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EVERON
 
Zwischen Weißem Haus und Berghöhle
Everon
Mit "Flesh" meldet sich nur wenige Monate nach Erscheinen der sinnstiftend schönen, nahezu ultimativen ProgRock-Veröffentlichung schon wieder Nachwuchs aus dem Hause Everon. Gaesteliste.de fragte Oliver Philipps, Hauptkomponist, Sänger, Keyboarder und Gitarrist und Sprachrohr der Krefelder, wie es zu diesem Ausufern der Familienplanung kommen konnte...
Für Philipps sind "Bridge" und "Flesh" ganz offensichtlich nur eine Platte, da das gesamte Material gleichzeitig produziert wurde. Auch eine A- und B-Sortierung ("die Guten ins Töpfchen") war laut des so sympathischen wie wortgewaltigen Everon-Masterminds nie vorgesehen: "Die Möglichkeit, zwei Alben machen zu können, ließ aber etwas mehr Raum für Experimente wie z.B. die Streicherbesetzung, und letztlich haben wir die Songs danach aufgeteilt, dass auf 'Bridge' halt die übliche Bandbesetzung, und auf 'Flesh' die erweiterte Besetzung zu hören ist. Stilistisch hätten viele Songs auch auf dem jeweils anderen Album stehen können, im ganzen ist 'Flesh' sicher das ruhigere, introvertiertere Album geworden, während 'Bridge' deutlich mehr rockt." Philipps sieht jedenfalls keine qualitativen Unterschiede, findet es aber bei diesem Konzept nur natürlich, dass der eine seine Favoriten auf diesem, jemand anders auf dem anderen der ungleichen Geschwister findet.

An anderer Stelle hatte Philipps verkündet, dass nach seiner Einschätzung das neue Album "ein paar der schönsten Everon-Stücke aller Zeiten" enthalte - also ist doch das jüngste immer das liebste Kind? "Nein, aber ich denke wirklich, dass Songs wie 'Pictures Of You', 'The River' oder 'Missing From The Chain' zu den melodischsten und im landläufigen Verständnis des Wortes 'schönsten' zählen, die wir bisher geamcht haben. Sie sind vergleichsweise unprogressiv und sehr leicht zugänglich, sind sicher nichts für die echten Proggies, sondern eher für den 'ganz normalen' Hörer; etwa seit 'Fantasma' haben wir einen auffällig hohen Frauenanteil unter unseren Fans, ich denke, dass bei unseren weiblichen Hörern 'Flesh' deutlich besser wegkommen wird als 'Bridge', aber ich mag mich irren, warten wir's ab. Es ist kein großes Geheimnis, dass ich neben harten oder progressiven Sachen auch eine große Vorliebe für wirklich gute Popmusik habe, darunter verstehe ich Bands/Künstler wie etwas Sting, Nik Kershaw, Billy Joel, die frühen Toto, Chicago, um nur ein paar zu nennen. Auch auf älteren Everon-Platten kann man immer mal etwas davon erahnen, es gab in der Regel immer mindestens ein oder zwei Songs, die durchaus auch als 'Pop' hätten durchgehen können, weil sie halt keine für Progressive-Rock typischen Elemente beinhalteten. Das aktuelle Zwei-Album-Konzept ließ natürlich mehr Freiraum, diese Seite etwas mehr auszuleben und mehr Songs in dieser Art zu machen, als es bei nur einem neuen Album möglich gewesen wäre, und mit Sicherheit tritt auf 'Flesh' diese Seite deutlicher zu Tage als auf 'Bridge'; normalerweise konnte ich halt immer nur hier und da mal einen Song dieser Art 'dazwischen mogeln', z.B. 'May You' oder 'Perfect Remedy' auf 'Fantasma', 'Restless Heart' auf 'Venus', o.ä., diesmal gab es für alles einfach mehr Raum."

Everon
Hörbares Ergebnis dieses Konzepts sind also nun auch die prächtig arrangierten Streicherpassagen des Album-Openers "Still It Bleeds" - ein Anzeichen für eine dauerhafte Stilkorrektur bei Everon? "Das glaube ich nicht, aber die Streicher sind definitiv ebenfalls ein Element, das wir diesmal einfach mehr featuren konnten als in der Vergangenheit. Es gibt Sachen in dieser Art schon seit längeren auf unseren Platten, aber ich denke, wir haben im Laufe der Zeit gelernt, sie besser einzusetzen und vor allem besser zu arrangieren. Auch auf 'Bridge' gibt es eine Menge orchestraler Parts, aber im Mix des Albums dominieren doch die Gitarren, während wir auf 'Flesh' oft die Gewichtung zu Gunsten der Streicherarrangements verschoben haben. Unglücklicherweise neigen heavy Gitarren und Streicher dazu, sich frequenzmäßig extrem in die Haare zu bekommen bzw. im schlimmsten Falle fast zu verdecken, daher muss man sich meist für eins von beiden entscheiden; man kann nicht beides im Mix gleichermaßen nach vorne holen. Das ist übrigens auch der Grund, warum man im Studio letztlich mit Sampler-Sounds meist besser bedient ist, als mit echten Streichern. Echte Streicher klingen wunderschön, aber leider viel zu weich, um sich gegen verzerrte Gitarren im Mix zu behaupten. Auf 'Flesh' haben wir teilweise echte Streicher anstelle von Samples eingesetzt, bzw. häufig eine Mischung aus beidem verwendet, aber dann im Mix die Gitarren dann auch manchmal untergeordnet."

