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Interview-Archiv

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THERAPY?
 
Erfahrung und Veränderung.
Therapy?
Ein Gespräch mit Andy Cairns ist eine angenehme Sache. Der Therapy?-Sänger ist ein überaus sympathischer, zuvorkommender Mensch, mit dem man sich gerne über Gott und die Welt unterhalten würde. Leider bleiben für das Interview im Tourbus nur 20 Minuten. Man muß sich also auf einige wichtige Dinge beschränken: Musik, das neue Album "Shameless" und etwas, das in 11 Jahren Bandgeschichte bisweilen vorkommt: Veränderungen.
Im November dieses Jahres spielten Therapy? gleich zwei Touren: Eine eigene und die "Jack Daniel's Rock Night", letztere gemeinsam mit Thumb und 4Lyn. Nun hat sich die irische Band noch nie rar gemacht, was die Live-Präsenz betraf, dennoch sind zwei parallel laufende Touren sicherlich kein leichter Zeitvertreib. "Diese Jack Daniel's Sache wurde uns angeboten, als wir unsere Tour schon gebucht hatten. Wir haben dann mit der Plattenfirma gecheckt, ob das mit den Terminen paßte und sie war einverstanden. Auf den letzten beiden Deutschland-Touren sind wir in den gleichen Städten gewesen und haben in den gleichen Clubs gespielt; jetzt ist es schön, auch mal wieder da zu sein, wo wir länger nicht mehr gewesen sind." Und das nicht zuletzt, um das neue Material vorzustellen. Zu finden ist das auf dem im September erschienenen Album "Shameless". Die Platte wurde von Kritikern, der Plattenfirma und nicht zuletzt der Band selbst als ambitioniert und positiv im Vergleich zum Vorgänger "Suicide Pact - You First" bewertet. Die darauf verarbeiteten Elemente von Punk und Rock'n'Roll hinterlassen einen unbeschwerten, abwechslungsreichen, wenn auch ein wenig großspurig wirkenden Eindruck. "Als ich die Texte geschrieben habe, war ich optimistisch und in guter Stimmung; nicht mehr so wütend wie früher. Daher sind die Songs humorvoller und haben mehr Energie", bestätigt der Familienvater. Allerdings: "Ich finde es schwieriger, über Gutes zu erzählen. Aber es ist wichtig, daß nicht jeder Song, den du schreibst, deprimierend wirkt." Nicht unwahrscheinlich, daß Cairns das vor sieben Jahren anders gesehen hätte. Auch wenn ihm selbst dieser Wandel gut zu gefallen scheint, gibt es Fans, die das weniger nachvollziehen können. In "Gimme Gimme Gimme", dem ersten Song auf "Shameless" heißt es "I'm sick and tired of going nowhere". Angelehnt ist das an "Nowhere", einen der großen Therapy?-Songs vom 1994er-Album "Troublegum". "Die meisten Fans sind sehr offen für Veränderungen. Aber einige von ihnen wollen, daß ich 'Troublegum Part 2' schreibe. Sie sagen: 'Das ist euer bestes Album, warum macht ihr nicht noch so eins?' Ich antworte dann immer: 'Gib mir eine Gitarre, einen 4 Track-Recorder, ich verändere ein paar Akkorde, denke mir ein paar nette Refrains aus und bin in einer halben Stunde fertig.' Aber dann käme ich mir vor wie ein Möbeldesigner, der nur für andere Leute produziert. Es ist ziemlich frustrierend, zu sehen, daß einige Menschen die Vergangenheit nicht vergessen wollte." Überwiegt denn momentan der Frust oder die positive Sichtweise? "Wenn man das macht, was man will, muß man viel opfern. Wir sind Musiker und haben lieber komplette Freiheit als uns um Plattenverkäufe zu sorgen. Wenn du einen Song schreibst, sollte dein Kopf frei von solchen Sorgen sein. Wir spielen zwar nicht mehr so große Shows wie zu 'Troublegum'- Zeiten. Aber wir sind glücklich damit." Das glaubt man ihm aufs Wort, wenn man erlebt, mit welcher Zufriedenheit der Mann über die Gegenwart spricht. Andererseits weiß er auch, wovon er redet, wenn er von schlechteren Zeiten berichtet. Vor zwei Jahren war nicht einmal mehr ein Plattenvertrag zur Stelle und von Erfolgsdruck weiß die Band auch aus eigener Erfahrung zu berichten. "Irgendwann haben wir uns gesagt: 'Warum machen wir uns solche Sorgen, das ist es nicht wert.'" fasst Andy die neue, positivere Sicht der Dinge zusammen.
Zu dieser Sicht paßt auch die Ironie, die sich deutlich spürbar durch "Shameless" zieht. "I Am The Money" heißt die erste Single und ist ein "White Trash-Rock-Song, im Stil von 'Destiny's Child'", wie Andy erklärt. "Es geht um falsches Selbstbewußtsein. Wenn weiße Kids das Gangsta-Benehmen nachahmen und die Selbstsicherheit ausdrücken wollen, die schwarze Kids haben. Schwarze Kids haben diese Sicherheit, weil sie in deprimierenden Gegenden aufwachsen und der einzige Weg, damit klar zu kommen ist, zu kämpfen. Für weiße Mittelstandskinder gibt es keinen Grund, sich so zu verhalten." Also doch ein relativ ernst zu nehmendes Thema und kein einziger großer Scherz. "Wir sind ziemlich intelligente Menschen und was wir unter Spaß verstehen, ist weit entfernt von den Blink 182-Furzwitzen", beschreibt der Sänger seine Definition von Spaß. "Aber ich habe kein Problem mit Blink 182. Das Gute an solchen Bands ist, daß ein Jugendlicher unter Umständen durch Blink 182 oder Limp Bizkit den Zugang zur Rockmusik findet."

