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ALELA DIANE
 
Der Blick durch den Filter
Alela Diane
Nun auch schon wieder 20 Jahre im Geschäft ist die ursprünglich aus Kalifornien stammende, aber mit ihrer Familie schon lange in Portland, Oregon, lebende Songwriterin Alela Diane. Vielleicht war es deshalb an der Zeit, mit ihrem neuen Solo-Album "Looking Glass" - das zugleich auch Alelas Pandemie-Projekt geworden ist - eine Art Bestandsaufnahme anzugehen; dabei gleichzeitig auf die aktuellen Weltkrisen einzugehen und auf der anderen Seite auf das zurückzuschauen, was sich seit Alelas offiziellem Debüt-Album "The Pirate's Gospel" verändert hat. Und dass "Looking Glass" so heißt - und nicht etwa "Mirror" (was die zeitgemäße Bezeichnung für einen Spiegel wäre) - hat natürlich auch seinen Grund: Lewis Carroll und Alice im Wunderland haben da - zumindest im metaphorischen Sinne - auch noch ein Wörtchen mitzureden.
Tatsächlich wurde "Howling Wind", der erste Song, den Alela für das neue Album geschrieben hat, zwar ursprünglich von einem tatsächlichen Sturm inspiriert, entwickelte sich dann aber zu einer Allegorie über das Bestreben, sich einen sicheren Ort zum Schutz vor den Unbilden unserer Zeiten einrichten zu wollen. Nun ist Alela Diane aber keine Songwriterin, die die Extreme sucht. Tatsächlich gehört "Looking Glass" sogar zu den entspanntesten, ausgeglichensten Scheiben dieser Tage - und das ist ja auch mal ein schönes Gegengewicht, für die Hektik mit der eine Krise nach der anderen über uns hereinzubrechen scheint. "Ja das stimmt schon", pflichtet Alela bei, "ich spreche zwar all diese Dinge an, aber es geht mir um die Frage, wie man ruhig und gelassen bleiben kann, wenn um dich herum alles immer verrückter wird. Wie bewahrt man da seine Ruhe und kann vergleichsweise gut leben? Es gibt so viele Dinge um uns herum, die man einfach nicht mehr kontrollieren kann. Wie kann man dem entgegentreten, ohne sich davon runterziehen zu lassen? Ich meine es ist schon unerbittlich. Nicht nur die Pandemie betreffend - auch den Klimawandel. Dieser Sommer war noch ganz gut - aber die Feuer an der Westküste waren schon beängstigend. Da gab es echte Momente apokalyptischer Düsternis. Vorletzten Sommer konnten wir auch in Oregon nicht atmen, weil sich die Luft so drückend und toxisch angefühlt hat. Das spreche ich in 'Howling Wind' auch an." Und was ist Alelas Erkenntnis? Wie findet sie zu ihrem inneren Gleichgewicht im Angesicht der aktuellen Entwicklungen? "Nun, ich schreibe Songs und verarbeite damit die Dinge", überlegt sie, "ich denke, ich muss mich da erst mal um meine unmittelbaren Bedürfnisse kümmern. Beispielsweise, indem ich sicher stelle, dass genug Essen für meine Kinder im Kühlschrank ist. Und ich muss versuchen, in unserem Heim eine sichere Umgebung für meine Kinder zu erschaffen. Es passiert so viel um uns herum - und ich informiere mich darüber auch und halte mich up-to-date - aber es ist ja nicht so, dass eine Person das Gewicht der ganzen Welt tragen könnte. Es wäre unmöglich das zu versuchen und würde dich runterziehen, wenn du das alles auf dich einwirken ließest. Ich fühle das auch und mein Herz ist in gewisser Weise auch aus vielerlei Gründen gebrochen - aber das darf ich nicht zeigen und muss für meine Kinder da sein und sie versorgen und sicherstellen, dass sie zumindest die Illusion haben können, dass die Welt ein sicherer Ort für sie sein kann und hier aufzuwachsen keine schreckliche Vorstellung für sie sein muss. Sie sind ja noch sehr jung und können die Tiefe dessen, was gerade passiert, noch gar nicht erfassen. Ich muss für sie da sein und den Anschein aufrecht erhalten, dass alles in Ordnung ist. Tatsächlich habe ich gerade also auch einen besonders wichtigen Job."

