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MICK FLANNERY
 
Musik liegt in der Luft
Mick Flannery
In seiner irischen Heimat und in den USA zählt der Songwriter Mick Flannery - auch unter KollegInnen - zu den anerkannten Größen seiner Zunft. Der gelernte Steinmetz und Linkshänder hat dabei gar kein besonderes Rezept entwickelt, sondern lässt sich - auch noch auf seinem zehnten Album "Goodtime Charlie" - von seiner musikalischen Neugier und der Magie der Musik im Allgemeinen treiben. Freilich hat er seine Vorliebe für US-amerikanische Musiktraditionen nie verhehlen können oder wollen - wobei er sich stets bewusst war, dass er mit dem Blick des Europäers auch eine gewisse Verantwortung für diese musikalische Entscheidung hatte. Das ist auch der Grund, warum es ihm wichtig war, in den USA als authentischer Vertreter seines Metiers akzeptiert zu werden - ein Ziel, das er mit zahlreichen Live-Auftritten in den Staaten sicherlich auch erreichte. Dass nebenher vier seiner Alben die Spitze der irischen Album-Charts erklommen, konsolidierte auf der grünen Insel seinen Status als veritabler Star seines Genres.
Zur Zeit arbeitet Mick Flannery sogar an einem Musical Projekt, bei dem sein erstes Album "Evening Train" von 2007 als Basis dient. "Wir haben das vor der Pandemie schon mal in Cork aufgeführt", berichtet Mick, "das war damals aber noch nicht fertig. Wir sind dann zum Reißbrett zurück gekehrt. Ich habe neue Songs geschrieben und wir haben ein neues Team engagiert. Wir haben zur Zeit Workshops in Edmonton, Canada, organisiert und wollen einen weiteren in Dublin durchführen. Ich habe gerade Anaïs Mitchells Musical 'Hadestown' gesehen - was großartig ist. Wir sind noch nicht sicher, was genau wir selber machen wollen; aber ich denke, dass unser Musical ähnlich, aber weniger groß angelegt werden wird, wie das von Anaïs. Ich hatte in New York mit ihr gesprochen, und sie hat mir einige gute Ratschläge in Bezug auf de Prozedur und die beteiligten Leute gegeben, mit denen ich bislang nicht vertraut war, denn ein Musical ist eine ganz schön große Sache mit vielen beweglichen Teilen - ganz anders als die Musik-Industrie, die ich kennengelernt habe." Ein greifbares Ergebnis dieser Begegnung ist dann ein Gast-Auftritt von Anaïs Mitchell auf Micks neuer Scheibe bei dem diese einen Gesangspart in dem Song "Minnesota" übernimmt.

Songwriterisch ist "Goodtime Charlie" tatsächlich eines von Micks stärksten Alben. Hat das vielleicht gar damit zu tun, dass er sich dieses Mal mit anderen Songwritern zum Schreiben zusammentat? "Ich denke schon", bestätigt Mick, "denn ich habe mich in den letzten beiden Jahren während der Pandemie mehr daran gewöhnt, mit anderen zusammen zu schreiben. Ich bin auch heute offener für die Ideen der anderen. Ich habe allerdings das Schreiben der Texte für mich selbst behalten, denn ich selbst bevorzuge es, Songs zu hören, die mit einer Stimme sprechen - also im Gegensatz zu einem Mix von Erzählern. Es ist ja so, dass Songwriter einen bestimmten Ton anschlagen, wenn sie schreiben und ehrlich gesagt ist das, was mir beim Song-Schreiben die meiste Freude bereitet, eine Geschichte zu erzählen und einen Handlungsbogen herauszuarbeiten. Selbst wenn ich mit jemand anderem zusammen an einem Song arbeite, beeile ich mich die Texte möglichst schon fertig zu machen und so mehr zu schaffen. Das mag ja egoistisch sein - aber ich ziehe es vor, wenn Songs einen bestimmten Ton haben. Und wenn die Songs dann durch die Zusammenarbeit unterschiedliche melodische und strukturelle Aspekte haben, dann gibt mir das auch für die Texte neue Ideen." Gilt das vielleicht auch für den Klang der Worte, die Mick in seinen Lyrics verwendet? In dem Song "Young" arbeitete er zum Beispiel mit Scat-Vocals, die er dann auf die Musik anpassen musste. "Ja, das ist ein spannende Sache", führt Mick aus, "dafür ist dieses Album vielleicht das beste Beispiel. Neben dem Song 'Young' gibt es noch die Songs 'Give Me Up', und 'What They Say', wo ich einen Scat-Ansatz in Bezug auf die Gesangsmelodien hatte. Wenn man im Studio die Sachen als Demos aufbereitet, dann hat man eine klangliche Vorstellung davon, wie die Sache klingen soll im Kopf. Wohin passen diese und jene Silben oder Vokale hin? Welchen Noten sollen sie zugeordnet werden? Man überlegt sich dann, ob man vielleicht kurze Silben mit scharfen Vokalen kombinieren soll oder so etwas, um der Passage ein rhythmisches oder fast schon perkussives Gefühl zu vermitteln. Da habe ich dann mit Scat-Vocals gearbeitet. Es war dann im Anschluss wie bei einem Kreuzwort-Rätsel, diesen Passagen dann auch eine bestimmte Bedeutung zuzuordnen. Es musste also die Silben und Vokale betreffend passen - aber eben auch Sinn machen. Das ist zwar recht schwierig - macht aber auch viel Spaß. In dieser Phase kann man sich dann auch einen Kompromiss zugunsten des Zuhörers erlauben. Manchmal ist es wichtiger, dass das angenehm für das Ohr ist und man kann dann einen Teil seiner poetischen Intentionen dafür auch opfern. Für den Hörer ist es schließlich angenehmer und wichtiger, wenn es gut klingt."

