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MARLON WILLIAMS
 
"Als würde ich aus einem Traum aufwachen"
Marlon Williams
Als temperamentvoll, komplex und kinetisch sind seine neuen Lieder schon beschrieben worden, man könnte auch sagen: Auf den ersten Blick präsentiert sich Marlon Williams auf "My Boy", seinem dritten Album unter eigenem Namen, von einer ganz neuen Seite. Vorbei sind die Zeiten, in denen er Outlaw-Country-Helden wie Hank Williams oder Willie Nelson nacheiferte, jetzt sind es eher Duran Duran, John Grant, Perfume Genius oder Bee Gees, die für leuchtende Inspiration sorgen. Nach zwei Platten, auf denen der neuseeländische Singer/Songwriter mit der markant-samtigen Croonerstimme musikalisch ("Marlon Williams") und textlich ("Make Way For Love") in Nostalgie schwelgte, sucht er sich mit "My Boy" neue Herausforderungen und findet sie mit Songs, die inhaltlich spürbar weniger spezifisch, dafür aber verspielter und humorvoller als zuvor sind. Am Rande seiner Tournee im Vorprogramm von Lorde verriet uns Williams in Berlin mehr über seine mit tatkräftiger Unterstützung aus dem Tiny-Ruins-Lager eingespielte neue Platte und die Veränderungen, die damit einhergingen.
GL.de: Marlon, hast du in der Pandemie bestimmte Lektionen gelernt, die du in das Leben nach COVID-19 hinüberretten möchtest?

Marlon Williams: Ich bin mir sicher, dass viele andere Musiker dasselbe sagen werden, aber das war vielleicht das erste Mal, dass ich so lange stillgestanden habe. Zuvor führte ich ein Leben auf Tournee, wo man manchmal neun Monate damit verbringt, einfach um den Globus zu galoppieren. Wenn man in der Lage ist, ständig in Bewegung zu sein, ist es leicht, sich vor dem Lauf der Dinge und all den anderen Sachen, die einem das Leben schwer machen, zu verstecken. Diese erzwungene Pause zu haben, war großartig, um alte Beziehungen wiederaufleben zu lassen und zu sehen, wie es ist, nach so langer Zeit stillzustehen. Das war für mich die größte Erkenntnis.

GL.de: Du bist dein neues Album mit bestimmten Parametern im Hinterkopf angegangen. Wie genau sahen die aus?

Marlon Williams: Nun, zunächst einmal hatte ich eine ganze Reihe Musikerinnen und Musiker um mich, mit denen ich zuvor noch nie zusammengearbeitet hatte. Ich war so lange mit meiner Band, den Yarra Benders, auf Tournee gewesen, dass ich einfach den Wunsch hatte, wieder "the new kid in school" zu sein, um mir einbilden zu können, ein anderer zu sein. Das war die Idee dahinter, mit einem neuen Produzenten und ganz neuen Musikerinnen und Musikern zusammenzuarbeiten. Schon auf meinem letzten Album hatte es einige Synth-Sachen, gegeben und das war eine Richtung, in die ich mich noch stärker bewegen wollte. Dahinter steckte die Vorstellung, dass meine Stimme und meine anderen unverwechselbaren Kennzeichen, dabei helfen würden, die Form, die dieses Album annehmen würde, zu festigen - welche auch immer das sein würde. Je älter ich werde, desto wohler fühle ich mich bei dieser Herangehensweise.

GL.de: Im Waschzettel deines Labels findet sich die Behauptung, dass deine neuen Mitstreiter dir dabei geholfen haben, dem "alten" Marlon zu entkommen. Da drängt sich die Frage auf: Was war falsch an dem alten Marlon, dass diese Flucht nötig wurde?

Marlon Williams: Das ist eine berechtigte Frage (lacht)! Es ist die Geschichte des sich verwandelnden Schmetterlings, und diese Art von Verwandlung ist ein wirklich großer Teil dessen, was Künstler antreibt, neue Dinge zu schaffen und sich neu aufzustellen. Ich denke, ich habe in diesem Geiste gehandelt. Im Nachhinein denke ich, dass es vielleicht ein etwas unausgereifter Schritt war. Ich liebe das Produkt immer noch, aber ich hätte vermutlich nicht so spezifisch zu Werke gehen müssen, aber so ist das nun mal.

GL.de: Am Ende ist es aber doch ein sehr inspirierter Schritt gewesen, nicht zuletzt ob der Zusammenarbeit mit den Leuten von der wunderbaren Indie-Pop-Band Tiny Ruins. Allerdings hätte es doch sicher selbst in Neuseeland eine Menge Alternativen gegeben. Wie kam es also dazu?

