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KRISTINA JUNG
 
"Nicht alles muss perfekt sein"
Kristina Jung
Sieben Jahre sind seit unserer letzten Begegnung mit Kristina Jung vergangen, sogar acht Jahre sind verstrichen, seit die in Baden-Württemberg heimische Singer/Songwriterin ihre verheißungsvolle erste (und einzige) EP "Into The Light That I Have Known" veröffentlicht hat, doch dafür gibt es denkbar simple Gründe: Ihr ist einfach das Leben dazwischengekommen. Losgelassen hat sie die Musik dennoch nicht, und deshalb erscheint all die Jahre später nun tatsächlich ihr feines Debütalbum "Care & Explosion" - noch dazu in einer liebevoll mit stilechtem Klappcover aufgemachten Vinylauflage des Oberhausener Boutique-Labels Cosirecords. Darauf finden sich Lieder, die von den düsteren Dämonen am Morgen danach, dem Horror der Liebe und anderen Zumutungen des modernen Lebens handeln und auch musikalisch das Ungewöhnliche, das Besondere fest im Blick haben.
Facettenreich nicht nur mit Gitarre und Stimme, sondern auch mit Farbtupfern von Synthesizer, Cello, Violine, Kontrabass und Saxofon instrumentiert, klingen die Songs auf "Care & Explosion" allesamt betont durchdacht - das Resultat eines akribischen Arbeitsprozesses, wenngleich auch glückliche Zufälle erlaubt waren, wenn Jung schöne, schwarz-romantische Melodien fantasievoll in einen Sound hüllt, der tief im klassischen Folk verwurzelt ist, aber auch Schlenker zu Outlaw-Country und sogar Klassik erlaubt. Hallte auf "Into The Light That I Have Known" bisweilen noch ein zeitloser Folk-Purismus im Geiste von Sibylle Baier, Nico oder Karen Dalton wider, sind die neuen Lieder nun spürbar aufwendiger und doch betont handgemacht in Szene gesetzt und mit Laura Marling, Marika Hackman und Sufjan Stevens deutlicher von Künstlerinnen und Künstlern aus diesem Jahrtausend beeinflusst und klingen so und trotz einer gesunden Portion Autonomie und Eigensinn - klassische Refrains finden sich in ihren Liedern selten - doch urban und zeitgemäß. Im Gespräch mit Gaesteliste.de spricht Jung über den langen Anlauf für ihren Album-Erstling und den Stellenwert der Musik in ihrem Leben. Außerdem erzählt sie, warum sie zwar mühelos feine Songs schreibt, aber nie einen Roman verfassen könnte und verrät noch so einiges mehr.
GL.de: Fallen wir gleich mal mit der Tür ins Haus. Acht Jahre nach deiner ersten, einzigen EP sei die Frage erlaubt: Warum hat das denn so lange gedauert?

Kristina Jung: Ja, krass, das ist schon erklärungsbedürftig. Die kurze Version lautet: Drei Ortswechsel, drei neue berufliche Betätigungsfelder, zwei Babys, eine Pandemie, ein Hausbau. Fakt ist, dass ich ja nur im Nebenberuf Musikerin bin, Priorität haben also immer erst mal der Brotberuf, den ich im Übrigen auch sehr gerne mache, und seit 2018 eben auch die Kinder. Ich kenne noch nicht mal eine Handvoll Mütter, die nebenher noch einen so großen künstlerischen Aufwand betreiben. Dafür bedarf es einfach einer immensen Kraftanstrengung aller Beteiligten, der Mütter, Väter, Großeltern und nicht zuletzt auch der Kinder, die früh viel Flexibilität und Anpassung leisten müssen, damit Mama und/oder Papa auch noch künstlerisch tätig sein können. Das kann nicht jede Familie leisten und das hat uns auch eine Menge gekostet. Ich habe das Glück, dass alle gut mitgespielt haben, zu dem Preis, dass Dinge halt nicht so schnell gehen, wie ich das oft gerne hätte.

GL.de: Wie hat sich der Stellenwert der Musik in deinem Leben mit der Zeit verändert?

