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SAMIA
 
Nüchterne Euphorie
Samia
In den USA geht Samia Finnerty mit ihrem interessanten Mix aus Indie-, New Wave- und E-Pop gerade durch die Decke. Natürlich im übertragenen Sinne und musikalisch. Und doch: In dem Song "Kill Her Freak Out" ihres zweiten Albums "Honey" entwickelt die aus New York stammende, inzwischen aber in Nashville ansässige Songwriterin Gewaltphantasien: "I hope you marry the girl from your hometown - And I'll fucking kill her, and I'll fucking freak out". Nicht, weil sie wirklich jemanden umbringen will, sondern nur, weil sie sich auch mal die Wut von der Seele reden will. Was gar nicht so einfach ist, denn in den autobiographisch gefärbten Songs des in der Pandemie entstandenen Albums beschäftigt sich Samia auf musikalisch eher zurückhaltende Weise mit ihren Dämonen. Solche Widersprüche sind Grund genug, sich ein mal mit der Frau zu beschäftigen, die sich als Tochter des Schauspielerpaares Kathy Najimi und Dan Finnerty für die Musik und gegen eine mögliche Hollywood-Laufbahn entschieden hat.
Wie hat das denn alles angefangen für Samia? Bereits bevor sie 2020 ihre Debüt-LP "The Baby" veröffentlichte, war sie ja offensichtlich bereits musikalisch aktiv. "Also, ich bin mit Singen und dem Schreiben von Gedichten aufgewachsen", führt Samia aus, "ich habe auch bei jeder Rockband mitgemacht, die mich gelassen hat. Ich habe auch Musiktheater gemacht. Nach vielen Versuchen und Irrtümern in anderer Leute Bands während des Colleges habe ich dann begonnen, meine eigene Musik zu veröffentlichen. Graig Winkler, der Chef des Labels Grand Jury, hat mich über einen Spotify-Algorithmus entdeckt. Seither arbeiten wir zusammen. Ich habe aber erst mal 11 Singles veröffentlicht, bevor wir das erste Album 'The Baby' angegangen sind. Denn ich wollte erst mal nach meinem Stil und den geeigneten Mitstreitern suchen - und das hat eine Weile gedauert." Dabei entdeckte Samia dann auch den Produzenten Caleb Wright, mit dem sie schon auf "The Baby" zusammengearbeitet hatte und der nun auch ihr zweites Album "Honey" produzierte. "Ja, wir schreiben auch viel zusammen", bestätigt Samia, "hauptsächlich schreibe ich aber zunächst die Songs und ich bringe sie dann zu ihm und er produziert sie dann. Wir arbeiten aber auf beiden Ebenen zusammen."

Nun ist das ja so, dass die Songs von Samia weitestgehend autobiographisch sind. "Sie sind sogar vollständig autobiographisch", führt Samia aus, "das kommt alles durch die Gedichte, die ich schreibe. Es geht dabei um eine Möglichkeit für mich, Dinge kathartisch zu verarbeiten. Es fühlt sich dann gut an, über diese Dinge zu singen." Der Hintergrund der Frage war folgender: In einem Interview sagte Samia nach ihrem ersten Album, dass sie wohl zehn Jahre brauchen würde, um ein neues zu schreiben. "Ja, das stimmt", lacht sie, "es war nämlich schwierig in den letzten beiden Jahren so viel zu erleben, wie ich in den zehn Jahren erlebt hatte, die zu meinem ersten Album führten." Das ist ja genau das Problem: Songwriter, die autobiographisch schreiben, müssen ja zwangsläufig auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. "Ja - aber ich musste dann in der Pandemie viel über mich selbst nachdenken, und habe dann darüber geschrieben", ergänzt Samia. Wie sieht es denn mit fiktionalen Elementen aus? "Ich habe diese Fähigkeit einfach noch nicht", meint Samia, "ich wäre aber schon daran interessiert und ich verehre auch Leute, die so etwas können. Es wäre für mich eine interessante Übung, einmal so etwas zu versuchen. Da müsste ich aber auf jeden Fall hart daran arbeiten - es könnte aber auch Spaß machen."
