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DRIVE-BY TRUCKERS
 
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Drive-By Truckers
Drive-By Truckers lassen den Blick zurückschweifen. Nach gleich drei betont politisch gefärbten Platten, auf denen die vor rund 25 Jahren in Alabama gegründete Band um die Doppelspitze Patterson Hood und Mike Cooley ihrer Wut und Enttäuschung über die Präsidentschaft Donald Trumps mit vor Emotionen strotzenden Songs Luft gemacht hatte, wenden sich die Heroen des modernen Southern Rock auf ihrem inzwischen 14. Album, "Welcome 2 Club XIII", ihrer eigenen Vergangenheit zu und knüpfen dabei nach ihrer berühmten Südstaaten-Trilogie "Southern Rock Opera" (2001), "Decoration Day" (2003) und "The Dirty South" (2004) an ihr Faible für konzeptionell gestaltete Alben im Dunstkreis von scharfer Gesellschaftskritik und persönlichen Erfahrungen an. Mit neun detailverliebt erzählten Story-Songs, die kraftvoll und leidenschaftlich von der ungebrochenen Liebe der fünf Southern Gentlemen für Lynyrd Skynyrd und die Replacements zeugen, zeichnen sie ihren Weg von den schwierigen Anfängen als Adam's House Cat in halbleeren Läden wie dem titelgebenden Club XIII in ihrer Heimat zu einer der angesehensten Live-Band ihrer Generation nach und vergessen dabei nicht, mit Songs wie dem klaustrophobisch anmutenden Sieben-Minuten-Opener "The Driver" auch neue Pfade zu beschreiten und so den sich hier und da einschleichenden Anflügen von Routine Einhalt zu gebieten.
Für Hood, Cooley und ihre Mitstreiter Brad Morgan am Schlagzeug, Matt Patton am Bass und Jay Gonzalez an den Tasten bedeuteten die letzten zwei Jahre eine echte Zäsur. Mehr als 2.000 Konzerte hat das US-Quintett allein in diesem Jahrtausend gespielt, jahrein, jahraus waren die fünf Herren unterwegs, bis die Pandemie auch sie zu einer unvorhergesehenen Auszeit zwang. Beim Treffen mit Gaesteliste.de vor dem DBT-Konzert im Gebäude 9 in Köln gesteht Patterson Hood, der bei unserem kurzen Gespräch mit seinem Kevin-Morby-Shirt stilecht auf einer Lucky-Strike-Bank der Patterson Tobacco Company sitzt, dass ihm das Ganze ziemlich zugesetzt hat. "Ich hoffe einfach, dass so etwas nie wieder passiert", sagt der 58 Jahre alte Musiker, dessen Vater David einst Mitglied der sagenumwobenen Muscle Shoals Rhythm Section, der vielleicht berühmtesten aller Studioband der 60er und 70er, war. "Ich bin ein sehr extrovertierter Mensch, und nicht in der Lage zu sein, irgendwohin zu gehen und Leute zu treffen, hat mich sehr getroffen. All die Dinge, die ich am liebsten mache, waren plötzlich unmöglich: Ins Restaurant gehen - nein! Zu Konzerten gehen - nein! Mit meinen Freunden abhängen - nein! Ich bin wirklich nicht gut mit der Situation klargekommen und ein bisschen durchgedreht. Weil ich Kinder habe, musste ich mich zusammenreißen, und das hat auch funktioniert, aber mehr als mich zusammenreißen war nicht drin. Ich hoffe, dass wir bald an den Punkt kommen, an dem man nicht mehr ständig an die Pandemie denken muss. Die Zahlen in den USA sind inzwischen leider wieder miserabel. Das haben sie wie so vieles andere auch gründlich vermasselt. Das hat mich sehr frustriert und war sicherlich meiner psychischen Gesundheit nicht zuträglich."

Zumindest auf Platte wenden sich Drive-By Truckers auf "Welcome 2 Club XIII" von den Problemen des Alltags ab und tauchen tief ein in die eigene Historie. Neu war diese Idee keinesfalls. "Einige der Songs für diese Platte habe ich bereits vor ziemlich langer Zeit geschrieben", verrät Hood. Ich habe weiter an ihnen gefeilt, und irgendwie hatte ich immer im Hinterkopf, dass ich ein Album wie dieses machen will. Dann allerdings wurden wir abgelenkt und wendeten uns anderen Dingen zu. Als Trump gewählt wurde, sind viele der Songs auf 'The Unraveling' auf der Grundlage von Gesprächen entstanden, die ich mit meinen Kindern geführt habe, die gerade alt genug waren, um wirklich wahrzunehmen, was um sie herum vor sich ging, und darüber ziemlich verärgert waren. 'The New OK' resultierte dann aus der Zeit des Lockdowns und der Tatsache, dass Trump Truppen in meine Wahlheimatstadt Portland schickte. Ich denke, er tat das, um zu testen, ob er damit durchkommt, und das klappte, was wirklich entmutigend war. Die Songs des neuen Albums sind dann vor etwas mehr als einem Jahr fertig geworden, und wir sind ins Studio gegangen. Eigentlich haben wir das nur gemacht, um endlich mal wieder zusammenzukommen. Wir hatten uns seit anderthalb Jahren nicht mehr gesehen, aber wir dachten, anstatt Songs zu proben, die wir schon tausendmal gespielt haben, machen wir lieber Demos der neuen Lieder, um zu sehen, wo wir stehen. Nach drei Tagen schauten wir uns an und sagten: 'Ich glaube, wir haben gerade eine Platte gemacht!'"

