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BROCKHOFF
 
Das Besondere im Banalen
Brockhoff
Sucht man in der deutschen Indielandschaft nach dem größten Shooting-Star des vergangenen Jahres, kommt man an Brockhoff nicht vorbei. Mit ihrer im letzten Sommer digital veröffentlichten ersten EP rannte die Wahl-Hamburgerin allenthalben offene Türen ein - und das aus gutem Grund, denn auf "Sharks" stimmt einfach alles. Mit fünf perfekt inszenierten, beeindruckend facettenreichen Ohrwürmern beweist sie ein goldenes Händchen für Melodien, die zumeist unheimlich eingängig, aber nie zu aufdringlich sind und oft lieber mit lakonischer Gelassenheit glänzen, anstatt effekthascherisch auf den großen Splash abzuzielen. Ohne Scheu vor Verletzlichkeit, aber nie wehleidig spürt sie mit den klug beobachteten Momentaufnahmen ihrer Lieder das Besondere im Banalen, das Große im Kleinen auf und ist mit ihrem toughen Sound auf den Spuren von US-Singer/Songwriterinnen wie Phoebe Bridgers, Beabadoobee, Big Thief, Snail Mail oder Soccer Mommy auch klanglich der hiesigen Konkurrenz mindestens eine Nasenlänge voraus. Jetzt erscheint "Sharks" etwas verspätet endlich auch auf Vinyl, und auch viele Konzerte und Festivalauftritte sind für dieses Jahr schon jetzt fest eingeplant.
Seit der Veröffentlichung von "Sharks" geht es für Brockhoff Schlag auf Schlag. Dem rundum positiven Feedback für die EP folgten Auftritte bei legendären Festivals wie dem Tempelhof Sounds in Berlin oder dem Reeperbahn Festival in Hamburg, bevor im Dezember sogar eine erste Tournee durch Großbritannien auf dem Programm stand, bei der Brockhoff als Support für Paolo Nutini sogar Arena-Luft schnuppern durften. Unter die Freude über die kleinen Triumpfe mischt sich bei ihr sympathischerweise auch ein bisschen Ungläubigkeit. "Ich bin letztes Jahr nicht immer hinterhergekommen, alles zu verarbeiten, weil so viel Neues auf einmal passiert ist", gesteht sie beim Videocall mit Gaesteliste.de. "Erst über die Weihnachtstage und den Jahreswechsel hatte ich ein bisschen Zeit, mich zu erinnern und zu denken: Ja, das ist wirklich passiert, zum Beispiel, dass wir in Großbritannien vor so vielen Leuten auf der Bühne gestanden haben! Das kann ich gar nicht so richtig glauben, weil das ja das ist, was ich mir gewünscht habe, seit ich klein bin! Dass jetzt schon so viele Sachen in Erfüllung gegangen sind, ist voll der Wahnsinn!"

Ein kurzer Rückblick: Ende 2019 kehrt die junge Musikerin ihrer Heimat in der niedersächsischen Provinz den Rücken und zieht in die Großstadt nach Hamburg. Den inspirierenden Ortswechsel nutzt sie, um sich auch künstlerisch neu zu orientieren, und auch die Teilnahme am Pop-Kurs in der Hansestadt bringt frische Ideen mit sich. Ihre erste EP mit Songwriter-Pop ("Fading Lines"), die im Frühjahr 2019 erschienen war, lässt sie genauso hinter sich wie das Solistinnendasein. "Ich finde es eigentlich ganz cool, dass beim Popkurs jede Person für sich gucken kann, was sie für sich daraus zieht und wie sie das nutzt - es gibt einfach so viele Möglichkeiten", sagt sie rückblickend. "Klar, ich hatte schon ein paar Jahre Songs geschrieben und Musik gemacht, aber ich bin da komplett blauäugig reingegangen. Ich hatte überhaupt nicht den Anspruch, eine komplette Band zu formen oder alle meine Songs mit Band zu spielen. Ich wollte einfach so viel es geht ausprobieren. Das war letztendlich das Beste, was ich hätte machen können, denn ich habe dabei auch für mich herausgefunden, was ich nicht will."

