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CASSANDRA JENKINS
 
"Bittersüß ist das beste aller Gefühle"
Cassandra Jenkins
"Ambient-Folk aus flüssigem Gold" - treffender als die Kollegen von Byte FM kann man den hingetupften Sound kaum beschreiben, mit dem Cassandra Jenkins auf ihrer im Frühjahr 2021 erschienenen Glanztat "An Overview On Phenomenal Nature" verzaubert. Auf ihrer zweiten LP entführt uns die amerikanische Singer/Songwriterin in die Welt ihrer Erfahrungen und intimsten Gedanken. Dabei übersetzt sie ihre herzzerreißenden, bisweilen wehmütig anmutenden, oft aber mit einem Augenzwinkern erzählten Geschichten, die persönliche Tragödien widerspiegeln und vom Wirrwarr unserer Zeit inspiriert sind, klanglich aber nicht in Chaos und Lautstärke, sondern schafft mit leisen Tönen und sanfter Schönheit zwischen Indie-Folk, Jazz-Anklängen und dezenten Saxofon-Einwürfen das perfekte Ambiente zum Nachdenken und Fallenlassen. Ende August und Anfang September stellt sie das Album und das vor wenigen Wochen endlich auch auf Vinyl erschienene Schwesteralbum "(An Overview On) An Overview On Phenomenal Nature" mit bislang unveröffentlichten Songskizzen, Demos und verworfenen Aufnahmen auch hierzulande live vor, und Gaesteliste.de ist stolz, nach Gastspielen in der Volksbühne Berlin und beim Golden Leaves Festival Darmstadt nun auch Jenkins' letztes Deutschland-Konzert des Jahres in der heimeligen Atmosphäre des Aalhaus in Hamburg-Altona am 01. September 2022 präsentieren zu dürfen.
Berlin, Mitte Juni. Viel Zeit hat Cassandra Jenkins an diesem sommerlichen Nachmittag nicht für das Gespräch mit Gaesteliste.de, denn der Soundcheck für ihr abendliches Gastspiel im Saal der altehrwürdigen Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz kann nicht warten. Die 38-jährige Tochter einer New Yorker Musikerfamilie reist auf dieser kurzen Europa-Tournee mit leichtem Gepäck und sucht sich ihre Musikerinnen und Musiker oft erst vor Ort zusammen. An diesem Abend steht sie nicht nur gemeinsam mit ihrem langjährigen Drummer Noah Hecht auf der Bühne, sondern wird auch noch von der kurzerhand per Instagram-Aufruf rekrutierten Saxofonistin Nikola Müller und bei einer Nummer auch erstmals von ihrer Tourmanagerin Hannah Benedum am Bass begleitet - der Soundcheck ist deshalb auch gleich noch die Probe für den Auftritt. Trotzdem strahlt Jenkins bei unserem Treffen die gleiche Ruhe und Gelassenheit aus, mit der sie auch auf "An Overview On Phenomenal Nature" fasziniert - eine Einschätzung, die sie mit einem Lachen quittiert. "Ich muss nur lachen, weil ich nicht das Gefühl habe, ein besonders entspanntes oder ruhiges Leben zu führen", sagt sie. "Vielleicht ist es eine meine Art, mich durch dieses irgendwie chaotische Leben zu schlängeln, indem ich - zumindest nach außen - so gelassen wie möglich bin. Vielleicht liegt es auch daran, dass viele Leute finden, dass meine Stimme und mein Tonfall sehr gelassen klingen. Tatsächlich sind viele meiner Lieblingsmenschen sehr ungeduldig, aber sie haben eine gute Ausstrahlung und lassen den Menschen viel Raum, damit ihre Unruhe nicht zu belastend ist. Ich denke, ich gehe die Sache auf ähnliche Art und Weise an."

