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WEYES BLOOD
 
Die Katze ist aus dem Sack
Weyes Blood
Dieser herrlich ausladende Vintage-Sound und eine Stimme, die immer wieder Assoziationen mit der großen Joni Mitchell weckt: Fast unbemerkt hat sich Natalie Mering mit ihrem Projekt Weyes Blood gut ein Jahrzehnt lang an den Indie-Olymp angeschlichen, bis vor drei Jahren nach der Veröffentlichung ihres phänomenalen Albums "Titanic Rising" auch die breite Öffentlichkeit realisierte, wie brillant und einzigartig die heute 34-jährige Amerikanerin den Laurel-Canyon-Folk-Sound der 70er-Jahre mit der ungeschminkten Realität des Lebens im Hier und Jetzt vereint. Jetzt beweist sie mit ihrer fantastischen neuen LP "And In The Darkness, Hearts Aglow", dass selbst eine Pandemie sie nicht aufhalten kann. Mit spielerischer Leichtigkeit demonstriert sie auf dem fünften Weyes Blood-Album ihre Wandlungsfähigkeit, wenn sie mühelos zwischen Genres und Stimmungen springt, unterstreicht mit der mahnenden Ernsthaftigkeit ihrer Texte aber auch, dass die Isolation des Lockdowns und der alltägliche Wahnsinn der letzten zwei Jahre nicht spurlos an ihre vorübergegangen sind.
Mit "Titanic Rising" hatte Natalie Mering im Frühjahr 2019 ihr Schaffen auf eine neue Ebene gehoben und ihr Faible für sanfte 70s-Soft-Rock-Sounds so opulent, ausufernd und experimentierfreudig wie nie zuvor in Szene gesetzt. Der Nachfolger "And In The Darkness, Hearts Aglow" ist nun nicht nur der zweite Teil einer geplanten Trilogie, das Album schließt auch inhaltlich und klanglich nahtlos an den Vorgänger an. Zur Seite stand Mering dabei abermals Jonathan Rado von der Band Foxygen, ein ausgewiesener Fachmann in Sachen analoger, handgemachter Hochglanzproduktionen, die trotz ordentlich 70er-Jahre-Patina nie altbacken oder wie von gestern klingen. Mit detailverliebten Arrangements, vertracktem Songwriting und Texten über die dramatischen und oft überwältigenden Veränderungen unserer Zeit macht die in Los Angeles lebende Sängerin, Songwriterin und Multiinstrumentalistin so einen weiteren großen Satz nach vorn und nutzt dabei eine atemberaubende klangliche und emotionale Bandbreite, um die Wirren einer sich immer schneller drehenden Welt zu verarbeiten und nach Auswegen aus einer von Algorithmen und ideologischem Chaos fremdbestimmten Existenz zu suchen.

Im mit klassischen Beach-Boys-Harmonien gespickten "Children Of The Empire" heißt es programmatisch: "Oh, we don't have time anymore / To be afraid, anymore", doch auch wenn es fraglos Zeit für Taten ist, versteht Mering ihre Songs nicht unbedingt als Aufruf, auf die Barrikaden zu gehen. "Bei diesem Album ging es mir darum, die Nuancen dessen zu beleuchten, was vor sich geht, um zu verstehen, was überhaupt als Lösung unserer Probleme infrage kommt", erklärt sie, als sie sich beim Interviewstopp in Berlin Zeit für ein Gespräch mit Gasteliste.de nimmt. "Wir leben in einer Zeit so schneller, unwiderruflicher Veränderungen, dass es oft schwer ist zu verstehen, warum wir fühlen, was wir fühlen. Ist es die Angst vor der Klimakatastrophe? Ist es Furcht vor der Auflösung des sozialen Gefüges? Oder liegt es nur daran, was du zum Frühstück hattest? Ich denke, das Ganze ist so kompliziert, weil viele dieser Probleme so massiv und abstrakt sind und zum Beispiel die Mobiltelefone allgegenwärtig und doch oft ein Buch mit sieben Siegeln sind, sodass wir nicht einmal erkennen, dass unser Leben wahrscheinlich mehr von Algorithmen und künstlicher Intelligenz gesteuert wird als von uns selbst. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass wir in vielerlei Hinsicht den Ursprung dieser festgefahrenen Situation beleuchten müssen, bevor wir uns daran machen können, eine Lösung zu ersinnen. Wir lassen uns alle bereitwillig von der Technologie geißeln, und das ist ein interessantes Rätsel, denn wir können das Rad der Zeit ja nicht zurückdrehen und einfach sagen: "OK, Schluss mit den fossilen Brennstoffen, wir sind fertig mit den Handys". Das funktioniert nicht, deshalb wird es ein wenig Abgrenzung brauchen, um wirklich herauszufinden, wie wir uns aus dieser Situation herausmanövrieren können, denn wenn die Katze einmal aus dem Sack ist, gibt es kein Zurück mehr."