Welche musikalische Inspirationsquellen sieht Samia denn? Auf ihrem YouTube-Kanal gibt es zum Beispiel interessante Coverversionen von Magnetic Fields, Daniel Johnston, den Weepies oder den Eagles. "Ich bin mit Elliott Smith, Nirvana und The National aufgewachsen", erinnert sich Samia, "es gab also eine Menge prägende Bands - aber ich bin immer auch an neuer Musik interessiert, gehe ständig zu Shows und bin fast schon besessen davon, neue Scheiben zu entdecken. Ich mag auch Father John Misty sehr." Nicht nur das: Es gibt einen älteren Song von Samia mit dem Titel "The Night Josh Tillman Listened To My Song". "Ja, aber der Song ist total hypothetisch", gesteht Samia, "er ist mein Lieblingssongwriter und ich habe mir nur vorgestellt, wie es wäre, wenn er sich meine Songs anhören würde." Woran erkennt Samia denn gute Songs? "Was mir wichtig ist, ist Individualität", meint Samia, "man sollte erahnen können, dass nur eine bestimmte Person diesen Song geschrieben haben könnte - basierend auf deren Erfahrungen. Und es muss ehrlich sein. Alles andere ist mir egal, denn ich achte ja sowieso immer nur auf die Texte." Worum geht es auf dem neuen Album? Gleich im ersten Song des Albums "Kill Her Freak Out" taucht wieder das auf dem ersten Album besungene Baby auf. "Das ist eine Fortsetzung der Geschichte des ersten Albums", erklärt Samia, "insbesondere wegen des Aspektes, dass es um dasselbe Leben geht - das nun mal meines ist. Die neuen Songs sind sozusagen tiefgreifendere Reflexionen über Dinge, über die ich bisher schon geschrieben habe - weil ich ja seither nicht so viele neue Dinge erlebt habe. In der Pandemie hatte ich ja auch so viel Zeit für mich nachzudenken über Entscheidungen, die ich getroffen hatte und Menschen, mit denen ich Zeit verbracht habe. Ich bin ja seither nur ein kleines bisschen erwachsen geworden - aber diese Phase hat mir die Möglichkeit gegeben, Dinge anders zu bewerten - oder anders zu verstehen. Die Situation hat mit neue Perspektiven eröffnet." Heutzutage muss man ja wirklich jeden Songwriter fragen, inwieweit die Pandemie die kreative Arbeit beeinträchtigt haben könnte. "Ja, - wie gesagt hatte ich ja mehr Zeit für mich selbst und konnte ein wenig tiefer in mich hineinhorchen - was ich zuvor noch nicht gemacht hatte", ergänzt Samia.

Was war denn der Grund, dass Samia den Song "Honey" als Titeltrack der neuen LP gewählt hat? Zumindest musikalisch ist das ja einer der aufmunterndsten, positivsten Tracks des Albums. "Oh gut - dankeschön", freut sich Samia, "der Song handelt aber eigentlich davon, wie es ist, zu viel zu trinken. Aber es ist mir gelungen, ihn aus einer ziemlich nüchternen Perspektive zu schreiben. Ich denke, auf der neuen Song-Kollektion geht es für mich irgendwie darum, dieses flüchtige Gefühl der Euphorie zu erreichen, das man fühlt, wenn man trinkt - aber auf eine substantiellere Art und Weise und ohne Alkohol. Ich versuche heutzutage die realen Elemente und die Momente echter Liebe in meinem Leben zu verwenden, um diesen Zustand zu erreichen - und hoffe doch sehr, dass ich das am Ende der Scheibe dann auch erreicht habe." Okay - was ist denn dann für Samia der tatsächlich positivste, aufmunterndste Song auf dem Album? "Das ist 'Amelia'", überlegt Samia, "das ist ein Song darüber, dass ich meine Freunde mag. Er ist gar nicht tiefgehender - es geht einfach um das Gefühl eines wichtigsten Teils meiner selbst. Der Song handelt von Amelia Meath von Sylvan Esso, denn das Album haben wir im Studio 'Betty's' aufgenommen, das Sylvan Esso gehört." Obwohl dieser Song für Samia aufmunternden Charakters ist, ist es keineswegs ein fröhlicher Song. Woran mag denn das liegen? "Das war für mich eine recht schwierige Aufgabe", zögert Samia, "denn für mich sind Begriffe wie 'Hoffnung' und 'Optimismus' immer ein wenig deprimierend. Das ist für mich immer ein trauriges Gefühl - aber ich versuche das inzwischen auch positiver zu sehen - speziell für diesen Song. Ich habe dann versucht, mich in einen Moment zurückzuversetzen, in dem ich mich glücklich fühlte." Wie können denn Begriffe wie 'Hoffnung' oder 'Optimismus' deprimierend besetzt sein? "Ich denke, wenn man zu viel über die Welt weiß und selbst so etwas wie 'Hoffnung' verspürst, dann kann das schon schnell eine bittersüße Sache werden", begründet Samia dieses. Wenn es aber für "Hoffnung" und "Optimismus" keinen Platz in ihrer songwriterischen Welt gibt, wie sieht es denn aus mit Sachen wie Eskapismus? "Ich hoffe, dass ich mal so etwas finden werde", lacht Samia, "vielleicht wäre es ja mal ein spannendes Projekt, ein fiktionales Album zu schreiben - dann könnte man so etwas einbauen. Vielleicht sollte ich mir so etwas mal vornehmen." Apropos Fiktion: Hätte Samia - als Tochter des Hollywood-Ehepaares Kathy Najimi und Dan Finnerty - eigentlich nicht auch eine Laufbahn als Schauspielerin offengestanden? Ein gewisses Talent für dieses Metier zeigt sie schließlich in ihren zahlreichen Videos. "Nun, ich mag es schon zu schauspielern", gesteht Samia, "und zwar als Erfahrung. Ich mag aber überhaupt nicht die Filmindustrie. Ich bin immer schon dagegen allergisch gewesen, weil es sich da um ein Image dreht, das mir unangenehm ist. Was ich an der Musik liebe, ist dass sie dir erlaubt, zu sagen was durch deinen Kopf geht und was du zu sagen hast. Und die Leute in der Musikwelt, in der ich das Glück hatte zu landen, wissen das auch zu schätzen. Die Leute interessieren sich da wirklich für deinen Intellekt und deine Werte." Anders als in der Filmindustrie. Deswegen schrieb Samia vermutlich auch den Track "Is There Something In The Movies", richtig? "Ganz genau", bestätigt sie, "aber ich mag es in Videos zu schauspielern und ich mag das Theater."