Auch auf "An Overview On Phenomenal Nature" beweist Jenkins ein goldenes Händchen, wenn es darum geht, negativen Schwingungen in etwas Positives zu verwandeln. Die acht Songs des Albums drehen sich um Verlust, um das Verlorensein und andere Tiefschläge im Leben. Gefühle, die nicht zuletzt durch den plötzlichen Tod von David Berman ausgelöst wurden. Der legendäre Songwriter und Musiker, einst Kopf der Indie-Darlings Silver Jews, feilte im Sommer 2019 nach vielen persönlichen Rückschlägen an seinem Live-Comeback und lud Jenkins ein, mit ihm als Teil seines Purple-Mountain-Ensembles auf US-Tournee zu gehen. Bereits die Proben für die Konzerte hinterließen tiefen Eindruck bei ihr, sogar die Tourneeoutfits waren bereits bestellt, doch die Gastspielreise fand nie statt. Wenige Tage vor dem geplanten ersten Auftritt nahm Berman sich das Leben. Jenkins war fassungslos. Um Abstand zu gewinnen, reiste sie zu Freunden nach Norwegen, um die Geschehnisse zu begreifen und zu verarbeiten. Mit dem Song "Ambigious Norway" auf "An Overview On Phenomenal nature" fasst sie die Unwirklichkeit der Situation in Worte: "My suit came in the mail today / We settled on navy blue / Turns out it fits okay / Over a t-shirt and dress shoes" heißt es dort, und: "Landing in Oslo / There's still something in the air / No matter where I go / You're gone, you're everywhere / You're gone, you're everywhere / Everywhere". Auch wenn die Songs zunächst lediglich dazu gedacht waren, sich den eigenen Kummer von der Seele zu schreiben, sind es am Ende doch auch Lieder, die ihre Hörerinnen und Hörer bei der Hand nehmen und sie im eigenen Heilungsprozess unterstützen. Mal betont "matter of fact", dann wieder wunderbar poetisch und assoziativ, bestechen Jenkins' Songs durch ihre Aussagekraft, lassen aber stets genug Interpretationsspielraum, um dem Publikum die Möglichkeit zu geben, sich selbst darin wiederzufinden, darin zu verlieren.

Mit der verjazzten Spoken-Word-Nummer "Hard Drive" unterstreicht Jenkins dagegen ihr Faible für raffiniertes Songwriting, wenn sie ihre philosophischen Grübeleien geistreich als eine Reihe von beiläufigen, fast schon surrealen Konversationen präsentiert, etwa mit einer Sicherheitsbeamtin in einem New Yorker Museum, die ihr einen Überblick über die Verbundenheit des Menschen mit der Natur – den titelgebenden "An Overview On Phenomenal Nature"gibt oder Perry, die Wahrsagerin mit Edelsteinaugen. “She said, "Oh, dear, I can see you've had a rough few months / But this year, it's gonna be a good one / I'll count to three and tap your shoulder / We're gonna put your heart back together." Jenkins selbst tut derweil so, als sei das keine große Sache. "Das ist die klassische Geschichte, dass das Leben oft die besten Geschichten schreibt", sagt sie bescheiden. "Ich schreibe lediglich das auf, was passiert ist, aber dadurch, dass ich es aus meiner Perspektive betrachte, drehe und wende ich es ein wenig. Das Schöne dabei ist, zu überlegen, was oder wen du unters Mikroskop legst." Doch aus welchen dieser oft beiläufig erscheinenden Momente macht Jenkins am Ende Songs für die Ewigkeit, und welche bleiben nur flüchtige Begegnungen mit Fremden, die schnell wieder vergessen sind? "Das ist eine wirklich tolle Frage!", erwidert sie lachend. "Ich denke, es hängt davon ab, wie empfänglich ich in diesem Moment bin. Ständig alles durch die Linse der Schreiberin zu betrachten, kann ziemlich überwältigend sein, dennoch sehe ich Dinge jeden Tag, überall, das hört nie auf." Ähnlich wie viele ihrer Lieblings-Songwriter, Dichter und Schriftsteller beleuchtet sie mit ihren Beobachtungen oft simpelste, alltäglich erscheinende Situationen und Ereignisse. "Die Haltung eines Beobachtenden einzunehmen, ist eine wunderbare Art, Dinge zu verarbeiten, es ist eine Meditation in Sachen Akzeptanz", ist sie überzeugt. "Ob ich später daraus einen Song mache oder nicht, ist nur selten meine Motivation. Ich beobachte, ich verarbeite, ich schreibe auf. Ich stelle mir das wie einen Satz Tarotkarten vor. Erst wenn ich mich hinsetze, mir die Charaktere anschaue und meine Beobachtungen zusammenführe, nehmen sie Bedeutung an. Es ist ein geradezu surrealer Akt, zwei unterschiedliche Dinge zusammenzusetzen und das Songwriting ist ein Raum, in dem man ohne Ende damit herumspielen kann. Das ist etwas, dass ich noch weiter ausreizen will. Das Songwriting ist mir sehr wichtig und auch wenn alles, wovon ich auf der letzten Platte erzähle, tatsächlich so passiert ist, möchte ich den Prozess doch fortführen und den nächsten Schritt machen."