Neu ist diese Denkweise nicht für Mering, schließlich kreiste schon "Titanic Rising" um genau diese Fragen. Eine Trilogie über drohendes Unheil ausgerechnet ein Jahr vor einer lebensverändernden Pandemie zu beginnen, war allerdings selbst für eine intelligente Künstlerin wie sie, die schon immer ein Ohr an den Gleisen hatte, ungewöhnlich vorausschauend. "Natürlich war mir nicht klar, dass eine Pandemie bevorsteht, als ich 'Titanic Rising' gemacht habe, aber ich wusste, dass etwas passieren wird und dass die Leute Songs brauchen werden, die nicht abgedroschen klingen, denn es ist wirklich schwer, über die Moderne und diese modernen Themen zu schreiben, ohne dabei den Zauber der Musik zu verlieren. Rückblickend war 'Titanic Rising' sicherlich so etwas wie eine Vorahnung, und das Album bekam immer mehr Bedeutung, je mehr Dinge passierten und sich alles veränderte. Das war wirklich überraschend für mich, genauso wie die Tatsache, dass ich von so vielen Leuten gehört habe, dass sie die Platte während der Pandemie gehört haben und dass sie ihnen sehr geholfen hat."

Tatsächlich versteht es Mering ausgezeichnet, auf ihrer Suche nach Wegen aus der Krise unverblümt ehrlich zu sein, ohne allerdings allein mit dem erhobenen Zeigefinger zu drohen. Vielmehr adressiert sie ihre Lieder an diejenigen, die die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben haben, und auch ein Hauch von Idealismus mischt sich immer wieder unter ihre Worte, wenngleich sie sich selbst nicht als Idealistin im eigentlichen Sinne sieht. "Aus dieser Perspektive habe ich das noch nie betrachtet", gibt sie zu. "Das liegt vielleicht auch daran, dass in Amerika Idealismus oft mit seliger Ignoranz in puncto Realität in Verbindung gebracht wird, und ich habe das Gefühl, dass meine Sachen tatsächlich ein bisschen nuancierter sind, wenn es darum geht, Gegensätze realitätsnah zu akzeptieren. Meine Sachen sind nicht pessimistisch, aber sie sind auch nicht übermäßig positiv. Was den Idealismus angeht, liegt das vermutlich am ehesten daran, dass ich so christlich erzogen worden bin, dass ich deshalb vielleicht eine Art heilige Hoffnung verinnerlicht habe, während viele der Dinge, über die ich singe, eher auf der Annahme beruhen, dass unsere Gefühle nicht sinnlos sind, sondern der Leitfaden zum Verständnis und zum Umgang mit den Dingen, die gerade in der Moderne passieren."

