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DAWES
 
"Warte, so etwas darf man machen?"
Dawes
Kopfüber in die Zukunft: Auf ihrem inzwischen achten Album, "Misadventures Of Doomscroller", geben sich Dawes betont abenteuerlustig. Das Resultat ist ein Blick über den Tellerrand des Westcoast-geprägten Pop- und Rock-Sounds früherer Dawes-Platten, mit dem die Band alte Tugenden mit bisweilen jazzig anmutender Freigeistigkeit mutig und aufregend in neue Richtungen bugsiert und dabei bisweilen bei Songs von epischem Ausmaß jenseits der Zehn-Minuten-Marke landet. Doch so ungezwungen sich die vier Amerikaner mit der bewährten Unterstützung ihres langjährigen Produzenten und Vertrauten Jonathan Wilson der Arbeit an der neuen LP auch genähert haben: Im Kern ist auch das neue Album sofort als Dawes-Werk zu erkennen. Wie es dazu kam, erklärt Taylor Goldsmith im Gespräch mit Gaesteliste.de.
GL.de: Taylor, eine Zeit, in der wir alle viel Gelegenheit zum Nachdenken hatten, liegt hinter uns. Hast du bestimmte Lehren aus der Pandemie gezogen, die du in die Zeit nach der Pandemie hinüberretten möchtest?

Taylor: Das ist eine coole Frage! Ich denke, wir alle haben unsere Community, unser Zusammensein selbstverständlich angesehen. Es gab Zeiten, in denen wir zu richtig tollen Festivals mit einer prima Gage eingeladen wurden, und das Einzige, an das ich denken konnte, war: "Warte mal, wie viele Reisetage kostet das? Wie teuer ist das für uns?" Jetzt denke ich: "Ich war nicht einmal präsent genug, um das zu genießen. Das ist genau das, was ich immer machen wollte, und jetzt beschwere ich mich." Also hoffe ich, dass ich diese Lektion mitnehmen kann: "Ich tue, was ich liebe!" Das ist eine Lektion, die ich jetzt auf eine andere Weise lernen muss, denn jetzt habe ich ein Kind. Jetzt muss ich zwei Personen sein: präsent auf der Bühne, dankbar, dass wir das immer noch tun können, auch wenn sich die Gegebenheiten ändern oder verändert haben. Gleichzeitig aber möchte ich auch die ganze Zeit mit meinem Kind zusammen sein. Ich denke, man kann beides tun: Man kann etwas genießen und gleichzeitig jemanden vermissen.


GL.de: Auf eurem neuen Album macht ihr ziemlich viel anders. Es ist beeinflusst von Künstlern wie Grateful Dead oder Frank Zappa, die eher mit ihrer Geisteshaltung als mit ihrer Musik auf euch abgefärbt haben. Wie genau ist das gemeint?

Taylor: Ich denke, die Sache ist so: Man kann etwas zu schätzen wissen, ohne sich konkret davon angesprochen zu fühlen. Es gibt Künstler, die repräsentieren eine ganze Generation oder Ära, und manchmal repräsentieren sie auch mich, und ich denke: "Was ihr sagt, spricht mir aus dem Herzen!", ganz egal, ob das die Rolling Stones sind oder Bob Dylan. Manchmal sind es aber auch Rush oder Black Sabbath, und ich liebe, was sie machen, auch wenn sie musikalisch nicht meine Sprache sprechen. Ich mag es, Leute mit Geddy-Lee-Tattoos zu sehen, die alle 20 Rush-Alben auswendig kennen, und ein wenig bin ich dann neidisch, dass sie eine solch tiefe Verbindung mit der Band haben. Ich höre ihre Musik also nicht, weil ich das Gefühl habe, dass sie mir aus dem Herzen sprechen, aber weil ich weiß, dass sie vielen anderen aus dem Herzen sprechen. Weil sie das mit so viel Überzeugung tun, bin ich neugierig und möchte verstehen, was dahintersteckt. Genauso bin ich kein New-Jersey-Arbeiterklassekind, liebe aber trotzdem Bruce Springsteen.

GL.de: Ist das die einzige große Veränderung?

Taylor: Die andere große Veränderung, zumindest in meinen Augen, ist die Tatsache, dass sich unsere ersten vier Alben zumeist um Sehnsucht nach Liebe und um Romantik gedreht haben, weil ich praktisch die ganze Zeit Single war. Das war mein Leben, das ich versucht habe, ehrlich zu beschreiben. Dann traf ich meine jetzige Ehefrau [Schauspielerin und Sängerin Mandy Moore]. Das war mir so heilig, dass ich lange Angst hatte, Lieder über unsere Beziehung auf Platte zu bannen, so wie ich das zuvor ständig gemacht hatte. Es gibt viele Songs über uns, aber es geht in ihnen nicht darum, schmutzige Wäsche zu waschen. Seit unserem fünften Album, "We're All Gonna Die", hat es deshalb viel weniger Liebeslieder gegeben - ohne dass das je eine bewusste Entscheidung meinerseits gewesen wäre. Heute haben wir auf jedem Album vielleicht ein Liebeslied, zuvor war praktisch jeder Song ein Lovesong. Das war eine große Veränderung, die ich aber auch als Herausforderung begriffen habe. Ich musste dafür sorgen, dass ich besser darin werde, aus anderen Perspektiven zu schreiben und mir andere Themen zu suchen, denn all diejenigen, denen das nicht gelingt, verschwinden irgendwann von der Bildfläche. Es gibt so viele großartige Songwriter, die zu mir als verängstigtem 18-Jährigem, der sich die großen Fragen des Lebens stellt, gesprochen haben, die sich dann aber nicht weiterentwickelt haben. Jetzt sind sie Mitte 40, und obwohl es nicht schlecht ist, was sie machen, finde ich mich plötzlich nicht mehr in dem wieder, wovon sie immer noch singen. Dagegen gibt es Künstler wie Loudon Wainwright, Elvis Costello oder Joni Mitchell, die mit ihrem Publikum gewachsen sind, die sich die Freiheit genommen haben, uncool zu sein. Das zu verstehen, war ein großer Schritt für mich, und jetzt geht es für mich eher um die Frage, wie wir unser eigenes Tun würdigen können, denn wir haben uns etwas aufgebaut, was ziemlich einzigartig ist. Wir sind nicht die größte Band der Welt, aber ich kann bei einem Dawes-Konzert vor 300, 500 oder 2000 Leuten auf die Bühne gehen und nur unser neues Album und keine einzige alte Nummer spielen and unsere Fans würden damit glücklich sein. Ein solches Verhältnis zu seinen Fans zu haben, ist wirklich selten. Um auf den Gedanken der künstlerischen Freiheit zurückzukommen: Unsere Anhänger haben uns die Erlaubnis gegeben, wir selbst zu sein.