Mit Judith Stüber vollführt Philipps auf "Already Dead" Duette, die aufs Erfreulichste an Pamela Moores legendäre Darbietungen für Queensryche als "Sister Mary" erinnern - wer ist die junge deutsche Sangeshoffnung? "Judith ist eine sehr gute Freundin von mir; ich kenne sie seit '99, als wir sie das erste Mal als Gastsängerin bei uns im Studio hatten. Seitdem haben wir sie immer wieder geholt, wenn wir für irgendeine Produktion eine Gastsängerin brauchten, und es war absehbar, dass sie früher oder später auch mal auf einem Everon-Album 'landen' würde." Im Text "Already Dead" heißt es "If only I had a heart to give..." - hat Philipps diesbezüglich wirklich nichts mehr zu verschenken? "Zunächst mal ist das ja eine Stelle, die Judith singt, so gesehen bin ich eh fein raus und muss das streng genommen nicht beantworten... Grundsätzlich ist es aber so, dass alle Texte, die ich schreibe, sehr persönlicher Natur sind. Was man nicht vergessen sollte, ist aber, dass es immer nur Momentaufnahmen sind, die einer bestimmten Stimmung in einem bestimmten Augenblick entsprechen, oftmals sogar ausgelöst, durch die Musik des jeweiligen Stückes, an dem man arbeitet. 'Already Dead' ist z.B. ein Text, der mir komplett eingefallen ist, während ich an der Musik gearbeitet habe. Ganz sicher gibt es eine sehr melancholische Seite in meinem Charakter, die ich hauptsächlich über die Musik auslebe, und die sich auch in den Texten der Songs niederschlägt. Im 'normalen Leben' würde ich eine Textzeile, wie die angeführte, nicht als allgemeines Statement zu meiner Lebenseinstellung gelten lassen."

Die Lyrics zum 14minütigen, hochkomplexen und doch teilweise so heavy abrockenden Titelstück scheinen sich gegen die Zeitgeistplage Indifferenz, mangelndes Engagement und allgemeine Lahmarschigkeit zu wenden. Richtig aufgefasst oder doch wieder der Komplexität des Ganzen erlegen? "Das ist ein Aspekt des Ganzen, es geht aber darüber hinaus. Entstanden ist das Ganze tatsächlich durch die Ereignisse des 11. Septembers im letzten Jahr, auch wenn ich es bewusst vermieden habe, mich in den Lyrics klar auf dieses Ereignis zu beziehen, da ich nicht viel davon halte, politische Inhalte in Songtexten zu verarbeiten. Im letzten Jahr habe ich jedenfalls von Anfang August bis Ende Oktober ausschließlich bei mir zu Hause an den Arrangements und dem Feinschliff für die neuen Songs gearbeitet. Jedenfalls war ich auch am 11. September wie üblich in einem Berg von Keyboards und Computerkram verbuddelt, als Moschus [Everon-Drummer] anrief, und fragte, ob ich wüsste, was passiert sei. Ich schaltete also NTV ein und während wir noch telefonierten, schlug das zweite Flugzeug im WTC ein. In den folgenden Tagen und Wochen war es natürlich das vorherrschende Thema, und währenddessen war ich weiter mit meiner Arbeit befasst, und so fand es automatisch auch seinen Weg in die Lyrics zu diesem Song." Für Philipps stellen die Geschehnisse um diesen Anschlag herum eine einzigartige Fallstudie zum Thema menschliches (Fehl-)Verhalten dar: Auf der einen Seite stand ein ohne Frage zutiefst verurteilungswürdiges Verbrechen, auf der anderen Seite aber all das, was auch noch daraus geworden ist, also die Schuldzuweisungen, die unglaublich vereinfachte Teilung der Welt in Gut und Böse, gezielte Manipulation der Medien in selten gesehener Vervollkommnung, heuchlerische Moralvorstellungen zur Legitimierung der eigenen - vor allem wirtschaftlichen - Interessen, und die Instrumentalisierung der jeweiligen Religion zu Rechtfertigung der eigenen Taten und Ziele. Philipps bringt den Zusammenhang zwischen den Nachwehen des 11. September und "Flesh" auf den Punkt: "Ein verachtungswürdiges und abscheuliches Schauspiel, bei dem keine Seite auch nur einen Deut besser oder klüger zu sein schien als die andere, nur dass die einen im teuren Anzug vor dem Weißen Haus standen, während die anderen irgenwo in einer afghanischen Höhle hockten. Nüchtern betrachtet waren sich beide Seiten in Inhalt ihrer Aussagen, ihren Zielen und Absichten erschreckend ähnlich."

