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NEAL FRANCIS
 
Keine Erwartungen
Neal Francis
Mit seinem letzten November veröffentlichten aktuellen Album "In Plain Sight" macht Neal Francis einen ordentlichen Satz nach vorn - und das nicht nur klanglich. Das neue Werk des in Chicago heimischen Sängers, Pianisten und Songwriters ist weniger deutlich in der Vergangenheit zwischen klassischem Funk, Soul und R&B oder zwischen Leon Russell, Dr. John und JJ Cale verwurzelt als sein viel beachteter Erstling "Changes", denn nachdem der 33-jährige Tausendsassa auf seinem Debüt den Kampf mit seinen eigenen Dämonen in Songs gegossen und sich klanglich auf einen möglichst authentischen Retro-Sound eingeschossen hatte, war dieses Mal alles erlaubt, was dem liebenswerten Musikverrückten selbst gefällt. "Instrumentals, Ambient, Dance oder klassische Musik - manchmal fühlt es sich so an, als hätte ich gar nicht selbst unter Kontrolle, welche Form meine Lieder annehmen", erklärt er im Videochat mit Gaesteliste.de. Nachdem eine für Januar geplante ausgiebige Tournee hierzulande den Corona-Maßnahmen zum Opfer fiel, gastiert Neal Francis nun am 15. Juli beim einzigen Deutschland-Konzert seiner aktuellen Europa-Tournee in der Haldern Pop Bar.
GL.de: Neal, der Titel deines Debütalbums als Solist war geradezu prophetisch. "Changes" hat jede Menge Veränderungen mit sich gebracht. Hat das Album deine Erwartungen übertroffen?

Neal Francis: Ja! Ich hatte wirklich keine konkreten Erwartungen, was eine Art Philosophie von mir ist, aber ich war wirklich überwältigt von der Resonanz auf diese Platte, und es scheint, als ob die Leute, die "In Plain Sight" schon gehört haben, auch diese Platte wirklich mögen. Dafür bin ich wirklich dankbar.

GL.de: Hat "Changes" dich bestimmte Lektionen gelehrt, die du nun bei der Arbeit an der neuen Platte anwenden konntest?

Neal Francis: Ich habe gelernt, beim Unterwegssein auf mich selbst aufzupassen und einfach eine Routine zu entwickeln. Ich bin jetzt 33, und das ist anders, als mit 23 auf Tour zu gehen. Ich versuche, ein Verhalten mit viel Bewegung und Dehnung und gesunder Ernährung beizubehalten, da wir unser gesamtes Equipment selbst schleppen und aufbauen, was Anstrengung zusätzlich zu den Shows bedeutet. Ich kümmere mich also um mich selbst, um meine geistige Gesundheit, ich meditiere und rede mit Menschen. Aber ich möchte nicht, dass das falsch verstanden wird. Ich liebe es wirklich, zu touren, und ich bin darin besser geworden. Ich liebe es, Shows zu spielen, und ich liebe es, mit dieser Band zu spielen. Die Jungs, mit denen ich spiele, sind wie Brüder, und wir haben eine tolle Zeit.

GL.de: Das Presseinfo nennt Herzschmerz als eine wichtige Inspirationsquelle für deine Songs. Müssen die Songs deshalb strikt auf eigenen Erfahrungen fußen?

Neal Francis: Ja, ich denke, zum größten Teil ist das so, die Texte hängen direkt mit Ereignissen oder Emotionen zusammen, aber ich denke, ich komme nun an den Punkt, an dem ich einfach aus jeder Emotion oder jedem Moment schöpfen kann. Ich kann in meinen Erinnerungen kramen und Dinge aus meiner Vergangenheit abrufen, und das funktioniert genauso gut, als mitten im Schlamassel zu stecken, aber zum Glück ist letzteres nicht mehr zwingend erforderlich.

GL.de: Tatsächlich bist du als Songwriter auch schon früher immer sehr offen mit deinen Sorgen und Problemen umgegangen und hast sie oft zur Basis deiner Songs gemacht. Ist dir das stets leichtgefallen, so ehrlich und damit verwundbar zu sein?

Neal Francis: Das ist eine großartige Frage! Mir ist früh bewusst geworden, dass es mir wichtig ist, bei diesen Dingen ehrlich zu sein, weil sie so zentral für die Themen sind, über die ich geschrieben habe, besonders in puncto Veränderungen. Das aus der Geschichte herauszuhalten, hätte das Ganze unvollständig erscheinen lassen, denke ich.

GL.de: Inzwischen hast du vor allem in den USA ein beachtlich großes Publikum. Hat das etwas in deiner Herangehensweise an das Texten verändert?