Parallel dazu schreibt und produziert sie erste Songs in Hamburg, merkt aber schon bald, dass ihr die Resultate zu poppig und zu Synth-lastig sind. Mit dem Wunsch nach einem Gitarren-geprägten Indierock-Sound reift die Idee für Brockhoff, ihr neues Projekt mit Band, das mit der EP "Sharks" gleich voll durchstartet. Dass ihre musikalische Neuorientierung ausgerechnet mit der erzwungenen COVID-19-Auszeit zusammenfällt, sieht sie rückblickend eher als Segen denn als Fluch. "Ich möchte auf keinen Fall sagen, es kam gelegen, aber es war schon so, dass ich noch Zeit brauchte, um meinen eigenen Sound zu finden", sagt sie. "Als Corona anfing, war ich nicht ganz sicher, in welche Richtung es überhaupt gehen soll. Das hat sich dann nach und nach geformt."

Das Resultat dieses Prozesses ist der Sound, mit dem sie nun auf "Sharks" begeistert und damit auch ein Stück weit gegen den Strom schwimmt. Während viele ähnlich inspirierte Künstlerinnen und Künstler gerade auch hierzulande gar nicht schnell genug von ihren rauen Indie-Wurzeln wegkommen können und ihr Heil in seichten Popsongs suchen, geht sie praktisch den entgegengesetzten Weg und setzt statt auf Akustikklampfe und Synthesizer lieber auf Stromgitarren und einen wuchtigen Sound mit unüberhörbarem 90er-Jahre-Flair, der in Deutschland, von wenigen Ausnahmen wie Blush Always oder Philine Sonny einmal abgesehen, immer noch ein Schattendasein fristet: "Ich freue mich sehr, dass das inzwischen auch hier ein bisschen Anklang findet, denn ich glaube, 90% oder fast 95% meiner Inspirationen kommen aus UK und den USA. Deshalb wäre es natürlich cool, wenn hier die Aufmerksamkeit, das Bewusstsein für diese Art von Musik und auch gerade das Thema weibliche Personen mit einer Gitarre in der Band ein bisschen größer wäre, so wie das in den USA schon seit ein paar Jahren der Fall ist."

In ihren Liedern erzählt Brockhoff Geschichten von Coming-of-Age, Sehnsucht und ihrer Rolle zwischen Großstadt, Kleinstadt und Selbstwahrnehmung und fasziniert dabei mit herrlich direkten, unmittelbaren Momentaufnahmen, die oft detailverliebt und intim zugleich unterstreichen, dass Lina auch als Texterin mutiger geworden ist und auch keine Berührungsängste kennt, wenn es darum geht, betont intuitiv vorzugehen und dabei auch persönliche Gedanken nach außen zu tragen. "Es gab eigentlich noch nie den Moment, dass mir auf der Bühne aufgefallen ist: Oh, jetzt plaudere ich hier ja echt ganz schön etwas aus meinem Privatleben aus! Der Song ist der Song und ich bin so glücklich damit, dass es mich dann freut, wenn ich damit auch andere Leute glücklich - oder traurig - machen kann. Das hat sich noch nie irgendwie komisch angefühlt. Ich denke, es gibt beim Schreiben ganz früh den Moment, wo ich kurz überlege: Ist das jetzt zu direkt? Kann ich das so sagen? Da habe ich manchmal noch eine Schranke im Kopf, die ich aber immer mehr versuche zu lösen. Sobald die dann aber einmal offen ist und ich mich entscheide, den Song zu schreiben, denke ich nicht mehr viel drüber nach."

Bemerkenswert ist dennoch Brockhoffs intuitives Gespür für die poetischen Situationen des alltäglichen Wahnsinns, die kleinen Momente mit großer (Symbol-)Wirkung, die sie in ihren Songs mit spielerischer Leichtigkeit und gerne auch mal mit einem selbstironischen Augenzwinkern festhält und dabei Brücken baut von der Emotionalität persönlicher Erfahrungen hin zu allgemeingültigen Sinnfragen, die Herz und Kopf gleichermaßen treffen - oder wie sie selbst es ausdrückt: "Ich denke, mein Ziel ist es, die kleinen Schlüsselszenen zu finden, auf die man beim Wühlen in den Gedanken stößt und die irgendeine Kleinigkeit aus dem Leben erzählen, aber so viel mehr aussagen, weil sie metaphorisch für das stehen, was man zu dem Zeitpunkt empfunden hat. Da reicht dann manchmal eine einzige Zeile, die ein bestimmtes Detail beschreibt, aber trotzdem ein krasses universelles Gefühl auslöst."