Viele Leute, die von der Schauspielerei in die Musik gewechselt sind, sagen ja auch, dass man als Musiker(in) sein eigenes Ding machen muss, während man als Schauspieler Dinge machen muss, die andere sich ausgedacht haben und dabei viele Kompromisse eingehen muss. "Ja, das ist ein wichtiger Grund dafür, das ich der Musik den Vorzug gebe", meint Samia, "ich bin immer daran interessiert zu erfahren, was andere denken. Ich mag zwar Filme und Drehbücher, aber ich trete dann doch lieber selbstbestimmt in meinen Videos auf, weil es erfüllender ist, eine Geschichte zu erzählen, die ich mir ausgedacht habe." Heißt das, dass die Umgebung ausschlaggebend dafür ist, wie Samia arbeitet? Und sind die Songs von "The Baby" dann in New York entstanden und die von "Honey" in Nashville? "Ja, im Wesentlichen schon", bestätigt Samia, "die Umgebung spielt schon eine Rolle, weil ich so viele Details in meinen Geschichten verwende. Ich verwende ja Namen, Orte und Details über die Umgebung. Wir haben die Sachen dann schließlich in North Carolina im Studio von Sylvan Esso aufgenommen - und ich denke auch das hat die Scheibe letztlich beeinflusst." Gilt das denn auch für die Musik? Es fällt doch auf, dass es auf "Honey" weniger Rock-Elemente und dafür mehr Elektronik gibt als auf "The Baby". "Ich denke, dass das damit tun hat, dass ich während der Pandemie Demos in dem Computerprogramm Logic gemacht habe und geradezu besessen von diesen Synthie- und Glocken-Sounds war, die ich darin entdeckt hatte. Diese repräsentierten für mich ziemlich adäquat das Gefühl der Einsamkeit. Schließlich haben wir die Demos als Ausgangslage genommen und im Studio dann darauf aufgebaut." Wie sieht Samia denn ihre Entwicklung als Songwriterin? "Also, früher habe ich sehr viel stärker mit Codes gearbeitet", räumt sie ein, "es gab eine Menge Metaphern und Bilder. Auf dieser Scheibe habe ich aber Geschichten erzählt, die andere besser verstehen können. Ich bin vor zwei Jahren nach Nashville gezogen und war sehr davon angetan, wie hier Geschichten erzählt werden, wie universell und inklusiv das alles ist." Und was ist ihr an ihrem Metier das Wichtigste? "Es geht um die Kommunikation mit anderen", führt Samia aus, "in meinen Songs drücke ich schließlich Dinge aus, die ich mich in richtigen Unterhaltungen nicht trauen würde. Womit ich noch hadere, ist zu entscheiden, ob ich weiter in Code schreiben will oder nicht. Ich fühle mich heute weniger genötigt, Dinge zu schreiben, die andere nicht verstehen können - weil ich es liebe zu kommunizieren. Es ist mir natürlich klar, dass darin eine gewisse Verletzlichkeit gegeben ist, aber ich nehme das als Herausforderung an, in der Annahme, dass andere das dann auch zu Wertschätzen wissen."
Weitere Infos:
www.samiaband.com
www.facebook.com/SAMIATHEBAND
www.instagram.com/samiatheband
www.youtube.com/@samiatheband/videos
Interview: -Ullrich Maurer-
Foto: -Sophia Matinazad-
Samia
Aktueller Tonträger:
Honey
(Grand Jury/Membran)
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