Dennoch ist Merings Ansatz keinesfalls nur deskriptiv oder gar journalistisch. Immer wieder schlägt sie in den Songs auf "And In The Darkness, Hearts Aglow" den Bogen vom Persönlichen zum Gesellschaftlichen, von ihrem eigenen (Liebes-)Leben zu größeren Problemen. "Ich denke, das ist passiert, weil die Lockdowns uns alle dazu gebracht haben, nach innen zu schauen, wir konnten es einfach nicht mehr vermeiden, uns dem zu widmen, was in unserem Innern vorgeht. Ein Thema wie Intimität wurde viel wichtiger, als wir erkannten, wie isoliert die meisten Menschen sind, und gerade die Idee der Hyperisolation und des Zerfalls des sozialen Gefüges ist meines Erachtens mit allem anderen verbunden. Natürlich schlagen sich diese kulturellen Veränderungen auch auf Intimbeziehungen nieder, und letztlich habe ich mich einfach durch den Prozess getastet. Allerdings war es meine Intention, dass die Liebeslieder und Trennungslieder dabei eine größere, universellere Bedeutung bekommen."
Dass "And In The Darkness, Hearts Aglow" dem harschen Realismus zum Trotz dennoch auch eine eskapistische Note hat, ist vor allem der klanglichen Seite des Albums geschuldet, denn selbst die textlastigsten Lieder sind klanglich so etwas wie warmtönende Trostspender, die anders als die Texte nicht auf den Kopf der Hörerschaft, sondern auf ihr Herz zielen und so als verbindende Kraft dienen. Klavier, Gitarre, Orgel und Streicher sorgen gleich beim fantastischen, von sanfter Wehmut getränkten Sechs-Minuten-Opener "It's Not Just Me, It's Everybody" für zeitlos schönen Westcoast-Wohlklang, und auch die restlichen Songs katapultieren die Hörerinnen und Hörer vom ersten Ton an in eine bessere Welt. Damit knüpft Mering auch klanglich an "Titanic Rising" an, oder wie sie es selbst ausdrückt: "Mir stand nicht der Sinn nach einer großen Kehrtwende, denn ich hatte das Gefühl, dass es mit den akustischen Instrumenten und den Streichern noch mehr zu sagen gab." Letztlich folgte sie bei der klanglichen Ausrichtung des neuen Albums ihrem Herzen und ihren Instinkten, wenngleich die Platte mit deutlich weniger Overdubs durchaus hörbare Unterschiede zum Vorgänger aufweist und Merings zum Niederknien schöne, wunderbar reine Stimme spürbar mehr Raum bekommt. "So maximal und ausladend die Platte auch klingt, passiert doch tatsächlich weniger als auf 'Titanic Rising'", erklärt Mering. "Das geschah absichtlich, auch mit Blick auf die kommenden Live-Konzerte. Bei der letzten Platte hatte ich das Gefühl, dass meine Band auf der Bühne das Album gecovert hat, dieses Mal sollen die Lieder live ein stärkeres Eigenleben entwickeln und neue Bedeutung bekommen."
Das heißt natürlich nicht, dass Mering nicht weiß, was sie will. Oft hat sie sehr genaue Vorstellungen davon, wie die Lieder bei den Aufnahmen arrangiert und produziert werden sollen, ist aber auch stets offen für glückliche Zufälle. "Ich versuche das umzusetzen, was ich in meinem Kopf höre, so schwierig das auch ist, denn natürlich ist es letztlich unmöglich, das wirklich hinzubekommen, aber bisweilen entdecke ich entlang des Weges dann etwas, das noch viel cooler ist als das, was ich mir ursprünglich ausgemalt hatte, und dann lasse ich mich darauf ein. Sich an das Verständnis des Arrangements des Songs heranzutasten, ist ein wirklich heikler, gefühlvoller Prozess, aber für gewöhnlich sind mir die Soundeffekte und die Instrumentierung schon im Vorhinein klar." Das Gleiche gilt übrigens auch für die Songs, die bewusst spartanisch orchestriert sind. "Wir haben viel ausprobiert und geschaut, ob Bass und Schlagzeug den Song bereichern oder ob es besser ohne funktioniert. Man sollte sich davor hüten, des Guten zu viel zu tun."

Das geschah, wie bereits angedeutet, auch mit Blick auf die anstehende "In Holy Flux"-Welttournee, die Weyes Blood Ende Januar und Anfang Februar auch für zwei Konzerte nach Berlin und Köln führen wird. Ein bisschen traurig ist Mering schon, dass sie ob der allgemeinen Umstände ihre Ambitionen dieses Mal ein wenig zügeln muss, zumal es ihr ziemlich zu schaffen machte, dass die "Ehrenrunde", das zweite, fest eingeplante Tourjahr zu "Titanic Rising", 2020 aus den bekannten Gründen ersatzlos gestrichen werden musste. Die kommenden Konzerte stehen deshalb nicht allein im Zeichen von "And In The Darkness, Hearts Aglow". "Die Gewissheit, bald wieder auf Tournee gehen zu können, macht mich derzeit sehr glücklich", gesteht Mering. "Weil wir einen Großteil der Tour verpasst haben, die wir zu 'Titanic Rising' machen wollten, freue ich mich jetzt umso mehr, nicht nur das neue, sondern auch das letzte Album in einer Art 'Supershow' zu spielen. Es wird eine unglaubliche Erleichterung sein, endlich wieder auf die Bühne zu gehen und zu wissen, dass das Publikum beide Alben kennt. Dann können wir gemeinsam auf große Fahrt gehen, die überall hin führen kann. Das wird wie eine Zeitreise!"
Weitere Infos:
www.weyesblood.com
www.facebook.com/weyesblood
twitter.com/weyesblood
www.instagram.com/weyesblood
weyesblood.bandcamp.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Neil Krug-
Weyes Blood
Aktueller Tonträger:
And In The Darkness, Hearts Aglow
(Sub Pop/Cargo)
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