Everon
"Half As Bad" ist endlich einmal ein Liebeslied der schonungslos-ehrlichen Art, weil hier eine dieser "Bratkartoffel-Lieben" beschrieben wird, bei der uns ständig eine kleine Stimme im Kopf sagt, dass es das eigentlich überhaupt nicht sein kann, was wir hier tun. Aber mit der sich trotzdem so viele teils ein Leben lang "einrichten". Wie viel haben diese akkuraten Beobachtungen mit des Songwriters' Leben zu tun? "Dieser Text beschreibt eine ganz reale Situation, in der ich mich befunden habe, allerdings ist er nicht so negativ zu verstehen, wie du es darstellst. Es geht vielmehr um eine Art von Beziehung, in der beide Seiten mit absolut offenen Karten spielen, und nicht versuchen, mehr daraus zu machen, als es ist. Man trifft manchmal im Leben auf Menschen, die einen vielleicht nur ein kurzes Stück des Weges begleiten, und dennoch große Spuren hinterlassen." Die Syndrums in "Back In Sight" stechen ebenso vom Rest der Platte ab, wie Instrumentierung und Aufbau dieses "Flesh" abschließenden Stückes. How come? "Dies ist der einzige Song, den unser Ex-Livekeyboarder Oliver Thiele jemals beigesteuert hat, und ist gewissermaßen als eine Art Tribute-Beitrag für seine Arbeit in den letzten zwei Jahren auf das Album gekommen. Wir alle mochten den Song, dennoch fällt er natürlich extrem aus dem Rahmen. Man sollte nicht vergessen, dass unser Plan war, beide Alben gleichzeitig zu veröffentlichen, und im Kontext der gesamten Songs fanden wir es einen sehr interessanten Farbtupfer zwischen all dem Bombast und Heavy-Gitarren. Als klar war, das Mascot die Alben nacheinander rausbringen würde, waren wir uns auch nicht mehr so sicher, dass es eine gute Idee war, den Song daraufzuhaben, aber letztlich gab es auch keine Gelegenheit mehr, noch etwas daran zu ändern."

Den CD-Booklets ist zu entnehmen, was für ein glühender Verehrer der Artworks von Gregory Bridges Philipps ist. Dies wird bei näherer Betrachtung teilweise nachvollziehbar, obwohl man auf CD-Covergröße herunterverkleinert bei den Motiven nur schwer erkennen kann, wo oben und unten sein soll. "Das Original ist auch tatsächlich Hochformat, ich erinnere mich selbst nicht, wo eigentlich oben und unten war. Ohne Frage ist es ein Jammer, das CD-Cover so klein sind. Gregs Bilder sind im Original der blanke Wahnsinn, und wenn ich irgendwann mal reich sein sollte, werde ich sie wahrscheinlich alle kaufen. Bis dahin bete ich für die Wiedereinführung der guten alten Schallplatte, dann braucht man auch endlich keine Vergrößerungsgläser mehr, um das Artwork genießen zu können." Apropos Reichtum: Christian "Moschus" Moos lebt davon, im eigenen "Spacelab Studio" in Grefrath andere Acts zu produzieren (darunter Genregrößen wie Ancient Rites), Ulli (Gitarre) kommt als Sozialarbeiter über die Runden und Schymy (Bass) lebt von seiner Kneipe in Krefeld.

Philipps ist sich übrigens der Vor- und Nachteile der Möglichkeit, im eigenen Studio zu arbeiten, schmerzlich bewusst: "Ein Vorteil ist natürlich, dass man die technische Umgebung perfekt kennt, und dass man zu jeder Tages- und Nachtzeit arbeiten kann, wann immer man will. Nachteil ist, dass man sich natürlich völlig bei der Produktion verzettelt, das Budget um ein Vielfaches überschreitet und somit finanziell regelmäßig bösesten Selbstmord begeht." Bleibt zu hoffen, dass es so bald nicht zum Äußersten kommt, dafür bedeutet die Musik der Krefelder inzwischen zu vielen Menschen zu viel...

Weitere Infos:
www.everon.de
Interview: -Klaus Reckert-
Fotos: -Pressefreigaben-
Everon
Aktueller Tonträger:
Flesh
(Mascot/Zomba)

 
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