Die Lieder scheibt Brockhoff allein, ihr Projekt dagegen ist eine Band, die zwischen aufgeräumten Poparrangements und Garagenmentalität zu Hause ist, und auch abseits der Musik an sich hat sie anders als bei ihren DIY-Anfängen inzwischen ein ganzes Team hinter sich, das ihr den Rücken freihält. Dass das auch bedeutet, Verantwortung abzugeben, ist für sie kein Problem. "Ich bin einfach sehr glücklich und dankbar für das Team, das sich im letzten Jahr entwickelt hat, gerade auch, was das Live-Spielen angeht, und für die Leute, die ich momentan um mich habe. Im letzten Jahr habe ich ja zum ersten Mal richtig viel live gespielt, das war das erste Jahr, wo ich mit Band gespielt habe und auch das erste mit der ein oder anderen Tour - es war so viel Neues und Aufregendes für mich (und letztendlich für uns alle), dass ich froh war, dass ich das mit diesen Leuten teilen konnte. Es war auch kein besonders schwieriger Prozess, weil sich das alles relativ natürlich und gut ergeben hat, was ja auch nicht selbstverständlich ist. Deshalb ist es mir auch nicht schwergefallen, hier und da Verantwortung abzugeben, denn es war vor allem eine Erleichterung und Entlastung."

In einem anderen Interview hat Brockhoff erzählt, dass sie selbst eher eine stoische Konzertgängerin ist, die mit verschränkten Armen in den hinteren Reihen steht, während sie als Künstlerin, die selbst auf der Bühne steht, inzwischen manche Dinge, denen die als Besucherin eher skeptisch gegenübergestanden hat - Stichwort: Mitmachparts - inzwischen in einem anderen Licht betrachtet. Ist damit auch der Abstand zwischen Brockhoff, der Privatperson und der Künstlerin, größer geworden? "Das ist eine interessante Frage! Ein bisschen schon, glaube ich", erwidert sie. "Ich habe durch das viele Live-Spielen und das Sammeln von Erfahrungen im letzten Jahr schon gemerkt, dass es nötig war, erst mal ein bisschen reinzukommen und zu merken: OK, was traue ich mir zu auf der Bühne und was nicht? Inzwischen macht es mir auch mehr und mehr Spaß, mich da ein bisschen auszuprobieren und zu gucken, wo meine Grenzen sind. Das ist ein spannender Prozess, der auch gerade immer noch im Gange ist, aber grundsätzlich bin ich trotzdem noch voll ich selbst auf der Bühne. Ich sehe da keinen großen Unterschied, aber ein bisschen den Spielraum auf der Bühne auszukosten und da mutiger zu werden, das gefällt mir natürlich schon. Ich glaube, es ist das A und O, sich weiterhin wohlzufühlen eben auch als ich, denn ich glaube, es macht keinen Sinn, sich komplett zu verstellen. Das merken alle!" Sie lacht. "Vielleicht brauche ich deswegen einfach ein wenig Zeit, um ein bisschen aus mir rauszukommen."
Zeit, die sie sich auf jeden Fall nehmen will. Die Veröffentlichung eines kompletten Albums hat sie deshalb zwar im Hinterkopf, lässt sich bei der Realisierung dieses großen Ziels aber nicht stressen. "Ein Debütalbum ist für mich eine ganz andere Nummer als eine EP", gesteht sie. "Dafür möchte ich mir auf jeden Fall Zeit nehmen und es auskosten, an einem großen Gesamtwerk zu arbeiten." Sie lacht. "Ich bin sehr gespannt, wie das wird, denn das ist in jedem Fall ein großer Traum!" Bis es so weit ist, stehen für sie die Vorfreude auf die Veröffentlichungen neuer Songs, die bereits eingespielt und schon sehr bald erscheinen sollen, ihre im April anstehenden ersten Headline-Konzerte in Deutschland und die Auftritte bei renommierten Sommer-Festivals wie dem Immergut, dem MS Dockville oder dem Haldern Pop für sie im Vordergrund, und auch sonst ist ihr die Verwirklichung kleiner Ziele derzeit wichtiger als der Blick in die weiter entfernte Zukunft. "Das ist für mich viel mehr Ansporn, als schon jetzt nur an ein Album zu denken und zu glauben, dass erst dann das Werk richtig vollbracht ist", sagt sie. "Es geht mir auch um die ganze Entwicklung, denn es ist spannend, was da gerade passiert, und natürlich wünsche ich mir, dass es auch so weitergeht - dass überraschende Sachen passieren und neue Herausforderungen kommen, an denen man wachsen kann."


Weitere Infos:
brockhoffmusic.com
facebook.com/brockhoffmusic
www.instagram.com/brockiiiiiii
brockhoff.bandcamp.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Charlotte Krusche-
Brockhoff
Aktueller Tonträger:
Sharks EP
(Humming/Membran)
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