Das Album nahmen die vier in einer für die Rockmusik nicht ganz unbedeutenden Stadt auf: Seattle. Geplant war das allerdings nicht. "Die Songs waren schon geschrieben. Der Vater des Produzenten (Jack Endino, u.a Produzent von Nirvana's "Bleach", Anm.) war krank und er wollte nicht nach England oder Irland kommen. Also sind wir nach Seattle geflogen." Dabei sah es doch fast so aus, als hätte man die neue Umgebung als eine Art Inspiration nutzen wollen. "Wir haben nicht viel von Seattle gesehen, weil wir die ganze Zeit gearbeitet haben. Das Gute allerdings war, daß nicht alle 10 Minuten Freunde von uns anriefen und uns zum Fußball oder zum Trinken mitnehmen wollten." Beschäftigt es eine Band wie Therapy?, daß im Spätsommer mit Nirvana's "Nevermind" und Pearl Jam's "Ten" zwei große Alben den 10. Jahrestag ihres Erscheinens feierten? "Ich weiß nicht...", antwortet Andy etwas zögerlich. "Ich liebe Nirvana; 'Bleach' ist eine meiner Lieblingsplatten. Aber was zur Zeit in Seattle ganz groß zu sein scheint, ist dieser 'Trash-Punk-Rock'n Roll' von Bands wie Zeke, Murder City Devils oder Supersuckers. So etwas gefällt mir besser als New Metal." Wo wir schon beim Thema sind... "Eine Metalband zusammen zu stellen ist zur Zeit so einfach, wie eine Boyband zu formieren. Man braucht einen Typen, der singt, einen der rappt, einen DJ und einen der Keyboards spielt und sich um die Samples kümmert. Dann macht man einen Rap-Rock-Song und schmeißt ein paar Samples dazu. Es ist fast wie der Metal in den 80ern, es wird berechenbar."

Therapy?
Trotz dieser eher kritischen Betrachtung scheint Herr Cairns immer neugierig auf andere Bands zu sein. Ist er einmal zu beschäftigt, sich über die neuen Platten zu informieren, gibt es einige kompetente Leute, deren Rat er gerne annimmt. "Michael (McKeegan, Therapy?-Bassist, Anm.) liest immer die Underground-Presse und bestellt Platten übers Internet. Unser Merchandiser arbeitet in einigen Clubs in London. Er organisiert Gigs für Bands, die Donnerstag nachts vor 12 Leuten spielen und kauft mir auch manchmal CDs. Ich versuche auch, möglichst viele Shows live zu erleben. Es ist sehr wichtig, anderen Bands Achtung zu schenken. Sonst verschließen sich deine Ohren."

Vom Grunge kommen Bands über New Metal zum Emo. Formen der Gitarrenmusik verändern sich mit der Zeit. Das ist auch den Menschen von Therapy? nicht entgangen. "Ich mag einige von den sehr guten Emosachen. Aber einiges davon entwickelt sich schon fast genau so wie New Metal. Die Kids tragen die gleichen Klamotten und spielen die gleichen Akkorde. Das liegt daran, daß die Major-Companies jetzt die unbekannteren Emobands unter Vertrag nehmen. Die guten Acts, wie 'The Promise Ring', geraten dabei in Vergessenheit." Daraus resultiert wohl auch Cairns' Meinung über Plattenverträge und die Verhältnisse im Musikgeschäft. "Heutzutage ist es viel einfacher für eine Band, einen Majordeal zu bekommen. Die Musikszene ist zur Zeit ein wenig verwirrt. Pop ist groß und New Metal ist überall zur Stelle, aber niemand kann sich wirklich orientieren. Jede Gitarrenband, deren Mitglieder unter 21 sind, kann einen Vertrag bekommen, weil niemand weiß, was er im Moment will. Eine Band, die so früh gesignt wird, bekommt ziemlich viel Geld und noch mehr Mist erzählt. Die Leute verlassen das College und gehen für sieben Monate auf Tour. Diese sieben Monate sind Luxus, aber keine harte Arbeit. Wenn sie dann anschließend fallen gelassen werden, sehen sie nicht ein, warum sie wieder mit einem kleinen Van touren sollen. Es tut mir leid, wenn das lächerlich klingt, aber man muß wissen, wie es ist, um vier Uhr nachts auf einer Autobahn liegen zu bleiben, Hilfe zu brauchen und kein Deutsch zu sprechen." Lächerlich klingt das nicht, nein. Damit könnte Andy Cairns Recht haben. Er selbst schätzt derartige Erfahrungen. Vielleicht gibt es Therapy? deshalb noch.

Weitere Infos:
www.therapyquestionmark.com
Interview: -Laura Scheiter-
Fotos: -Pressefreigaben-
Therapy?
Aktueller Tonträger:
Shameless
(Ark21/Motor Music)

 
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