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SWEET TEMPEST
 
Ein bisschen von Allem
Sweet Tempest
Gegensätze ziehen sich an. Nach diesem Motto agierten Luna Kira und Julian Winding schon seit sie sich vor ungefähr zehn Jahren im heimatlichen Kopenhagen trafen und auf die Idee kamen, den Namen ihres gemeinsamen Musikprojektes dann aus den ziemlich kontrastreichen Begriffen "Sweet" und "Tempest" zusammenzusetzen. Weiter ging es dann mit dem Gegensätzen auf der musikalischen Seite: Luna singt und schreibt Songtexte und Gedichte - zunächst auf Dänisch - und Julian betätigt sich als musikalischer Allrounder, der die gemeinsamen Tracks mit elektronischen und organischen Mitteln in Richtung New Wave-Pop aufbohrte. Obwohl erste Songs bereits 2014 auftauchten, dauerte es dann allerdings eine ganze Weile, bevor mit "Bones & Machinations" (wieder so ein Gegensatz) 2017 eine erste EP bei uns erschien und 2020 eine ältere Songsammlung unter dem Titel "Snow" neu aufgelegt wurde wurde. Inzwischen war Julian nach Berlin gezogen und führte mit Luna eine - zunächst professionelle - Fernbeziehung. Heutzutage sind Luna und Julian aber ein Paar und wohnen nun auch gemeinsam in Berlin. Und nun erscheint mit "Going Down Dancing" endlich auch die offizielle Debüt-LP, auf der Sweet Tempest mittels eines konsequent in Richtung Club-Sounds erweitertem Sounddesign gegen den Untergang antanzen - aber nicht auf eine hedonistisch, feierwütige Art, sondern (Gegensätze!) auf eine kämpferisch, politische Manier. Warum aber hat die Sweet-Tempest-Genese eigentlich so lange gedauert?
"Das ist eine exzellente Frage und ich hoffe, du hast etwas Zeit - denn da gibt es eine Menge zu erzählen", schmunzelt Julian Winding. "Ja, denn wir haben schon in Dänemark angefangen zusammen Musik zu machen", führt Luna aus, "unser erstes Stück hieß 'Never Break' und befindet sich auf der EP ‘Snow'." "Danach gab es aber einen längere Pause", meint Julian, "denn ich zog nach Berlin und wir hatten dann eine Art Fern-Band. Wir haben dann ein neues Management gefunden und drei Jahre Zeit damit verbracht, die neuen Songs zu schreiben. Ich habe dazwischen auch unter eigenem Namen elektronische Musik gemacht und Film-Scores produziert." Dazu muss man noch wissen, dass Julian Winding der Vetter des Filmregisseurs und Drehbuchautors Nicolas Winding Refn ist. "Genau", bestätigt Julian, "ich habe den Soundtrack zu Nicolas' Film 'Neon Demon' produziert, auf dem auch der Sweet Tempest-Song 'Mine' zu finden ist und habe gerade seine Netflix-Fernsehserie 'Copenhagen Cowboy' vertont, die im Dezember rauskommt. Die Serie ist schwer zu beschreiben. Es geht von Ost nach West und es ist eine Art von Semi-Gangster-Thriller." Wie kam dabei der Sound des neuen Albums zustande? Anders als auf den EPs gibt es vergleichsweise wenige organische Bestandteile wie z.B. Gitarren-Elemente. Hat das auch mit der Neuorientierung in Berlin zu tun? "Ja, bestimmt", mutmaßt Luna, "ich bin dann ja auch nach Berlin gezogen und wir sind zu einem Paar geworden, nachdem wir zuvor einfach nur Freunde gewesen sind. In ein neues Land zu ziehen, plötzlich eine neue Beziehung zu haben, ein neues Management zu finden - das war ehrlich gesagt ganz schön chaotisch. Es hat dann sehr lange gedauert unseren neuen Sound zu finden. Wir mussten uns ja erst ein Mal darüber klar werden, was wir eigentlich zusammen machen wollten."

