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QUINN CHRISTOPHERSON
 
Neue Perspektiven
Quinn Christopherson
"Eindringlich" - mit diesem Wort ist das Debütalbum von Quinn Christopherson wohl am besten zu beschreiben. Verpackt in unaufdringlichen, balladesken Indiepop zeichnet der in Anchorage, Alaska, als Kind indigener Eltern aufgewachsene Musiker auf "Write Your Name In Pink" mit oft brutaler Ehrlichkeit, aber auch einem Händchen für poetische Zeilen seinen eigenen Weg nach, beleuchtet schlimme Teenagerjahre, sein schwieriges Verhältnis zu seiner Mutter und die komplizierte Suche nach seiner eigenen Identität. "I used to have long hair / I used to smile when I walked / I used to be someone I hated / I used to cry a lot / I used to think I was a woman", singt er in "Erase Me", dem Song, der nicht nur sein Outing als Trans-Mann im Jahre 2017 thematisiert, sondern ihn auch als Künstler auf den Weg brachte. Mit "Erase Me" gewann Christopherson 2019 den renommierten Tiny-Desk-Contest des US-Radiosenders NPR und konnte plötzlich sein Hobby zum Beruf machen. Im Gaesteliste.de-Interview spricht er über seinen Weg zur Musik, Kunst als Notwendigkeit und das Glück, sich die eigene Zukunft ausmalen zu können.
GL.de: Deine ersten Songs sind bereits vor drei Jahren erschienen, dein erstes Album veröffentlichst du aber erst jetzt. Was macht für dich den größten Unterschied aus?

Quinn Christopherson: Es ist lustig, weil es sich so anfühlt, als ob ich gerade erst angefangen hätte, Musik zu veröffentlichen. Es ist ganz anders als 2019, als ich gerade einmal zwei Songs herausgebracht habe (lacht). Ich weiß auch nicht - ich hatte so lange nur diese beiden Songs, dass es ich wirklich toll anfühlt, nun plötzlich Musik zu veröffentlichen, die mehr mein heutiges Ich repräsentiert. Es hat wirklich lange gedauert, aber ich habe mir auch bewusst viel Zeit genommen, weil meine Songs für mich eine Herzensangelegenheit sind. Aber es fühlt sich wirklich schön an, nun zu sehen, dass die Leute die Lieder hören und wie sie darauf reagieren.

GL.de: "Erase Me" und der Gewinn des Tiny-Desk-Contests haben es dir ermöglicht, dein Hobby zum Beruf zu machen. Hast du je Sorge gehabt, der Schritt von Musik machen zu dürfen hin zu Musik machen zu müssen könnte etwas verändern?

Quinn Christopherson: Nein, darüber habe ich mir keine Sorgen gemacht, da ich einfach liebe, was ich tue. Selbst auf Tournee zu gehen war richtig cool, wenngleich das natürlich auch mal belastend sein kann. Aber selbst diese Momente sind es total wert! Du investierst so viel in all die Planung, Vorbereitung und lange Anfahrt und fragst dich, ob der Aufwand gerechtfertigt ist für eine kleine 30-Minuten-Show. Aber wenn du dann auf der Bühne stehst, wird dir klar, dass das so viel größer ist, wenn die Leute vor dir stehen und ihre Energie mit dir teilen. Das ist etwas ganz Besonderes, und das sind die Momente, in denen mir alles klar wird und alles Sinn ergibt.

GL.de: Du hast in der Vergangenheit bereits gesagt, dass du mit dem Musikmachen als Selbstherapie angefangen hast, weil du das als Notwendigkeit betrachtet hast. Ist das ein guter Startpunkt für eine künstlerische Karriere?

Quinn Christopherson: Ja! Ich finde, es ist ein toller Startpunkt, denn bevor ich das Schreiben und die Musik entdeckt habe, gab es nichts, was mir geholfen hätte, mich besser zu fühlen. Das war eine echte Erleuchtung für mich. Ich schrieb etwas, teilte es und fühlte mich plötzlich gut. Das war total verrückt, denn so etwas hatte ich zuvor noch nie erlebt. Als ich anfing, drehten sich all meine Songs immer wieder um das gleiche Gefühl. Als ich mich dann aber voll der Musik widmen konnte, hatte ich plötzlich alle Zeit der Welt, nicht nur diesem einen, sondern allen Gefühlen auf den Grund zu gehen.

GL.de: In deinen Songs geht es oft um die Vergangenheit, aber auch darum, das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen und seine eigene Geschichte zu schreiben. Als Songwriter hast du ja die Freiheit, nicht nur über die Person zu schreiben, die du bist, sondern auch über die, die du gerne sein möchtest.