GL.de: So mutig ihr auf "Misadventures Of Doomscroller" auch neue Wege geht: Der Wunsch nach Veränderung und die erfolgreiche Umsetzung eines Neuanfangs sind oft zwei verschieden Paar Schuhe...

Taylor: Ja, zwischendurch war es wirklich schwer! Die Nummer, die nun die letzte auf dem Album ist, "Sound That No-One Made", war tatsächlich die allererste, die wir für das Album in Angriff genommen haben, und ich war lange überzeugt davon, dass sie am Anfang der Platte stehen muss. Also haben wir den Song aufgenommen - und er klang fürchterlich. Wir haben ihn nochmal aufgenommen - und er war immer noch fürchterlich. Wir haben zwei Tage Arbeit investiert, und weil das Stück zehn Minten lang ist, kannst du gar nicht so viele Versuche an einem Tag starten, bevor du erschöpft bist. Also haben wir uns anderen Liedern zugewandt, und ich war ziemlich verängstigt, weil ich nicht sicher war, dass wir wissen, was wir da tun! Dann haben wir "Someone Else's Cafe" und "Everything Is Permament" aufgenommen, und sobald diese Nummern Form angenommen hatten, wussten wir, dass es für uns einen Weg gibt, die langen Songs auf die Reihe zu bekommen, und anschließend haben wir dann auch "Sound That No-One Made" neu eingespielt. Aber um deine Frage zu beantworten: Anders als zuvor hatten wir dieses Mal zunächst das Gefühl, dass die neuen Songs für uns überhaupt nicht greifbar waren. In der Vergangenheit war das anders: Bei Songs wie "Who Do You Think You Are Talking To", "Between The Zero And The One" oder "Crack The Case" wusste ich stets sofort, wie sie anzugehen sind, wir alle wussten es, und das ist ein gutes Gefühl. Dieses Mal hatte ich bei jedem Song das Gefühl, erst einmal nicht zu wissen, was zu tun ist. Weil wir keinen Übungsraum haben, konnten wir die neuen Lieder nicht gemeinsam proben. Es gab nur meine Demos ohne Schlagzeug und ohne Keyboard. Ich schickte sie an die Jungs und erfuhr eine Menge Unterstützung, aber wirklich ausgearbeitet haben wir die Lieder erst im Studio. Am ersten Tag war mir deshalb ganz schön mulmig, denn bis dahin hatten die Songs ausschließlich in meinem Kopf gut geklungen. Zum Glück haben sich alle der Herausforderung gestellt!

GL.de: Letzte Frage: Im Nebensatz hast du eben schon textliche Veränderungen angesprochen, doch wonach suchst du heute in deinen Liedern?

Taylor: Der Name Frank Zappa ist bereits gefallen, und es war aufregend für mich, ihn zu entdecken. Es war, als würde man die Filme eines bestimmten Filmemachers sehen oder einen bestimmten Roman lesen und sich fragen: "Warte, so etwas darf man machen?" Genau so war es für mich, Frank Zappa zu hören. Mit dem, was er tat, gab er allen die Erlaubnis, Lieder über alles zu schreiben, was sie wollten. Das war großartig für mich, weil ich denke, dass ich mich als Texter und als Zuhörer in dem Tun von Künstlern, die sehr ernst und traurig sind, einfach nicht mehr so wiederfinde - obwohl ich denke, dass es einen Platz dafür gibt und tatsächlich der größte Teil meines Lernprozesses als Songwriter auf dieser Art von Musik fußt und ich selbst oft solche Musik geschrieben habe. Im Moment dagegen liebe ich es, Künstler zu finden, die mich zum Lachen bringen können oder ein vollständigeres Bild dessen vermitteln, was vor sich geht. Gleichzeitig bin ich aber auch der Typ, der John-Prine-Songs liebt, bei denen es keinen Subtext gibt und man nicht wissen muss, was er gerade durchmacht, um zu verstehen, was er meint. Ich mag da ein bisschen von allem!
Weitere Infos:
dawestheband.com
www.facebook.com/Dawestheband
twitter.com/Dawestheband
www.instagram.com/dawestheband
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Ward & Kweskin-
Dawes
Aktueller Tonträger:
Misadventures Of Doomscroller
(Rounder/Concord/Universal)
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