Marlon Williams: Ich bin einfach ein großer Fan von Tiny Ruins. Tom Healy, den Tiny-Ruins-Gitarristen, der nun auch mein Album produziert hat, kenne ich, wenn auch nicht besonders gut, schon seit rund zehn Jahren, und deshalb hatten wir beide das Gefühl, dass wir einander vertrauen können, ohne je zuvor kollaboriert zu haben. Das Gleiche galt auch für die Musikerinnen und Musiker, ganz besonders für Cass Basil. Egal, welche Musikschaffenden in Neuseeland du auch fragst, die meisten werden sagen, dass es im ganzen Land keine bessere Bassistin gibt als Cass. Sie ist einfach unglaublich, und es großartig, sie um sich zu haben. Ganz abgesehen davon hatte ich noch nie mit einer Frau als integralem Teil der Band, der Rhythmusgruppe, zusammengearbeitet. Es gab also gleich eine Reihe von Gründen, genau diese Mitstreiterinnen und Mitstreiter auszuwählen, und es hat wirklich wunderbar funktioniert.

GL.de: Sich verändern zu wollen und es tatsächlich auch zu schaffen können bisweilen zwei Paar Schuhe sein. Gab es auf deinem Weg Hindernisse?

Marlon Williams: Der Schreibprozess für dieses Album hat sich viel länger hingezogen, als das bei meinen bisherigen Platten der Fall war. Das bedeutet auch, dass ich viel Zeit für Selbstzweifel hatte, viel Raum, gegen die Wand zu laufen und nicht weiter zu wissen. Manche Leute genießen es, jahrelang an ihren Platten zu arbeiten, aber in der Regel habe ich die Tendenz, meine Alben schnell zu erwürgen, sie schnell zu töten, damit sie nicht leiden. Alle Probleme, die auftraten, standen in Zusammenhang mit dem ausgedehnten Entstehungsprozess.

GL.de: Deine frühen Songs sind als geradezu journalistisch distanziert beschrieben worden. Glaubst du, dass deine neuen Lieder nun näher am echten Marlon dran sind?

Marlon Williams: Die neuen Lieder sind mit Sicherheit weniger offensichtlich journalistisch. Ich schreibe keine Balladen mehr über bestimmte Menschen - obwohl "Thinking Of Nina" sicher eine Ausnahme darstellt. In deiner Vermutung steckt sicherlich ein Funken Wahrheit, allerdings denke ich auch, dass da immer noch viel Distanz ist. Ich bin mir aber nicht sicher. Je mehr ich schreibe, desto weniger kann ich einschätzen, wie nah ich an etwas dran bin.
GL.de: Auch wenn das auf der neuen Platte weniger zum Tragen kommt, hast du ein besonderes Faible für Duette. Mal waren es einzelne Songs mit Lorde oder Aldous Harding bei Konzerten oder auf deinen Platten, zuletzt auch gleich ein ganzes Album, "Plastic Bouquet", zusammen mit Kacy & Clayton. Was macht den besonderen Reiz für dich aus?

Marlon Williams: Zunächst einmal ist es oft schwierig, allein für sich zu schreiben, oft kommt man einfach nicht in Fluss. Wenn du dagegen jemandem gegenüberstehst, den oder die du respektierst, dann willst du einfach abliefern. Du zielst auf die Version deines Selbst ab, die für dein Gegenüber Sinn ergibt, was auch bedeutet, dass jede neue Kombination zu anderen Ergebnissen führt. Weil du weißt, dass dich die andere Person mit bestimmten Augen sieht, versuchst du in gewisser Weise, du zu einer Version deines Selbst zu werden, die ganz auf die andere Person zugeschnitten ist. Fast wie eine Karikatur, auch wenn die Formulierung der Sache nicht wirklich gerecht wird. Es führt immer zu neuen und originellen Ergebnissen, mit unterschiedlichen Leuten zu arbeiten.

GL.de: Dennoch: Für deine Tournee, die im November auch in Deutschland Station macht, trommelst du aber wieder deine alte Combo zusammen, oder?

Marlon Williams: Ja, für die Tour werde ich wieder von den Yarra Benders begleitet, und das ist sehr aufregend, denn ich habe die meisten von ihnen lange nicht gesehen, das wird also eine emotionale Reunion. Die Solo-Tournee mit Lorde hat mir nun bereits die Chance gegeben, mich wieder an all die Dinge zu gewöhnen, die auf Tournee Fluch und Segen sind. Das Ganze fühlt sich an, als würde ich aus einem Traum aufwachen, denn alles fühlt sich brandneu an. Die Welt ist plötzlich wieder spannend!
Weitere Infos:
www.marlonwilliams.co.nz
www.facebook.com/marlonwilliamsmusic/
twitter.com/marlonwmusic
www.instagram.com/marlonwilliamssings/
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Derek Henderson-
Marlon Williams
Aktueller Tonträger:
My Boy
(Dead Oceans/Cargo)
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