Viele seiner Stories siedelt Mick Flannery heutzutage in den USA an. Sind die USA heutzutage auch seine Haupt-Inspirationsquelle? "Aufgrund meiner Einflüsse und meiner musikalischen Vergangenheit fühlte ich mich stets zu amerikanischer Musik hingezogen", räumt Mick ein, "meine Eltern haben schon viel Johnny Cash, Bob Dylan und Tom Waits gehört und die Namen und Orte, über die sie singen, haben immer schon einen romantischen Beiklang für mich gehabt. Aber außerdem fühlte ich mich immer schon dazu hingezogen, in den USA zu spielen, um mal zu sehen, ob dem Publikum, das diesen Künstlern erlaubt hatte, erfolgreich zu sein, meine Musik auch mögen würde und meine Interpretationen meiner Inspirationsquellen akzeptieren würde. Würde diese Kultur sich zu meiner Einstellung zu dieser Art von Musik hingezogen fühlen? Zuletzt spielen viele meiner Songs in den USA. Beispielsweise 'Minnesota'. Das ist ist mein Kommentar zu den Nachrichten, die uns zur Zeit aus den USA erreichen. Die Nachrichten aus den USA sind in Irland sehr prominent - genau wie auch in Deutschland. Es ist halt mal so, dass die westliche Welt sich dafür interessiert, was in den USA vorgeht. Umgekehrt ist das ja nicht so. Als Reaktion auf den Mord an George Floyd haben sich ja die Diskussionen um die Richtung, in die die USA gehen, allgemein verstärkt. Wie stellt sich die Sache mit der Multikulturellen Identität dar? Funktioniert das noch? Ist es fortschrittlich? Ist das ein nachhaltiger Ansatz für die Gesellschaft? Aus dieser Überlegung entstand dieser Song. Wenn ich mir heute die USA anschaue, dann betrachte ich das als Experiment in Sachen multikultureller Identität, die mit Individualismus durchmischt ist. Ich fand es interessant, dieses Thema aus der Sicht einer älteren Frau zu schildern, die ein anderes Amerika gesehen hatte und auf die Veränderungen - seien es Fortschritt oder Rückschritt - im Laufe ihres Lebens blickt. Wie sieht sie ihre Nation? Ist sie enttäuscht über diese Entwicklung?" In dem Song kommt die Erzählerin - in dem Fall Anaïs Mitchell - zu dem Schluss, dass sie heutzutage zur Beschützerin ihrer Nation werden müsste, während sie früher den Schutz des Staates gesucht habe. So konkret und scharfsinnig hat das ein US-Songwriter bislang noch nicht auf den Punkt gebracht. "Und dann gibt es noch einen anderen Song namens 'The Fact', der von einer Autofahrt von New Orleans nach Atlanta handelt" berichtet Mick, "das ist eine lange Fahrt und ich passierte eine Stelle, an der auf dem Highway ein Unfall stattgefunden hatte. Ich habe den Song dann gleich im Auto geschrieben. Ich habe mir dann eine Geschichte um einen Unfall wie diesen ausgedacht. Ich habe mir vorgestellt, wie die verschiedenen Beteiligten gestartet sind und wie das ihre Reise im Leben beeinflusst hat."