Das Interessante am Konzept von "Going Down Dancing" ist dann eigentlich, dass hier cluborientierte Pop-Musik auf intelligente und unaufdringliche Weise mit den teilweise recht politisch motivierten Lyrics Lunas auf der einen Seite und den mitreißenden, treibenden Grooves von Julian auf der anderen zu einer dann doch recht ungewöhnlichen Kombination verquickt werden. Haben Sweet Tempest das Album eigentlich gemacht, weil sie etwas zu sagen haben - oder sind Luna und Julian in der Kombination einfach clevere Songwriter, denen generische Pop-Lyrics zu banal sind? "Natürlich letzteres", scherzt Julian, "nein - das ist eine gute Frage. Ich denke, es fing alles mit 'White Country' an. Das Stück haben wir während der Flüchtlingskrise noch in Dänemark begonnen." Bei dem Song handelt es sich um eine Anklage an die Befürworter einer restriktiven Einwanderunspolitik und White Supremacy. Es folgten dann weitere Tracks in dieser Art: "Modern Justice" beschreibt die Ungerechtigkeiten der Jetztzeit und beschreit das Ende der Zivilisation und "Party In Panama" beobachtet dabei, wie sich diejenigen, die sich mit den Panama-Papers die Taschen gefüllt haben, eine Party auf dem Rücken des Proletariats feiert. Es gibt dann aber auch persönlichere Songs auf dem Album - wie zum Beispiel "I Was Young". "Ja, das stimmt - das ist meine Geschichte", bestätigt Luna, "die Idee war, dass die politischen Songs von der äußeren Welt handeln sollten und 'I Was Young' dann von meinem Innenleben. Der Song ist auch persönlicher angelegt. Das ist aber bislang der einzige Song in dieser Richtung, den ich geschrieben habe - und ich bin mächtig stolz darauf.
Wie arbeiten Luna und Julian denn zusammen? "Ich denke, wir ergänzen uns ganz gut", überlegt Julian, "früher hat Luna immer auf Dänisch geschrieben. Sie ist eine großartige Texterin und hat auch jede Menge phantastischer Gedichte geschrieben. Ich bin in England aufgewachsen und habe eine ganz gute Bandbreite auf Englisch. Wir haben dann ein paar Sachen zusammen geschrieben und gemeinsam an den Texten gearbeitet." "Ja, ich liebe Worte - aber es war immer frustrierend, dass ich nicht so gut auf Englisch bin", ergänzt Luna, "ich bin deswegen froh, dass ich Julian habe. Mein Englisch ist jetzt besser geworden - am Anfang war es aber sehr schlecht. Wir haben dann meine dänischen Texte übersetzt. Julian ist ein sehr guter Songwriter und er hat es geschafft, die Worte einfach in die Musik einzupassen." Wenn man EDM macht, dann muss man doch die Worte an die Rhythmen anpassen, oder? "Absolut", schmunzelt Julian, "das kann ein Albtraum sein - da haben wir manchmal auch ganz schön überlegen müssen, wie wir was hinbiegen müssen, damit es passt. Zum Glück ist das aber nicht immer so. Luna ist die Frau mit den Worten und ich bin der Melodie-Typ - ich muss immer erst eine gute Melodie haben. Wie gesagt, wir ergänzen uns sehr gut." "Ja und ich würde sogar sagen, dass jeder von uns beiden auch ein bisschen vom anderen hat", ergänzt Luna, "Julian ist auch gut mit Worten und ich mag auch gute Melodien." Was interessiert Julian und Luna denn musikalisch - außer der Techno-Ästhetik? "Ich würde sagen, dass unsere Inspirationen neben unserer Musik existieren", zögert Julian, "wir haben dabei nicht versucht wie dies und das zu klingen. Ich bin aber zum Beispiel ein großer Pet Shop Boys-Fan und wenn ich mir jetzt unser Album anhöre, dann muss ich doch einräumen, dass die eine oder andere Stelle nach den Pet Shop Boys klingt - das ist aber keine Absicht." "Das stimmt", pflichtet Luna bei, "wir haben oft die Situation, dass wir einen bestimmten Sound machen wollen und immer wenn wir es versuchen, klappt das nicht. Wir machen dann erst mal Pause und fangen wieder mit etwas anderem an. Das ist auch der Grund, warum wir mit so vielen verschiedenen Sounds arbeiten. Wir sind nicht sehr spezifisch. Natürlich finden wir bestimmte Sachen gut - wie zum Beispiel Dreampop oder Tom Waits. Ich weiß, das ist weit hergeholt - aber man muss ja einen Startpunkt haben."

