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Interview-Archiv

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MARY GAUTHIER
 
Eine Hebamme für die Songs
Mary Gauthier
Mary Gauthier mag keine Pläne. Anstatt sich Konzepte auszudenken, reagiert die Songwriterin aus Nashville lieber jeweils auf das, was sie sieht und erlebt. Das war schon so, als sie vor 25 Jahren mit Mitte 30 ihren Job als Restaurant-Leiterin hinschmiss, um sich fürderhin als Songwriterin zu betätigen und war auch so, als sie ihr letztes Album "Rifles & Rosary Beads" mit US-Veteranen und deren Familien schrieb - und das ist auch so auf ihrem neuen Album "Dark Enough To See The Stars" so, das sie in ihrem 60. Lebensjahr unter dem Eindruck der Pandemie-Phase veröffentlicht und dabei den Verlust verschiedener Freunde thematisiert.
Was genau ihre Arbeit für Mary Gauthier bedeutet, kann man zudem in ihrem 2021 veröffentlichten Memoiren mit dem Titel "Saved By A Song" nachlesen, in dem sie ihre Karriere als Songwriterin analytisch kommentiert. Was hat sich für Mary in den 25 Jahren, in denen sie schon im Geschäft ist, geändert - und was ist gleich geblieben? "Das ist eine gute Frage", überlegt Mary, "mein Job ist im wesentlichen der gleiche geblieben. Mein Job ist es, die bestmöglichen Songs zu schreiben, die ich nur schreiben kann. Ich habe nie versucht, Songs für das Radio, Trends oder Moden zu schreiben. Ich habe auch nie versucht, populär zu sein. Ich mache einfach mein Ding. Das hat sich also nicht verändert. Ich suche nach der Wahrheit und schreibe darüber. Weil ich vor dreißig Jahren schon begonnen habe, Musik zu machen, habe ich viele Veränderungen im Musik-Business erfahren. Was aber immer gleich geblieben ist, ist das Gefühl, dass ich tue, was mir bestimmt ist zu tun, wenn ich auf der Bühne stehe, meine Songs singe und mit den Menschen kommuniziere. Ich bin in der Lage, die ganze Welt zu bereisen und kann von meiner Arbeit leben. Von Ort zu Ort zu ziehen und für Leute zu spielen, die das mögen, funktioniert für mich. Wenn sich das Geschäft mehr und mehr in Richtung Streaming und die sozialen Medien verlagert, dann habe ich da kein Problem mit. Ich habe ein Team, das sicherstellt, dass ich dort präsent bin - widme dem aber nicht viel Aufmerksamkeit. Verkäufe oder Streams waren nie mein Fokus - das sind die Live-Shows und das Miteinander mit den Menschen." Für Marys Verhältnisse ist das neue Album vergleichsweise üppig arrangiert. Als mögliche Referenzen drängen sich da Lucinda Williams oder The Band auf. Das ist aber nur eine Vermutung: Wovon lässt sich Mary denn heutzutage tatsächlich musikalisch inspirieren? "Das ist auch eine gute Frage", überlegt Mary kurz, "ich bin eigentlich immer von Lucinda inspiriert. Aber auch von The Band, dem großen Bob Dylan, Neil Young, Bruce Springsteen, Woody Guthrie oder Leonard Cohen. Ich werde mich wohl immer in der Welt der Folk-Sänger bewegen. Aber ich habe jetzt diese coole Band mit Musikern aus Nashville, mit der ich im Studio arbeite und ich bin immer mehr in der Lage, die einfach ihr Ding machen zu lassen. Ich habe für dieses Album eine Reihe von Songs geschrieben, die eher peppig angelegt sind - obwohl es natürlich auch wieder Kummer und Düsternis auf der Scheibe gibt; wegen Covid und Tod und Verlust. Es gibt aber auch dieses übergeordnete Gefühl der Liebe auf der Scheibe." Und das wurde dann im Studio in Musik umgesetzt? "Genau", bestätigt Mary, "wir haben die Stücke nicht vorher geprobt. Ich habe sie den Musikern ein Mal vorgespielt und die haben sich die Akkordfolgen notiert und dann haben wir das alles zusammen live im Studio eingespielt. Ich mochte das Gefühl, dass alle die Songs zu selben Zeit kennen lernten. Ich habe da diesen tollen jungen Pianisten namens Danny Mitchell - und den habe ich von der Leine gelassen. Er ist sehr gut. Es gibt auch jüngere Gitarristen und Fats Kaplan an der Pedal-Steel-Gitarre und Fidel. Es ist einfach eine gute Band - und die können wirklich gut zuhören. Ich singe jetzt auch besser. Vermutlich, weil ich schwimme." Schwimme? "Ja, seit der Pandemie schwimme ich jeden Tag zwei Meilen", führt Mary aus, "ich habe auf diese Weise gelernt, in Form zu bleiben und der Pool fühlte sich sicher an in dieser Zeit. Und dadurch hat sich mein Lungenvolumen erweitert und ich bin in der Lage, Töne ein wenig länger zu halten als zuvor. Ich denke, das macht meine Stimme interessanter. Und all das addiert sich zu ein wenig mehr Rock'n'Roll als Folkmusik."