Quinn Christopherson: Mir gefällt es, beim Schreiben alle möglichen Perspektiven einzunehmen, das macht mir eine Menge Freude. Zum Beispiel habe ich meinen Song "Loaded Gun" [ein Lied über das Unterwegs als Musiker] geschrieben, bevor ich das erste Mal auf Tour war oder außerhalb von Anchorage aufgetreten bin. Ich hatte einfach Spaß daran, mir meine Zukunft auszumalen. Das Gleiche habe ich mit dem Song "Kids" getan, in dem ich mir vorstelle, wie es wäre, wenn ich jemals Kinder hätte, und wie ich mich als Elternteil schlagen würde. Dann wiederum gibt es einen Song wie "Uptown", der aus der Perspektive meines Ichs vor fünf Jahren geschrieben ist. Ich habe ihn allerdings erst Jahre später verfasst, weil ich damals gar nicht an mich gedacht oder über mich nachgedacht habe. Ich musste erst mal fünf Jahre trocken sein, um überhaupt einen Blick dafür zu haben, wer ich gewesen war und wer ich heute bin. Das war ein Song, der fünf Jahre Zeit gebraucht hat, um geschrieben werden zu können. Manchmal kannst du nicht sofort das in Worte fassen, was du durchmachst. Du brauchst eine neue Perspektive, neue Empathie und neue Weisheit, um zurückblicken zu können.

GL.de: Wie entscheidest du, ob ein Erlebnis zu einem Song wird oder nur als Erinnerung in deinem Kopf bleibt?

Quinn Christopherson: Klare Regeln gibt es dafür nicht. Bestimmte Ereignisse stechen aus unterschiedlichen Gründen zu unterschiedlichen Zeitpunkten heraus. Ich verfolge weniger die Ereignisse als die damit verbundenen Gefühle. Sobald mich etwas an ein bestimmtes Gefühl erinnert, verfolge ich das weiter.

GL.de: Beim Schreiben von "Write Your Name In Pink" hast du erstmals ein Album als Ziel gehabt. Wie hat sich das auf deine Herangehensweise ausgewirkt?

Quinn Christopherson: Ich wusste zwar, dass ich Songs für ein größeres Projekt schreibe, aber ich war mir nicht über das Wie, Was und Wann im Klaren. Es ist nicht so, dass ich zwölf Songs geschrieben hätte und die dann das Album sind. Das hat Jahre gedauert. Der Startschuss war "Neighborhood", denn zuvor hatten alle Songs, die ich über meine Mom oder aus ihrer Perspektive geschrieben hatte, sie stets als Bösewicht porträtiert. "Neighborhood" war der erste Song, in dem ich ihre Person mit mehr Empathie beschrieben habe, weil mir klar geworden ist, dass sie nicht nur jemand war, die mir Leid zugefügt hat, sondern dass ihr selbst zuvor auch Leid zugefügt worden war. Ich wollte die Komplexität der Menschen aufzeigen: Wir sind nicht alle nur schlecht oder nur gut. Als ich diesen Song schrieb, wurde mir bewusst, wow, ich kann die Perspektive in meiner Betrachtungsweise, meiner Denkweise wechseln. Das war ein sehr bedeutender Moment. Der nächste Song, den ich dann geschrieben habe, war "2005", der einer meiner Favoriten ist. Ich habe ihn geschrieben, weil ich solch eine schlimme Zeit in der Mittelstufe hatte, nicht unbedingt in der Schule selbst, aber in meinem persönlichen Leben. Diese Zeit war wirklich hart für mich, deshalb wollte ich vor allem auf die kleinen Momente zurückblicken, die sich gut anfühlten. Für mich war das gewissermaßen eine Notwendigkeit, denn immer, wenn ich den Song jetzt höre, denke ich an die positiven Dinge in der Mittelstufe. Vielleicht ist das ein Blick durch die rosarote Brille, aber ich brauchte das einfach.
GL.de: Musikalisch bewegst du dich derweil auf elektronisch umspülten Indiepop-Pfaden in zumeist gemäßigtem Tempo. Wie kam es dazu?

Quinn Christopherson: Weil ich als Solo-Singer/Songwriter angefangen habe, sehnte ich mich für diese Platte einfach nach mehr Saft und Groove. Im Kern sind meine Songs akustisch und langsam im Tempo, und deshalb hat es eine Menge Spaß gemacht, sich auf die Suche nach dem Groove zu machen. Dass viele Songs sich langsam aufbauen, ist durchaus gewollt. Ich erinnere mich daran, wie wir "Thanks", den ersten Song des Albums [und eine Liebeserklärung an seine Partnerin Emma], aufgenommen haben und einige Leute der Meinung waren, dass er unbedingt Schlagzeug braucht. Ich war strikt dagegen, weil sich für mich die lyrische Kadenz überhaupt nicht mit Schlagzeug vertrug. Als wir dann aber fast schon am Ende angekommen waren, wurde mir bewusst, dass die Drums am Ende einsteigen und für diese große Explosion sorgen könnten. Das war absolut perfekt (lacht)! Bis zu diesem Moment vermisst man das Schlagzeug aber gar nicht - ich denke, das ist ein gutes Zeichen!
Weitere Infos:
quinnchristopherson.com
www.facebook.com/quinnchristophersonmusic
twitter.com/BucketHatQuinn
www.instagram.com/quinnchristopherson
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Emma Sheffer-
Quinn Christopherson
Aktueller Tonträger:
Write Your Name In Pink
(Pias/Rough Trade)
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