Was machen Sweet Tempest denn auf der Bühne, um mit ihrem überschaubaren Equipment ein echtes Live-Erlebnis zu erzeugen? "Ich lege mich auf den Boden und flippe total aus", lacht Luna. "Ja, das stimmt", ergänzt Julian, "sie legt sich wirklich auf den Boden. Nein - ich denke, es kommt auf die Einstellung an. Wir haben keine Personas, wenn wir auf die Bühne gehen - wir sind einfach wir selbst. Wenn irgendwas schief geht, dann lachen wir darüber. Es geht einfach darum, ehrlich zu sein und Spaß zu haben. Wir haben jetzt auch eine Keyboard-Spielerin namens Lizzie, die sehr gut ist und immer alles live spielen will und ich spiele auch Gitarre. Wir haben alle diese Attitüde, dabei möglichst viel selber machen zu wollen, denn einfach nur Knöpfe zu drücken, ist nun wirklich zu einfach." "Wir haben sogar einen Song namens 'Let Lizzie Play' über unsere Keyboarderin geschrieben", ergänzt Luna noch. Muss man denn heutzutage nicht sowieso seine Musik etwas größer als das Leben machen? "Größer als das Leben?" fragt Julian, "das ist eine wirklich gute Frage." "Ich denke, man muss das nicht anstreben", wirft Luna ein, "aber ich denke, wenn die Musik richtig gut ist, dann hat man dieses Wow-Feeling, das sich größer als das Leben anfühlt. Das ist ja das schöne an der Musik. Außerdem ist es dann ja etwas, was ich selbst gemacht habe und auch das fühlt sich gut an. Es ist dann zumindest größer als ich selbst. Es geht dann nicht mehr nur um uns, sondern um den Akt der Schöpfung." "Mir fällt ein, was wir uns am Anfang überlegt hatten", ergänzt Julian, "wir haben uns gefragt, was das großartigste wäre, was uns passieren könnte. Wir haben uns dann überlegt, wie vielleicht ein Teenager-Paar irgendwo am Strand liegen könnte und unseren Song als Soundtrack hören könnte. Es ist ja auch so, dass Musik das Leben widerspiegelt. Man erinnert sich an bestimmte Situationen über die Musik, die man zu diesem Zeitpunkt gehört hat. Musik kann also größer als das Leben sein - aber ich mag einfach den Gedanken, dass sie einfach ein permanenter Begleiter im Leben ist."
Sweet Tempest
Was ist Sweet Tempest denn selbst am Wichtigsten oder macht am meisten Spaß? "Nun das Schöne ist, dass es für uns so einfach ist, Musik zusammen zu machen", führt Luna aus, "das macht wirklich Spaß." Auch Julian hat eine Idee zu dem Thema: "Wir kommen aus Dänemark - und das ist ja nicht sehr groß. Die Chance, dass irgendjemand aus deiner Familie bei deinen Konzerten auftaucht, ist also ziemlich groß. Und nun spielen wir an Orten, an denen wir bislang noch nie waren und haben herausgefunden, dass wir dort Fans haben, die zu unseren Shows kommen und unsere Texte kennen - das ist ein wirklich großartiges Gefühl." "Ja, wenn du mitbekommst, dass die Fans eine gute Zeit haben, dann ist das etwas wirklich Großes", meint Luna. "Man muss sich selbst gut fühlen, wenn man möchte, dass sich auch andere gut fühlen", gibt Julian zu Protokoll, "und deswegen muss man ehrlich sein." "Genau", pflichtet Luna bei, "das ist etwas, was ich auch erst gelernt habe: Sag es, wie es ist! Sei ehrlich! Sei nicht einfach nur höflich, um jemanden nicht zu verletzten. Das macht es interessanter. Wir sind ja jetzt ein Paar und da sagt man sich nicht nur freundliche Sachen. Das Beste ist, wenn man Gutes wie auch nicht so Gutes zueinander sagen kann." "Da sagst du was", schließt Julian dieses Thema ab, "meine Lieblings Filme oder Bücher haben von allem ein bisschen etwas. Man mag zu Tränen gerührt sein oder man kann über etwas lachen, man kann traurig sein oder im nächsten Moment glücklich. Wenn man so etwas in seiner Kunst verwirklichen kann, dann ist das ein unglaubliches Gefühl."

Wie geht es denn mit Sweet Tempest weiter? "Wir haben sehr viele Songs, die es noch gar nicht auf das Album geschafft haben", berichtet Luna, "zur Zeit arbeiten wir an einer LP, die von alten Horror-Filmen inspiriert ist. Ich habe zwar Angst vor Horror-Filmen - aber Julian ist ein großer Nerd in der Richtung." "Ja, ich liebe italienische Horror-Filme von Dario Argento oder Lucio Fulci und versuche noch, Luna davon zu überzeugen. Die Soundtracks sind auch immer großartig. Das ist es auch, womit ich Luna locken wollte, denn sie mag keine Horror Filme." "Ich mag sie doch", widerspricht Luna, "ich habe halt nur Angst davor. Ich muss sie ja jetzt auch anschauen, weil wir ja ein Album machen wollen. Wir haben auch schon einen Song geschrieben, in dem ich die Killerin bin. Das ist ja auch mal was. Wir haben aber noch ein zweites Projekt, nämlich eine EP, die von skandinavischer Folklore inspiriert sein soll." Langweilig wird es Luna und Julian also so schnell nicht werden - und wie es aussieht, gehen ihnen auch die Gegensätze nicht so schnell aus...
Weitere Infos:
www.facebook.com/sweettempestmusic
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linktr.ee/sweettempest
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-
Sweet Tempest
Aktueller Tonträger:
Going Down Dancing
(Kikikix)
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