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SPILLSBURY
 
"Unser Anspruch ist es nicht, auf möglichst vielen Buttons und T-Shirts zu landen"
Spillsbury
"Großartig!" lautete das Fazit, das unser Kollege Carsten Wilhelm nach dem ersten Spillsbury-Auftritt zog, über den Gaesteliste.de berichtete. "Von diesen beiden wird man noch hören. Auf jeden Fall!" Das war vor 15 Monaten, als Zoe Meissner und Tobias Asche im Rahmen der "Hamburg Calling"-Tour durch die Lande zogen. Ein tolles Album ("Raus!"), eine Titelgeschichte bei den Kollegen vom Intro und viele, viele positive Reviews später geht das Hamburger Duo nun dieser Tage wieder auf Tournee. Nennt es Electro-Punk, nennt es Protest-Pop, nennt es Hamburger Schule für das neue Jahrtausend - sicher ist, das Duo hat etwas. Dass Spillsbury derzeit häufig mit Wir Sind Helden verglichen werden - obwohl deutsche Texte und ein nicht wegzudiskutierender Retro-Touch das Einzige sind, was die zwei Bands konkret verbindet - kann die beiden (verständlicherweise) ziemlich auf die Palme bringen, und das nicht nur, weil sie was dagegen haben, vorschnell in irgendwelche Schubladen gesteckt zu werden, sondern auch, weil sie lieber einen Schritt nach dem anderen machen, anstatt zu schnell durchzustarten.
"Ich glaube, ich wäre ziemlich überfordert gewesen, wenn unsere Platte von null auf fünf in die Charts eingestiegen wäre", glaubt Zoe bei unserem Gespräch vor dem Spillsbury-Auftritt beim Introducing-Festival im Kölner E-Werk vor einigen Wochen. "Uns gibt es ja auch noch gar nicht so lange", unterstreicht Tobias. "Wir sind gerade erst dabei, uns einen Fundus an Songs zu basteln oder auch erst einmal mitzubekommen, wie das auf einem solchen Riesenfestival ist, wo es fünf verschiedene Bändchen gibt, die alle für einen anderen Bereich stehen, wo der eine das darf und der andere nicht. Beim Catering gab es acht verschiedene Hauptgerichte, das ist unglaublich!" Trotzdem freuen sich die zwei auf die anstehende sechswöchige Mammuttournee durch kleinere Säle, die Anfang November mit einigen prestigeträchtigen Fehlfarben-Supportshows endet, wenngleich Zoe weiß, dass eine solch ausgedehnte Konzertreise auch Risiken birgt. "Das Einzige, worum ich mir Sorgen mache, ist, ob ich das konditionsmäßig durchhalte. Unsere Tournee im Februar dauerte nur sechs, sieben Tage, und selbst da war es schwer genug, genügend Schlaf zu kriegen. In Köln zum Beispiel kennen wir durch unsere Musik ja inzwischen ein paar Leute, die man nur trifft, wenn man in der Stadt ist. Da ist man schon - im positiven Sinne - gezwungen, mit denen nach dem Konzert noch etwas zu machen. Da kommt man also nicht vor vier, fünf ins Bett und muss um neun schon wieder aufstehen, um das Hotelfrühstück noch mitzukriegen." - "Auf die Konzerte selbst freue ich mich riesig", ergänzt Tobias. "Man muss aber wohl doch eine gewisse Tourdisziplin einhalten und nicht jeden Abend noch feiern."

Derzeit bestreiten die Hamburger ihre Konzerte noch mit einer recht überschaubaren Anzahl von Songs. Dass sich die auf einer langen Tour schnell totlaufen, glaubt Tobias dennoch nicht. "Klar, das kann passieren, aber wir sind ja auch ständig dabei, neue Stücke zu machen. Wir haben im Moment keinen so hohen Output mehr wie noch vor einiger Zeit, aber da sind wir natürlich hinterher. Im Moment gibt es jedenfalls noch keinen Song, den ich nicht mehr hören könnte. Das kommt sicherlich irgendwann, aber noch nicht jetzt!" An anderer Stelle werden die zwei mit den Worten zitiert, die nächsten Stücke, die sie nun schreiben würden, seien in gewisser Weise richtungsweisend. Haben Spillsbury, deren neue Single "Die Wahrheit" Ende September erscheint, etwa Angst, sich schon nach einem Album nur noch zu wiederholen, und suchen deshalb bewusst neue Wege? "Nein! Wir machen genau weiter Musik wie bisher, und wenn sich das dann genauso anhört wie vorher, dann ist es halt so. Und wenn nicht, ist das auch in Ordnung", ist sich Tobias sicher, und Zoe meint: "In beiden Fällen ist es gut! Wir haben ja keine großen Pläne. Wir sagen nicht: Sound so wollen wir klingen oder das wollen wir damit erreichen. Wir machen einfach das, was aus uns herauskommt." - "Das macht keinen Sinn, wenn man Musik macht, bei der man sich vorher hinsetzt und sagt: Wir müssen jetzt ganz dringend den Sound ändern und hier eingreifen und dies und das anders machen", ist sich Tobias sicher. "Dann kann man's auch lassen."