Vielleicht auch deshalb war Jenkins nicht wirklich auf das erstaunliche Echo vorbereitet, das ihr zutiefst persönlich gefärbtes Album weltweit ausgelöst hat. Vor allem in ihrer amerikanischen Heimat kam Ende 2021 kaum eine Endjahres-Bestenliste der Medienvertreter ohne "An Overview On Phenomenal Nature" aus, und bisweilen konnte die LP von ihrem Label Ba Da Bing gar nicht schnell genug nachgepresst werden, um die Nachfrage zu befriedigen. Aber Hand aufs Herz, ein bisschen muss sie doch gespürt haben, dass ihr da ein ganz besonderes Album geglückt ist? "Wenn es darum geht, wo mich diese Platte hingeführt hat, dass ich jetzt hier mit dir spreche - das ist schon eine Riesenüberraschung", gesteht sie. "Anfangs ging es mir nur darum, zu beobachten und zu verarbeiten und die Ereignisse zu verstehen, die mich sehr traurig gemacht haben. Ich habe diese Lieder nicht mit einem Album im Hinterkopf geschrieben, ich habe sie geschrieben, um sie auf - wie ich damals dachte - meiner allerletzten Tournee zu singen. Ich ging auf eine [schon vor Bermans Tod und allem was folgte vereinbarte] Gastspielreise mit Craig Finn und anschließend habe ich mein komplettes Equipment verkauft. Ich wollte der Musik als Job und dem ständigen Touring meinen Rücken kehren, auch wenn ich wusste, dass ich immer schreiben und spielen werde." Mit dem Gedanken, das kräftezehrende Leben als professionelle Musikerin hinter sich zu lassen, hatte Jenkins auch schon vorher immer mal wieder gespielt, und auch dieses Mal war es kein Abschied für immer. "Ich habe in meinem Leben schon so viele Jobs gehabt und sie abgehakt, aber die Musik, das Songwriting und die Tourneen fangen mich nicht nur immer wieder ein, es geht auch immer tiefer." Sie lacht. "Deshalb denke ich inzwischen: OK, ich muss das weiterverfolgen, denn ich glaube daran, die Leylinien in meinem Leben aufzuspüren und ihnen zu folgen. Das ist etwas, das ich stets tue. Das ist ein sehr intuitiver Prozess und sich dem hinzugeben, bedeutet, bereit zu sein, viel Kontrolle abzugeben. Wenn wir dieses Gespräch führen würden, während ich zu Hause bin, würde ich das vielleicht ganz anders sehen, aber jetzt bin ich eine Woche auf Reisen und so langsam werde ich locker. Zu Beginn bin ich für gewöhnlich viel strikter und will, dass alles perfekt ist. Auf Tournee geht allerdings immer alles schief, das ist einfach Teil der Sache, und ab einem bestimmten Punkt musst du einfach flexibel sein. Das ist ein wie ein Muskel, den du aufbauen musst. Dieser Muskel wird schwach, wenn du zu Hause bist, deine Routine hast und dir jeden Morgen die perfekte Tasse Kaffee machen kannst. Unterwegs trainiere ich nun den Muskel für Flexibilität und Intuition wieder und deshalb wird er kräftiger."