Neal Francis: Nun, es gab bislang nicht allzu viele Fälle, in denen ich in eine unangenehme Situation geraten bin. Deshalb habe ich nie in Betracht gezogen, von diesem Pfad abzuweichen, wenngleich inzwischen nicht mehr alles streng autobiografisch sein muss. Die Geschichten auf der neuen Platte handeln bisweilen auch von anderen - wenngleich sie sich vielleicht allegorisch doch um mich drehen.

GL.de: Klanglich entfernst du dich auf "In Plain Sight" ein Stück weit vom authentischen Retro-Sound des Vorgängers und öffnest dich mehr und mehr dem Hier und Jetzt, ohne auf Trends zu schielen. War das eine bewusste Entscheidung?

Neal Francis: Das ist eine gute Frage. Ich stimme zu, dass ich bei "Changes" einen gewissermaßen manieristischen Ansatz verfolgt habe und versucht habe, bei der Produktion die Sounds der späten 60er und frühen 70er zu duplizieren, von denen ich damals gar nicht genug bekommen konnte. Ich habe mich dieses Mal tatsächlich dem analogen Prozess noch weiter verschrieben und alles auf Tonband aufgenommen, abgesehen von ein paar Overdubs wie die Slide-Gitarrenparts von Derek Trucks. Allerdings war ich, wie du sagtest, einfach offener für verschiedene Sounds, und ich denke, eine große Veränderung im Sound ist auch darauf zurückzuführen, dass ich ursprünglich vorhatte, Bläser zu engagieren. Also sprach ich mit einem Freund in Chicago, den ich als Leiter der Horn Section im Sinn hatte, aber der lehnte es wegen der Natur der Blasinstrumente sofort ab, an Sessions während der Pandemie teilzunehmen. Ich habe diese Idee dann sofort aufgegeben und mich dazu entschieden, stattdessen Synthesizer zu verwenden und mit allerhand Sounds auf verschiedenen Keyboards zu experimentieren.

GL.de: Bei den Aufnahmen haben dir dann Vintage-Instrumente wie Moog Model D, Juno 6 oder Korg MS 20 den Weg gewiesen. Bist du jemand, der an keinem Musikgeschäft vorbeilaufen kann, immer auf der Suche nach neuem Equipment?

Neal Francis: Ich bin ziemlich gut darin, mich im Zaum zu halten, wenn es um das Kaufen von Equipment geht, trotzdem habe ich eine Faszination für altes Vintage-Equipment. Die Tonbandmaschine, mit der wir das Album fertiggestellt haben, war ein 16-Spur-Gerät aus den 80ern, zuvor haben wir ein 8-Spur-Gerät, ebenfalls aus den 80ern, benutzt. Das gesamte Equipment, das zum Einsatz kam, war mindestens 30 Jahre alt, wenn nicht noch älter. Es ist schwer zu erklären, aber dieses Zeug hat einfach das gewisse Etwas, und deshalb haben wir uns auch entschieden, das 16-Spur-Gerät zu erwerben, anstatt die Aufnahmen zu digitalisieren.
GL.de: Angesichts deiner Faszination für die Vergangenheit: Wärst du gerne ein paar Jahrzehnte früher geboren?

Neal Francis: Es gibt Momente, in denen mir diese Frage durch den Kopf geht, aber letztlich bin ich wirklich dankbar, heute zu leben. Dafür gibt es viele Gründe, einer davon ist, dass wir so die Chance haben, auf die gesamte bisherige Musikgeschichte zurückblicken zu können, einschließlich dessen, was derzeit gemacht wird, denn derzeit entsteht meiner Meinung nach viel fantastische Musik. Ich bin genauso ein Produkt meiner Zeit wie jeder andere auch. Ich bin einfach dankbar, im Hier und Jetzt zu leben.

GL.de: In Anbetracht all der Errungenschaften der Vergangenheit kann es natürlich heute bisweilen auch wie eine Herkules-Aufgabe erscheinen, originell zu sein.

Neal Francis: Ich denke nicht so viel darüber nach. Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen versucht, etwas zu machen, das mich überzeugt, und wenn andere Leute es zu schätzen wissen, ist das ein Bonus. Denn wenn ich stolz auf das bin, was ich erschaffen habe, besteht eine gute Chance, dass es auch auf Resonanz stößt.

GL.de: Letzte Frage: Fällt es dir inzwischen leichter, zu Ergebnissen zu kommen, mit denen du zufrieden bist?

Neal Francis: Nun, es fällt mir schwer, einen Song auf einem Instrument zu schreiben, das mich irgendwie nicht inspiriert, und normalerweise schreibe ich deshalb gerne am akustischen Klavier. Nach all den Jahren ist das für mich immer noch der befriedigendste und vielseitigste Sound, der mir zur Verfügung steht.
Weitere Infos:
www.nealfrancis.com
www.facebook.com/nealfrancismusic
twitter.com/thenealfrancis
instagram.com/nealfrancismusic
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Liina Raud-
Neal Francis
Aktueller Tonträger:
In Plain Sight
(ATO/Pias/Rough Trade)
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