In den neuen Songs geht es oft um Menschen, die Mary verloren hat und das damit verbundene Gefühl der Trauer und des Verlustes. Sind diese Menschen eigentlich noch präsent für sie? "Das ist eine schwierige Frage", zögert Mary, "ich weiß es nicht. Ich weiß, dass ich die Liebe noch spüren kann, die sie mir entgegen brachten. Ich fühle ihre Liebe und kann mit die Momente vor Augen führen, in denen sie mir diese großzügig entgegen brachten und dann kann ich das auch fühlen. Aber ob ich ihre Gegenwart noch verspüre? Irgendwie ja schon - aber es ist mehr eine Erinnerung. Ich weiß es wirklich nicht. Das ist ja, als fragtest du mich, ob ich an Geister glaube." Nicht notwendigerweise, denn verstorbene Personen können ja in Träumen durchaus noch gegenwärtig erscheinen - wenn auch nicht in der Realität des wachen Erlebens. "Da stimme ich zu", meint Mary, "im Unterbewusstsein gibt es sicher noch einen Ort für eine solche Präsenz. Vielleicht ist ja dieser unterbewusste Ort sogar die Realität. Vielleicht ist das, was wir gerade machen der Traum? Wer weiß das schon. Ich glaube an eine spirituelle Welt und ich fühle sie. Ich weiß aber nicht, was sie bedeutet und wenn ich versuche das zu ergründen, dann fließt sie wie Wasser über mich hinweg, aber ich fühle sie." Das ist ein interessanter Punkt, denn als wir Mary zum ersten Mal trafen, erzählte sie davon, dass sie Psychologie studiert habe, um ein Gegengewicht zur Religion zu finden, mit der sie sich so gar nicht identifizieren konnte. Hat das denn etwas gebracht? "Ja, denn heutzutage habe ich einen tiefen Glauben - den ich aber nach wie vor nicht an die Religion verknüpfe. Meine Gefühle der Religion gegenüber haben sich also nicht geändert. Aber ich habe dieses Gefühl von Ehrfurcht und ich glaube an die Liebe. Wenn es einen Gott gibt, dann ist es die Liebe und wenn es die Liebe ist, dann sind wir die Liebe und wenn wir die Liebe sind, dann sind wir Gott. Es gibt eine Kraft in der Liebe, die riesig und ewig ist. Aber wenn wir anfangen, das mit der Theologie zu verbinden, dann wird die Sache problematisch. Ich halte mich auch davon fern zu versuchen, das weiter zu ergründen. Was ich weiß, ist dass es Kräfte gibt, die ewig und riesig sind, und vor denen habe ich Ehrfurcht. Ich habe Ehrfurcht vor der Musik, ich habe Ehrfurcht vor der Natur, ich habe Ehrfurcht davor, dass ich überhaupt hier bin, ich habe Ehrfurcht vor dem Leben und ich bin dankbar für dieses Gefühl." Das ist ja schön, dass Mary die Musik als eine dieser Urkräfte sieht. Bedeutet das dann, dass sie sich von der Musik auch leiten lässt? "Ja, denn Songs kommen daher und wissen, wer oder was sie sein sollen. Ich fühle mich dabei wie eine Hebamme. Ich schreibe zwar die Songs, bin aber auch deren Geburtshelferin. Ich wechsle ständig zwischen diesen Positionen. Ich habe das Gefühl, dass die Songs sehr genau wissen, was sie sind - und ich nicht. Das ist schwer zu erklären - ich denke aber, dass viele Songwriter das ähnlich empfinden: Dass nämlich die Musik klüger ist, als man selber." Das ist ja der Grund, warum viele Menschen überhaupt erst beginnen, Songs zu schreiben: Weil die Musik eigentlich ein Eigenleben hat, das es einzufangen gilt. "Ja, und es ist irgendwie auch vorausschauend", führt Mary aus, "es gibt Vorahnung in Liedern. Sie kennen die Zukunft - und du kennst sie nicht. Nimm zum Beispiel meinen Song 'Mercy Now' - dieser Song erfindet sich ständig neu. Nach 22 Jahren seit ich ihn geschrieben habe, hat er immer noch eine Bedeutung und eine Weisheit, die ich nicht besitze. Denn ich habe diesen Song ja über einen bestimmten Punkt in der Zeit geschrieben - aber er weitet sich über die Jahre ständig in seiner Bedeutung aus."
