im Juha West in Stuttgart spielen wir mit einer wirklich tollen Band aus den Niederlanden namens Snow Coats und darauf freuen wir uns sehr. In Darmstadt werden wir schon zum dritten Mal in der Oetinger Villa auftreten, denn Martin und die Leute, die dort das Sagen haben, sind unsere Freunde. Das Ganze ist in erster Linie ein Vorwand, um mit coolen Bands in coolen Locations zu spielen.

GL.de: Wie verändert sich die Dynamik, wenn ihr Headliner und nicht nur Support seid?

Julia: Wir werden ein längeres Set spielen, und ich erkläre normalerweise die Hintergründe der Lieder nicht so ausführlich, weil die meisten Leute sie vielleicht schon kennen. Außerdem ist der Zeitplan ein anderer, weil wir die erste Band sind, die vor Ort ist. Allerdings sind unsere Headline-Shows alle ziemlich punkig und ziemlich DIY, das ist also nicht das ganz große Abenteuer und definitiv eine Nummer kleiner als die Shows mit Julien. Es ist aber schön, einfach aufzutauchen und zu wissen, dass die Leute, die kommen, da sind, um dich zu sehen. Das ist eine Mischung aus weniger Druck und mehr Druck, in jeden Fall aber eine gute Sache.

GL.de: Ihr habt unlängst mit Chris Walla (früher der zweite kreative Motor von Death Cab For Cutie) ein neues Album aufgenommen. Gibt es etwas, was ihr dieses Mal anders gemacht habt?

Julia: Wir sind ziemlich anders an die Aufnahmen herangegangen, weil wir als Band nach Seattle gefahren sind, während wir in der Vergangenheit immer daheim in Chicago aufgenommen haben. Früher war es oft so, dass wir nicht immer alle gemeinsam im Studio waren, und deshalb fühlte sich der Prozess bisweilen einfach nicht so formell oder isoliert an. Dieses Mal waren wir alle vier für einen Monat in Seattle, und wir waren jeden Tag alle zusammen im Studio und waren in jeden Schritt des Prozesses eingebunden. Wir haben auch zum ersten Mal auf Tape aufgenommen, das hat wirklich Spaß gemacht - das gesamte Live-Tracking wurde auf Band aufgenommen. Außerdem war natürlich die Zusammenarbeit mit Chris Walla ein wahr gewordener Traum, denn er gehört zu unseren Idolen! Es war geradezu surreal, aber eine wirklich positive Erfahrung. Allerdings mischen wir die Songs immer noch, die Dinge bewegen sich gerade eher langsam, aber hoffentlich wird die Platte nächstes Jahr herauskommen!

GL.de: Letzte Frage: Was macht dich als Musikerin derzeit am glücklichsten?

Julia: Ich liebe es einfach, jeden Tag Gitarre zu spielen und mit meinen besten Freunden zu singen!
Weitere Infos:
www.ratboysband.com
www.facebook.com/ratboysmusic
twitter.com/ratboysband
www.instagram.com/ratboysband
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Manda Specht-
Ratboys
Aktueller Tonträger:
Happy Birthday, Ratboy
(Topshelf/Bertus)
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