Spillsbury
Das wirft natürlich die Frage auf, wie die Spillsbury-Songs dann entstehen. Ist es wirklich nicht mehr als einfach zusammen loslegen? "Ja, im Grunde schon", meint Tobias lachend. "Ich habe viele, viele Liedanfänge im Kopf und viele Probeläufe gemacht, die man ganz schnell vergisst, weil man sofort merkt, nee, nee, nee, das wird nix. Die Sachen, die danach übrig bleiben, die haben halt diesen bestimmten Sound, und das sind dann auch die Songs, die es auf die Bühne schaffen." Auch wenn sie erst ein Album aufgenommen haben, wissen Spillsbury schon jetzt, dass man nie zu lange an einem Stück herumbasteln sollte. "Wenn man zu lange an einem Song herumschraubt, kann man irgendwann gar nicht mehr objektiv beurteilen, was man dort gerade tut. Ab dem Punkt kann dann gar nichts Gutes mehr dabei herauskommen. Wir machen viele Anfänge, verwerfen sie aber auch ziemlich schnell wieder. ('Die Ausschuss-Ware wird bei uns ziemlich schnell erkannt', wirft Tobias ein.) Was wir machen, geht dann auch ziemlich schnell. Nicht First-Take, wir geben uns ja schon Mühe, aber trotzdem wissen wir ziemlich schnell, ob daraus etwas wird oder nicht."

Während viele Bands steif und fest behaupten, erst im Publikumstest zu merken, welche ihrer Stücke gut ankommen, sind sich Spillsbury ihrer Stärken bewusst. "Es gibt auf der Platte schon Stücke, die uns besser gefallen, was aber nicht heißt, dass uns die anderen gar nichts bedeuten", erklärt Zoe. "Hinter verschiedenen Songs stecken verschiedene Erinnerungen und Emotionen, die man damit verbindet. Trotzdem können wir doch schon zwischen einem guten Lied und einem möglichen Hit unterschieden." Dass das bei anderen Bands angeblich anders ist, hält Tobias für Koketterie. "Wenn man Anhaltspunkte hat, welche vorherigen Songs gut angekommen sind, dann weiß man ziemlich genau, was auch in Zukunft wieder gut ankommen wird."

Für irgendwelche Rockstar-Floskeln haben Spillsbury also ganz offensichtlich wenig übrig. Und auch ihre Begründung, die Lieder auf Deutsch zu singen, ist ziemlich interessant. Während viele andere Bands auf ihre Muttersprache zurückgreifen, weil sie glauben, sich damit besser ausdrücken zu können, finden Zoe und Tobias vor allem am oft zitierten eckigen Klang der deutschen Sprache Gefallen. "Das Englische ist so glatt", findet Zoe. "Gerade wenn man es nicht perfekt beherrscht, greift man doch schnell auf bestimmte Phrasen zurück, die alle schön und glatt und rund klingen. Das Eckige und Raue der deutschen Sprache passt auch zu uns. Wir wollen es gar nicht glatt und schön haben!" - "So reden wir halt!", ergänzt Tobias. "Wenn ich meine Gedanken erst übersetzen muss und dann auch noch darauf achten muss, dass sie sich reimen - dabei geht viel zu viel Zeit und Energie verloren. Bei englischen Texten würde man sich eh nur Phrasen aus anderen Texten zusammenklauben. Die Zeile 'The writings on the wall' - das ist ein Supersatz, kann man immer benutzen, aber was heißt das eigentlich? Das hört sich super an, und man kann es sofort in jeden Text einbauen, aber was soll das?"

Spillsbury
Thema Texte: Was bei Spillsbury auffällt, ist das Sloganhafte vieler Textzeilen. Selten platt, aber eigentlich immer griffig, scheinen bestimmte prägnante Formulierungen den zweien häufig wichtiger zu sein als eine Story rüberzubringen. "Ich wüsste nicht, warum ich einen Text schreiben sollte, der keine prägnanten Formulierungen hat", meint Tobias richtigerweise, wenngleich er uns zustimmt, dass es genügend Gegenbeispiele gibt. "Natürlich gibt es die, aber das ist halt auch ein Anspruch, den ich an einen Text stelle. Wenn ich einen schreibe, dann soll er auch etwas haben, das im Gedächtnis bleibt und das ihn abhebt von anderen Stücken." Sind die - inzwischen bekannten - Slogans der Band denn dann auch die Sätze, die am Anfang des Songs stehen, oder ergeben die sich manchmal erst aus dem Zusammenhang eines Textes? "Meistens ist es so, dass wir einen Text schreiben, aus dem man eine Phrase herausgreifen kann. Sobald wir diesen Satz dann auf den Refrain legen, wird daraus automatisch das Parolenhafte. Das ist der Refrain, das ist die Hookline. Ich würde behaupten, dass fast jeder Satz, wenn man ihn richtig betont und ihn an eine prägnante Stelle im Song setzt, zu einer Parole werden kann." - "Das passt halt auch zu dem, wie ich singe und was wir rüberbringen wollen", glaubt Zoe und fügt abschließend lachend hinzu: "Um das mal festzuhalten: Unser Anspruch ist es nicht, mit unseren Texten auf möglichst vielen Buttons und T-Shirts zu landen!"
Weitere Infos:
www.spillsbury.de
Interview: -Carsten 'Susi' Wohlfeld-
Fotos: -Simone Scardovelli-
Spillsbury
Aktueller Tonträger:
Raus!
(L'Age D'Or/Zomba)
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