Die Idee, auf ihre Intuition zu vertrauen und ihrem Produzenten Josh Kaufman viel Verantwortung zu übertragen, setzte Jenkins auch bei der Produktion von "An Overview On Phenomenal Nature", doch wie sieht die selbsterklärte Perfektionist das Album nun, mehr als ein Jahr nach der Veröffentlichung? "Ich mag Aufnahmen, die tatsächlich das sind: Eine Aufzeichnung eines bestimmten Zeitabschnitts, die diesen Ort, diese Zeit festhält", erklärt sie. "Ich kann nicht glauben, dass es mir in einer Zeit, in der ich so viel Kummer hatte, überhaupt gelungen ist, etwas zu machen und ich schätze mich wirklich glücklich, dass ich dafür einen Mitstreiter gefunden habe, der gewissermaßen während des ganzes Prozesses meine Hand gehalten hat. Zusammen haben wir etwas erschaffen, dass betont unperfekt ist. Wenn man die Tonspuren der Aufnahmen isoliert, kann man falsche Töne, unbeholfene Übergänge oder den viel zu lauten Beckenanschlag mitten in 'Michelangelo' hören, denn oft waren das einfach die ersten Takes. Josh und ich haben aber Gefallen an diesen kleinen exzentrischen Momenten gefunden, denn letztlich ist das genau das, was ich auch an den Aufnahmen anderer fesselt."
Ganz im Sinne der Binsenweisheit "Life is what happens while you are busy making other plans”: Bevor ihr Leben so unerwartet auf den Kopf gestellt wurde, hatte Jenkins eigentlich vorgehabt, eine ganz andere Platte aufzunehmen. Die dafür geplanten Songs verwarf sie nach den traumatischen Ereignissen im August 2019 - mit einer Ausnahme. Der Song "American Spirit" schaffte es verspätet nicht nur auf "(An Overview On) An Overview On Phenomenal Nature", er steht nun auch am Anfang der meisten von Jenkins' Konzerten. "Das war der erste Song, mit dem ich damals bei Josh Kaufman anklopfte und fragte: 'Hey, wollen wir zusammen eine Platte machen?'", verrät sie. "Er sagte: 'Komm in mein Studio, und wir nehmen das auf, was du schon fertig hast.' Also spielte ich dort ein Demo von 'American Spirit' ein, nur ich an der Gitarre, und das wurde letztlich zur finalen Version. Anschließend vereinbarten wir, im August 2019 ein ganzes Album aufzunehmen, aber diese Termine habe ich dann abgesagt, als ich eingeladen wurde, bei den Purple Mountains einzusteigen. Wir vereinbarten, das Album in Angriff zu nehmen, wenn ich wieder daheim bin. Dann war es plötzlich Oktober, aber in der Zwischenzeit war unglaublich viel passiert. Wir hatten David verloren, ich war nach Norwegen gereist, nach Kalifornien, und als ich zurück in New York war, bedeuteten mir plötzlich all die Songs, die ich zuvor geschrieben hatte und die für das Album gedacht waren, gar nichts mehr. Ich fühlte mich wie ein anderer Mensch, sehr freimütig, und ich wusste, dass ich live nur Songs würde spielen können, die von einer unbedingten Ehrlichkeit gekennzeichnet sind. Deshalb ist 'American Spirit' nicht mit auf das Album gekommen, aber nachdem die Platte dann veröffentlicht war, hing ich ein wenig mit Josh rum und wir hörten uns den Song an. Mir wurde bewusst, dass er irgendwie doch zu den anderen passt. In gewisser Weise ist er so etwas wie eine Keimzelle, denn er ist in der gleichen Welt zu Hause: Er handelt von einer bestimmten Person, ist sehr amerikanisch und spiegelt die Art von Sanftheit wider, mit der ich mich für gewöhnlich Menschen nähere. Er vermittelt einen Blick auf etwas sehr Düsteres, aber mit viel Liebe. Er ist bittersüß, und bittersüß ist das beste aller Gefühle."
Weitere Infos:
cassandrajenkins.com
www.facebook.com/CassandraJenkinsOfficial
twitter.com/CassFreshUSA
www.instagram.com/cassandrajenkins
cassandrajenkins.bandcamp.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Wyndham-Boylan-Garnett-
Cassandra Jenkins
Aktueller Tonträger:
An Overview On Phenomenal Nature
(Ba Da Bing)
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