Mick Flannery
Was ist denn die wichtigste Motivationsquelle hinter Micks Songwriter-Bestrebungen? "Also für mich ist das ein wenig geheimnisvoll", gesteht Mick, "warum genießen die Menschen die Musik so sehr? Warum sind bestimmte Gefühle an bestimmte melodische Arrangements effektiver gebunden als an andere? Gibt es ein System hinter all dem und wie wendet man es an? Ich kann jedenfalls nicht den Finger drauflegen. Ich gehe die Sache von einer technischen Seite aus an, indem ich über Silben und Vokale nachdenke. Aber das fühlt sich nicht immer richtig an. Es gibt Songs, die diesen Ansatz vollkommen vernachlässigen und mir dennoch etwas aussagen. Es gibt also alle möglichen Ansätze. Wenn ein Sänger Aufrichtigkeit im Ausdruck anstrebt, ist das immer näher am Kern und an der Empathie dran. Ich denke, dass das auf der obersten Ebene das ultimative Ziel eines Songwriters sein sollte - denn wenn Menschen zu Gefühlen angeregt werden sollen, dann sollte das Ziel sein, menschliche Empathie anzustreben. So kannst du dann Menschen erreichen, die du selber niemals persönlich treffen wirst." Nun ja - niemand wird ja jemals das Geheimnis der Musik final entschlüsseln können. Nicht umsonst ist Musik etwas, was sich nicht mit Worten erklären lässt. Das Geheimnis ist wohl Teil des Reizes sich mit der Musik zu beschäftigen. "Ja, das denke ich auch", pflichtet Mick bei, "ich wüsste auch nicht, wie man Musik beschreiben sollte. Seit der Mensch die Vernunft entdeckt hat und versucht hat, herauszufinden, wie dieses Universum funktioniert und wie man sich darin aufzuführen hat, gibt es Musik. Da sind also mehrere Mysterien im Spiel, die sich mit unbeantworteten Fragen beschäftigen. Und weil die Musik eines dieser Mysterien ist, pflichten die Menschen dem eine Bedeutung bei, nach der sie bereits suchen. Der Umstand, dass Musik also eine Bedeutung hat und wir allen nach Bedeutung suchen, hat zur Folge, dass Musik eine Art von Erkundung auf der Suche nach Antworten ist."
Was ist denn die größte Herausforderung für den Songwriter Mick Flannery? "Das ist eine gute Frage", meint Nick, "bevor ich einen Song schreibe oder ein Thema suche, von dem ich denke, dass es in einem Song enden könnte, denke ich darüber nach, was ich gerne selber hören würde und was ich neu machen könnte. Ich weiß dann aber nicht, was das sein könnte. Meine Vermutung ist, dass Naivität sehr wichtig ist. Ich will nicht pessimistisch erscheinen - aber ich denke, dass je mehr man über Musik auf einer technischen Ebene lernt, desto weiter entfernt man sich von einer reinen menschlichen Ebene ohne ein solches System. Ein Urschrei oder eine tobende, wütende Person in einer Bar - das ist eine archaische Ausdrucksform einer Emotion. Man kann so etwas einfangen oder in ein Stück Kunst manövrieren - aber es verliert etwas dabei. Wie Tom Waits sagte: Alles, was wir Musiker versuchen, ist die Luft auf eine interessante Weise zu bewegen. Denn letztlich ist es ja die Vibration der Luft, die ans Ohr des Hörers gelangt. Ich mag diese Analogie, weil das die Wahrheit ist. Die Palette eines Musikers ist also die Luft. Und was man mit der Luft anstellen kann, ist ziemlich offen. Ich bin insofern zuversichtlich, dass es da noch einige Genres zu entdecken gibt, durch die man die Luft bewegen kann. Mag sein, dass es dann um flüchtige Sachen, Moden oder Trends geht - aber das heißt ja nicht, dass nicht auch etwas Beständiges gefunden werden könnte. Es müsste ja nicht mal ein Song sein. Ich denke, die Antwort auf deine Frage, was die größte Herausforderung für mich ist, dann würde ich sagen: Wenn ich das Schreiben von Songs genieße, dann ist die Suche nach einem perfektem Ausdruck zwischen Sprache und Melodie, das, was schwierig ist. Dabei muss es gar nicht wirklich perfekt sein, aber den Punkt erreichen, bei dem es die meisten Menschen berührt und von der Bedeutung und der Absicht verständlich ist und emotional verständlich aus melodischer Hinsicht. Damit meine ich, dass es ein gewisses Sehnen in der Melodie - und vielleicht ein Zeile mit einer universellen Erkenntnis für sie meisten Leute gibt. Sprache kann dabei sogar eine Barriere sein - denn schließlich spricht nicht jeder Englisch."
Weitere Infos:
www.mickflannery.com
www.facebook.com/mick.flannery.musician
www.instagram.com/mickflannerymusic
www.youtube.com/channel/UCr1hFPWdrwtb33yfTKha-jg
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Susie Conroy-
Mick Flannery
Aktueller Tonträger:
Goodtime Charlie
(Omn Label Services/Bertus)
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