Kommen wir aber mal zu den neuen Songs selber: Mary sagte ja, dass diese in der Pandemie entstanden sind. Nun sind aber fast alle der Tracks in Zusammenarbeit mit anderen Songwritern - ihrer Partnerin Jamee Harris, Ben Glover oder Beth Nielsen Chapman - entstanden. Wie hat das denn funktioniert? "Mit Zoom", erklärt Mary, "das ist cool - mir gefällt das sehr. Ich mag es auch sehr, mit anderen zu schreiben. Das hilft mir sehr, die Ziellinie von Songs zu erreichen. Und es ist für mich auch eine Möglichkeit, mit Menschen in Kontakt zu treten. Das ist ein bisschen, wie sich zu treffen. Da ist sehr konstruktiv und ich mag es, mit meinen Freunden zu arbeiten. Das passiert ganz natürlich: Jemand greift sich eine Gitarre und fängt an zu spielen, dann hat jemand eine Idee, die ein Song sein könnte, und dann fängt man an zu summen und es geht hin und her und Worte kommen ins Spiel und ändern sich. Es gibt keine Regeln und es gibt keine Aufgabenteilung. Es ist ein Hin und Her und es ist schwer sich an alle Kleinigkeiten zu erinnern." Denkt Mary denn über ihre musikalische Zukunft nach? "Nein - ich habe keinen Business-Plan", bringt es Mary auf den Punkt, "ich schreibe Songs und wenn ich genug habe, dann mache ich eine Scheibe. Ich weiß ja, dass das irgendwann passieren wird, und das fühlt sich gut an. Ich gebe mich dem Flow hin und das hat soweit ganz gut funktioniert. Ich habe ja auch dieses Buch 'Saved By A Song - The Healing Power Of Songwriting' geschrieben, das ich jetzt glücklicherweise verkaufen kann, weil die Menschen ja zum Glück immer noch Bücher kaufen. Das scheint alles zu funktionieren. Ach ja: Ich lehre auch ganz gern. Ich mag es anderen Songwritern zu helfen, zu einem Verständnis für das, was sie tun zu kommen." Interessanter Punkt: Welchen Ratschlag hätte Mary denn für Menschen, die sich heutzutage als Songwriter versuchen möchten? "Das hat sich noch nie verändert", führt Mary aus, "Du musst einfach sehr, sehr gute Songs schreiben. Und was zeichnet einen sehr, sehr guten Song aus? Nun, das ist ein Song, der eine emotionale Verbindung zu den Menschen erzeugt. Ich glaube nämlich daran, dass man die Menschen etwas fühlen lassen muss. Musik kann Gefühle zum klingen bringen. Wenn ein Songwriter Gefühle vermitteln kann, dann wird er auch erfolgreich sein. Zu diesem Punkt muss man kommen - egal wie. Es gibt Techniken und Handwerkliches aber auch Talent und Rätselhaftes - es ist schwer in Worte zu fassen." Und wie sieht es mit der Inspiration aus? "Inspiration ist schon wichtig", überlegt Mary, "aber darauf zu warten, ist vielleicht eher eine schlechte Strategie. Wenn man hingegen die Gitarre zur Hand nimmt und versucht, als Songwriter eine Umgebung zu erschaffen, die inspiriert ist das schon eine bessere Strategie."
Weitere Infos:
www.marygauthier.com
marygauthier.bandcamp.com
www.facebook.com/marygauthiersongs
www.instagram.com/marygauthier
www.youtube.com/officialmarygauthier
Interview: -Ullrich Maurer-
Foto: -Alexa Kinigopoulos-
Mary Gauthier
Aktueller Tonträger:
Dark Enough To See The Stars
(In The Black/Membran)
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