Kristina Jung: Seit der EP habe ich angefangen, Songwriting zu unterrichten, zuletzt auch an der Musikhochschule in Freiburg. Das und die Tatsache, dass ich einfach irrsinnig viel experimentiert habe, haben mich immens entspannt. Ich liebe Musik nicht weniger, aber ich nehme nicht mehr alles so bierernst. Nicht alles muss gelingen, nicht alles muss perfekt sein, ich erlaube mir, mal was zu vergurken und Risiken einzugehen.

GL.de: Im Vergleich zu deiner EP hast du für die LP eine Menge am Sounddesign und den Arrangements geschraubt. Siehst du das als Ergebnis natürlicher persönlicher und künstlerischer Entwicklung, oder steckt dahinter eine konkrete Suche nach neuen Herausforderungen?

Kristina Jung: Ich weiß nicht, ob "Herausforderung" es ganz trifft, das klingt so furchtbar anstrengend, aber ich lerne gerne und ich bin gerne autark. Ich habe bis Mitte 20 darauf gewartet, dass irgendein Typ um die Ecke kommt und Lieder für meine Stimme schreibt. Irgendwann war mir das zu doof und ich habe angefangen, selbst zu schreiben. Dann saß ich da mit meinen Songs und habe auf einen Produzenten gehofft, bis ich mir dachte: "Was du selber kannst, kann dir keiner wegnehmen." Das war 2016.

GL.de: Wie schwer fällt es dir heute, die Ideen in deinem Kopf tatsächlich in real existierende Klänge umzusetzen?

Kristina Jung: Dass ich zunehmend über das technische Know-how verfüge, Ideen in Klang zu übersetzen, ist unfassbar erfüllend. Ich muss in dem Zusammenhang manchmal an Nietzsche denken, der schrieb, dass unser Schreibzeug an unseren Gedanken mitschreiben würde. So ist es, die Technik, die ich beherrsche, die Instrumente, die ich spiele, aber auch die technischen Restriktionen, die ich habe, schreiben sich in meine Musik ein und schreiben an ihr mit. Es fällt mir also zunehmend leichter. Übung macht die Meisterin und so.

GL.de: Unterstützt wirst du auf der LP nicht zuletzt von den gleichen Musikern, die schon bei der EP dabei waren. Ist das dem Wunsch nach Kontinuität geschuldet oder eher dem ausgedehnten Produktionsprozess oder doch der Tatsache, dass sich andere Konstellationen als weniger fruchtbar erwiesen haben?

Kristina Jung: Ich hatte einfach irrsinnig Glück. Eryk Pawlik, der zweite Gitarrist, ist mein Mann. Das wir zusammenarbeiten, ergibt sich einfach organisch. Michel Miersch, der Saxofonist, war unser Nachbar. Ich habe ihn üben gehört und ihn gefragt, ob er mitmachen möchte. Mit Irene Wagenhäuser, der Violinistin, habe ich als Kind gesungen, sie hat mir den Cellisten Johann Riepe vorgestellt. Markus Heinzel am Kontrabass hat meine erste EP aufgenommen und steht mir regelmäßig mit Rat und Tat zur Seite. Das größte Glück allerdings ist, dass Sebastian Specht, der Mischer, 2016 oder 2017 zufällig bei einem Konzert von mir war. Seitdem arbeiten wir harmonisch und experimentierfreudig zusammen. Da mir das Schicksal so prima Leute in die Hände gespielt hat, konnte ich einfach mit dem Flow gehen.

GL.de: Gerade angesichts der langen Produktionszeit und der unterschiedlichen Orte und Situationen, in denen die Songs entstanden sind, fügen sich die Lieder auf der Platte doch bemerkenswert nahtlos zusammen. Glückssache oder Masterplan?

Kristina Jung: Ich vermute, das liegt eher daran, dass ich freien Lauf bei der Gestaltung hatte. Am Ende klingt einfach alles nach mir.