In ihren Texten verwendet Alela eine Vielzahl spezifischer Details, von denen aber nur sie genau wissen kann, worum es geht. Wie ist das denn bei ihr mit der Realität? "Nun, meine Narrativen basieren immer auf jemandem, den ich kenne", räumt Alela ein, "ich weiß genau, um wen es geht und warum ich dieses und jenes sage. Ich bin immer beeindruckt von Songwriterin, die Charaktere erschaffen können, die nicht existieren - weil ich immer an die Realität gebunden bin. Manchmal vermenge ich auch die Eigenschaften von Charakteren - aber letztlich geht es immer um reale Personen." Ist die Natur denn immer noch eine Quelle der Inspiration für Alela als Songwriterin, wie es zu Beginn ihrer Karriere der Fall war? "Ich denke, dass das immer einen Weg in meine Texte findet, oder?", fragt sie zurück, "es gibt immer Referenzen auf die Natur - 'Camellia', die Pflanze, 'Paloma', der Vogel, 'Thunder' die Naturgewalt. Ich vergleiche immer meine innere Landschaft und meine Gefühle mit der Außenwelt und der Natur." Worauf bezieht sich der Titel des Albums "Looking Glass"? "Looking Glass" ist eine leicht antiquierte Bezeichnung für "Mirror" - hat aber durch seine Assoziation zu Lewis Carroll auch eine übertragene Bedeutung, denn das "Looking Glass" bei Alice In Wonderland zeigt ja alles verdreht und verzerrt. "Das ist richtig und das ist eine der Bedeutungen, die ich anstrebte", führt Alela aus, "es gibt aber noch eine andere Bedeutung: Mein 'Looking Glass' ist nämlich auch noch auf eine Referenz auf unserer moderne Art der Kommunikation. Denn wir schauen ständig auf ein Schauglas, wenn wir andere Leute beobachten - auf Zoom, in den sozialen Medien - ständig linsen wir in diese fremden Welten hinein - aber die Realität ist darin verzogen und verdreht - weil sie eben nicht das richtige Leben widerspiegelt. Mit der Pandemie haben wir uns sehr viel mehr hinter den Bildschirmen aufgehalten, Dinge gesehen, und Dinge über Leute herausgefunden, die wir eher weniger als gut kennen und diese 'Realitäten' haben uns natürlich beeinflusst. Das 'Looking Glass' ist also auch ein Sinnbild dafür, dass wir uns alle gegenseitig beobachten." Ist ein Spiegel, der nicht die Realität widerspiegelt, dann vielleicht nicht eher ein Filter? "Ja, ganz genau das meinte ich damit", bestätigt Alela.
Ein Song, der besonders heraussticht, ist "Camellia": Gemeint ist damit keine Person, sondern eine Kamelie. Stimmungsmäßig kommt "Camellia" dabei fast schon mit gothischem Flair daher, der im Vergleich zu den Folk-Roots, die die restliche Musik inspirieren, ein wenig aus dem Rahmen fällt. "Das hängt damit zusammen, dass diesem Song eine ganz spezifische Geschichte zugrunde liegt", verrät Alela, "ich habe diesen Song geschrieben, als meine jüngste Tochter Oona geboren wurde - die jetzt fünf Jahre alt ist. Ich wäre nämlich fast gestorben, als sie geboren wurde. Das war eine sehr traumatische Geburt. Oona wurde fünf Wochen zu früh geboren und ich habe dabei die Hälfte meines Blutes verloren. Nun ist das so, dass der rote Kamelien-Strauch hinter unserem Haus stets im Februar blühte. Und Oona ist auch im Februar geboren worden. Deswegen heißt es im Text 'February Bloom - February Blood'. Es geht darum, dass ich irgendwie gerettet wurde und danach dieses tief empfundene Gefühl über die Flüchtigkeit des Lebens hatte. Ich denke, dass ich dieses Gefühl auch mit zu der Scheibe gebracht habe - diese feine Linie zwischen gerade hier zu sein und in der nächsten Minute gehen zu müssen. Dieser Songs beschreibt dieses Gefühl und dieses Erlebnis." Und woher kommt dann die mystische Grundstimmung des Songs? "Es gibt immer diese eigenartige Synchronität in meinem Leben bestimmte Daten betreffend", führt Alela aus, "Oona ist am 25. Februar geboren worden - was auch der Hochzeitstag mit meinem ersten Ehemann war. Es ist schon sehr seltsam, dass sie am gleichen Tag geboren ist. Das hat dann den Hochzeitstag natürlich verdrängt. Dazu gibt es auch eine Referenz in dem Song. Und im Outro gibt es noch dieses Bild von den weißen Baumwoll-Laken - die man in einem Krankenhaus findet." Es passiert also eine ganze Menge mystisches Zeug zwischen den Zeilen. Das macht dann also alles Sinn.
Kommen wir mal zur Musik: Tucker Martine produzierte das Album für Alela - jedoch war es ihre Freundin Heather Woods-Broderick, die die Arrangements dafür schrieb. "Ach, wir haben doch alle zusammengearbeitet", meint Alela, "wir haben das Anfang 2020 in einem kleinen Team gemacht und auch alle Masken getragen - außer wenn wir gesungen haben. Heather, ich, Tucker und sein Assistent Cole haben die hauptsächliche Arbeit gemacht. Wir haben später allerdings noch ein paar Gastbeiträge hinzugenommen. Heather hat erstmal die Streicher- und Flöten-Arrangements gemacht. Einige ihrer Ideen basierten aber auf meinen Demo-Aufnahmen. Sie hat diese Ideen dann ausgebaut. Tucker hat dann noch Mikaela Davis gebeten, Harfe auf der Scheibe zu spielen. Tucker hat dann auch die Perkussion größtenteils gespielt. Ach ja: Mein Freud Ryan Francesconi hat die Streicher auf 'Strawberry Moon' und 'Another Dream' auf seine ganz spezifische Art arrangiert." Das erklärt dann auch, dass die Scheibe gar nicht so sehr nach einem Solo-Projekt klingt, sondern von einem organischen Miteinander getragen wird.

"Looking Glass" ist auf der musikalischen Ebene zugleich ein typisches Alela Diane-Album geworden - aber andererseits auf der inhaltlichen Seite auch eine Bestandsaufnahme, ein Rückblick und ein Kommentar. In diesem Sinne scheint Alela ein Kapitel abschließen zu wollen und kann sich nun entspannt einem neuen widmen.
Weitere Infos:
aleladiane.com
www.facebook.com/aleladianemusic
www.instagram.com/aleladiane
twitter.com/aleladianemusic
www.youtube.com/watch?v=457XTwohKH4
www.youtube.com/watch?v=uKoDNasHK8E
www.youtube.com/watch?v=_JrzoZVa_6U
Interview: -Ullrich Maurer-
Foto: -Anna Caitlin-
Alela Diane
Aktueller Tonträger:
Looking Glass
(Believe Digital/Soulfood)
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