Das bedeutet auch: Nach drei Platten, die textlich ganz tief im Hier und Jetzt verwurzelt waren, machen Drive-By Truckers inhaltlich nun zwar eine Kehrtwende, zelebrieren musikalisch aber die Magie des Moments. "Mir gefällt diese Art der Gegenüberstellung. Vom Titelsong einmal abgesehen, sind viele der Lieder ziemlich dunkel und traurig, aber es gibt da diese unglaubliche Spielfreude, die hoffentlich durchkommt. Der Titelsong dagegen ist vermutlich eine der fröhlichsten Nummern, die wir je gemacht haben, er erinnert mich fast ein wenig an 'Let There Be Rock' auf 'Southern Rock Opera'. Es gibt eine ganze Reihe Leute, die das neue Album als nostalgisch bezeichnet haben, aber ich weiß nicht, ob ich dem zustimmen kann. Ich verstehe, warum die Leute das sagen, aber für mich fühlt es sich nicht wirklich so an."

So intensiv sich Hood auf "Welcome 2 Club XIII" auch mit der Vergangenheit beschäftigt hat - die Frage, was er der Nachwelt hinterlassen will, hat sich ihm dabei nicht gestellt. "Man weiß nie, was übrig bleibt und was nicht", sinniert er. "Nimm nur mal Big Star, eine meiner Lieblingsbands. Obwohl ich nicht weit entfernt aufgewachsen bin und mein Vater sogar einige von ihnen kannte, hab ich damals nie von ihnen gehört. Ich entdeckte sie im College, weil ein cooler älterer Freund das Album 'Radio City' hatte und sagte: 'Du musst das hören!' Ich war total überwältigt und verbrachte Jahre damit, nach der Platte zu suchen, konnte sie aber nicht finden. Heute sind Big Star viel berühmter, als sie es sich zu Lebzeiten - es ist ja nur noch einer von ihnen unter uns - je erträumt hätten. Man kann also nie wissen! Das ist das Verrückte an dieser Sache: Du machst eine Platte und hoffst, dass du etwas erschaffst, das die Zeit überdauert, selbst wenn du nicht mehr da bist!"

Obwohl die Platte eher spontan, ja, ungeplant entstand und die Band bei den Aufnahmen selten mehr als zwei Takes benötigte, zeichnet sich "Welcome 2 Club XIII" doch durch einen klar absteckten konzeptionellen Rahmen aus. Was reizt Hood eigentlich besonders an dieser Arbeitsweise? "Ich bin nicht sicher", erwidert er. "Vielleicht liegt es daran, dass ich ein echter Film-Nerd bin. Ich habe die Idee einer fortlaufenden Schilderung immer im Kopf, wenn ich schreibe. Außerdem gibt es auch noch die Cooley-Karte. Unsere Songs verbinden sich nicht nur, sie tun es auf eine geradezu unheimliche Art und Weise, ohne dass wir es jemals geplant hätten. So haben wir uns nicht hingesetzt und darüber diskutiert, dass er so etwas wie 'Every Single Storied Flame Out' schreiben sollte, damit das Lied zu meinen passt. Er kam einfach mit dem Song an, das war das, was er geschrieben hatte, und es war der perfekte Song für diese Platte. Er ist meine Lieblingsnummer darauf und einer meiner Lieblingssongs unserer Band überhaupt. Ich bin wirklich glücklich, dass meine Partner so sind, wie sie sind, denn wir alle genießen es wirklich, zusammen zu spielen, wir genießen es auch, gemeinsam abzuhängen, obwohl wir so viel Zeit miteinander verbringen, zoffen wir uns für gewöhnlich nicht."
Überhaupt ist Hood sehr dankbar, dass er mit Drive-By Truckers nun schon fast sein halbes Leben lang etwas hat, das ihn in der Spur hält - gerade mit Blick auf die Eskapaden früherer Zeiten, die die Basis für das neue Werk bilden. "Ich bereue nichts, was ich getan habe", sagt er bestimmt. "Ich bin froh, dass ich das alles überlebt habe und heute davon erzählen kann. Natürlich gibt es Momente, in denen ich denke: 'Ich hätte dort etwas vorsichtiger sein sollen', aber ich bedauere eher die Leute, die den Absprung nicht geschafft haben und in einer Abwärtsspirale gelandet sind, aus der sie sich nicht mehr befreien konnten. Diese Band zu haben, etwas, das dir hilft zu erkennen, wo oben und wo unten ist, hat sehr geholfen!"
Weitere Infos:
www.drivebytruckers.com
www.facebook.com/drivebytruckers
twitter.com/drivebytruckers
www.instagram.com/drivebytruckers
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Brantley Gutierrez-
Drive-By Truckers
Aktueller Tonträger:
Welcome 2 Club XIII
(ATO/Pias/Rough Trade)
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