GL.de: Textlich gehst du zumindest teilweise auf der LP neue Wege. Statt über fiktive Charaktere zu schreiben, scheinen diese Lieder näher an deinem Leben dran zu sein - und dabei zwischen "Twin Peaks" und "Ada" auch noch einen ziemlich großen zeitlichen Rahmen abzudecken. Was hat dazu geführt, dass du dir deine Themen inzwischen (öfter) in deinem eigenen Leben suchst?

Kristina Jung: Habe ich das? "Twin Peaks" ist eine Hommage an die David-Lynch-Serie, ebenso wie in "Swimming Pool Brain" geht es um Jugend, Verführung, Geheimnisse. "North Water" ist einem Gemälde des holländischen Altmeisters Jan van Goyen gewidmet. "Does The Wolf Know Where You Live" ist meine (wütende) Antwort auf das ewige Klischee der fragilen, morbiden Folkmusikerin. "Infant Thoughts" ist meine Reaktion auf einen Besuch der anatomischen Sammlung der Universität Rostock und die dort ausgestellten Föten. Sozusagen eine Reflexion der Spannung zwischen der Überhöhung von Geburt und Mutterschaft einerseits und dem taxonomisch-forensischen Blick andererseits. Aber ja, der Rest ist durchaus auch autobiografisch, ist ja auch eine Menge los gewesen bei mir. Ada ist der Name meiner Tochter, das Lied ist ihr Schlaflied, der Herzschlag, der anfangs zu hören ist und den ich in Synthies verwandelt habe, ist der Schlag ihres ungeborenen Herzens. Intimer wird's nicht.

GL.de: Du könntest statt Songs ja auch Gedichte oder einen Roman schreiben, wenn du deine Gedanken und Gefühle festhalten willst.

Kristina Jung: Nee! Könnte ich nicht! Allein das Sitzfleisch, das es für einen Roman braucht! Den langen Atem, die Fähigkeit, den roten Faden nicht aus den Augen zu verlieren. Krass. Ich habe nichts als Bewunderung dafür. Ich schreibe Songs, weil ich sie dann singen kann. Das ist einfach meine natürliche Ausdrucksform, Melodien vor mich hinzusummen, mit ihnen zu spielen, sie zu erfinden und zu vergessen, das war schon als Kind für mich so wie für andere, etwas aus Knete zu modellieren oder Lego. Dasselbe beobachte ich jetzt bei meiner Tochter. Die verarbeitet ihren ganzen Tag, indem sie ihn singt. Der neueste Hit: "Warum darf ich keine lila Haare haben? Weil da braucht man Farbe für, die dürfen Kinder nicht kaufen."

GL.de: Spätestens seit der Pandemie sind digitale Formate endgültig überall auf dem Vormarsch. Du dagegen veröffentlichst dein Album (auch) auf Vinyl, noch dazu mit Klappcover. Was verbindest du mit diesem klassischen LP-Format?

Kristina Jung: Ich mag den Werkgedanken. Ich höre auch gerne mal eine Playlist, klar, aber ich finde es schön, Alben zu hören und zu machen, weil sie noch mal eine ganz andere Geschichte erzählen als einzelne Songs. Und eine LP ist einfach die amtlichste Form, ein Album zu veröffentlichen. Außerdem wollte ich gerne mit Cosirecords zusammenarbeiten, aus Liebe zu den Menschen dahinter, und die machen halt LPs.

GL.de: In den letzten zwei Jahren haben wir alle in allen möglichen Bereichen gelernt, mit enttäuschten Hoffnungen zu leben und Erwartungen klein zu halten. Trotzdem sei die Frage erlaubt: Wo soll dich das Album hinführen?

Kristina Jung: Nach Jahren des Planens, inmitten eines vollkommen durchgetakteten Alltags möchte ich mich von meiner LP einfach überraschen und mich treiben lassen. Sie wird mich irgendwohin bringen. Es wird spannend werden. Das reicht.
Weitere Infos:
www.facebook.com/kristinajungmusic
www.instagram.com/does_the_wolf_know
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Frank Bale-
Kristina Jung
Aktueller Tonträger:
Care & Explosion
(Cosirecords)
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