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AND THE GOLDEN CHOIR
 
Das gekippte Weltbild
And The Golden Choir
Eigentlich ist es fast schon verwunderlich, dass Tobias Siebert nicht in der Pluralis Majestatis von sich selbst spricht. Denn nicht nur macht der Berliner Tausendsassa, den eingeweihte auch als Vorsitzenden der Band Klez.e auf dem Schirm haben, auch auf dem zweiten Album unter seinem Moniker And The Golden Choir wieder fast alles selbst, sondern er sieht sich auch immer noch als Teil eines imaginären Chors - der natürlich nur aus ihm selbst besteht. Wie dem auch sei: Statt zu Identitätskrise führt dieser Zustand zwischen "Ich" und "Wir" zu einer konkreten konzeptionellen Vision: Bereits auf dem zweiten Album mit Gewohnheiten zu brechen nämlich, und dabei auch eventuelle Hörerwartungen zu torpedieren. Das deshalb, weil sich Tobias eben schnell langweilt und sich auf keinen Fall wiederholen möchte. Das führte dann in diesem Fall zum Beispiel dazu, dass er Instrumente ausprobierte, die er bislang noch nicht angefasst hatte - eine Klarinette etwa oder eine Stehtrommel -, dass er mit Songstrukturen experimentierte, dass er erstmals mit elektronischen Elementen im Kontext des bislang vollständig organischen ATGC-Projektes hantierte und dass er sich selbst nicht mehr so richtig traute.
"Ja, das hing damit zusammen, wie ich arbeite", beschreibt er den Prozess, "ich hatte Lust zu sehen, was der Chor denn noch kann. Der Chor bin ja eigentlich nur ich, aber in meinem Kopf ist es ein großes Orchester, und da gibt es viele Stimmen, die ich noch gar nicht gehört habe und viele Personen, die bis jetzt immer nur den Hintergrund aufgefüllt haben, die aber jetzt auch mal nach vorne treten und eine eigene Stimme bekommen sollten. Das wollte ich rausfinden und da wurden dann viele Dogmen der ersten Scheibe gesprengt. Es ging dann darum, Elektronik zuzulassen, vielleicht auch mal kein ganzes Lied, sondern nur einen Refrain aufzunehmen und sich zur Strophe und dem Anfang dann vorzukämpfen. Ich gehe nämlich nie mit einem Demo ins Studio, sondern komme morgens hier rein und habe nichts." Und warum kann sich Tobias jetzt nicht mehr selber trauen? "Was ich bei diesem Album gelernt habe, ist, dass ich so meinem persönlichen Geschmack nicht mehr so recht trauen konnte, denn auf der letzten Scheibe war dieser immer ausschlaggebend dafür, ob ich etwas für gut befunden habe oder nicht. Denn jetzt habe ich einfach mal weitergearbeitet und geschaut, worauf es hinausläuft, auch wenn eine Idee vom Geschmacksempfinden nicht gleich gezündet hat. Das hat eigentlich so ein bisschen mein Weltbild gekippt, weil ich immer dachte, dass ich mich auf meinen Geschmack verlassen könne. Jetzt war es aber so, dass sich das Material nach einiger Zeit des Hörens dann doch in mein Herz geschlichen hat, auch wenn ich zunächst dachte, dass die Ideen nicht funktioniert haben." Das Schöne an all dem ist, dass der Zuhörer auf diese Weise praktisch am Entstehungsprozess beteiligt wird. "Ja, aber für mich war das ganz schön absurd, weil man ja eigentlich denkt, dass der eigene Geschmack der richtige für einen selbst ist", philosophiert Tobias, "das hat mich verwirrt, denn es führte dazu, dass ich mir nicht mehr so richtig trauen kann. Und dabei mache ich doch die Musik in erster Linie für mich selbst..."

Wie äußerte sich denn dieser Prozess im Ergebnis? Zunächst mal scheint das neue Album luftiger und transparenter zu sein, als das letzte. "Ich wollte ganz wenig machen", gesteht Tobias, "ich wollte mehr Lieder wie 'Joker' machen - mit Klavier, Stimme und vielleicht noch einem Instrument. Es ist mir aber nicht gelungen, weil ich es liebe, Spuren zu schichten. Ich höre dann immer Instrumente, die noch nicht da sind und muss die dann aufnehmen. Ich nehme mir aber für das nächste Album wieder vor, alles einfacher zu machen. Aber ich meine, dass das Album sortierter und weniger 'live-huschig' als das letzte ist. Ich hatte auch eigentlich vor ein viel poppigeres Album zu machen - das Label meinte aber, ich habe eher eine Kunstplatte gemacht. Nun ja - so kann man sich schon wieder täuschen." Was ist denn für Tobias die Kontinuität zur letzten Scheibe? "Für mich, dass ich immer auf der Suche nach Ecken bin, die es zu durchleuchten gilt. Und musikalisch ist die Schnittstelle 'How To Concquer A Land', weil das ein Stück ist, das die letzte Scheibe mit der neuen verbindet." Worüber singt Tobias eigentlich? Tatsächlich darüber, dass er keine Uhren mag oder Kapitäne auf Eroberungszug? Oder sind das Metaphern für Größeres? "Ja, das sind natürlich Metaphern", meint Tobias, "und wäre ich ein cleverer Musiker, würde ich sagen, dass das alles ausgedacht ist. Aber tatsächlich hat es sehr viel mit mir zu tun - was mir aber ganz oft auch erst im Nachhinein bewusst wird. Wenn ich aufnehme und noch keinen Text habe, singe ich erst immer Kauderwelsch, der allerdings dann so inspiriert sein kann, dass er am nächsten dran ist, was ich gerade im Kopf habe. Was passiert, ist, dass darin Worte enthalten sind, die es tatsächlich gibt - wie 'Captain, Captain' zum Beispiel - und um diese Eckpfeiler herum baue ich dann meine Texte auf. Und dabei können dann politische Songs herauskommen, wie 'How To Concquer A Land', in dem es um Landnahme und um den Abbau seltener Erden und um Kommunikation und Politik und Dinge geht, die uns heutzutage stets betroffen machen oder 'Lies', in dem es um falsche Wahrheiten geht - Dinge über die ich mal sprechen wollte. Oder es gibt persönliche Songs wie 'I hate Clocks' - denn in meinem Elternhaus gibt es tatsächlich viele Uhren, warum auch immer. Wenn ich das Haus hüte, wenn meine Eltern in Urlaub sind, und ich mal meine Ruhe haben und Zeitung lesen möchte, dann macht mich dieses ständige Klicken der Uhren wahnsinnig, so dass die Zeit viel schneller vergeht. In dem Song mache ich mir Gedanken darüber, wie es wäre, wenn es keine Uhren mehr gäbe bzw. wir diese nicht mehr beachten würden."

Was zeichnet dabei dann einen guten Song für Tobias aus? "Unvorhersehbarkeit", antwortet er wie aus der Pistole geschossen, "und eine Dramaturgie, wo ich merke, dass ich hinhören muss, um dranzubleiben. Die Stimme ist mir auch wichtig. Wenn die Stimme nicht funktioniert - egal wie gut die Musik auch sein mag - ist das immer ein Problem. Was ich als Produzent so empfinde, ist, dass wir im Mainstream zur Zeit immer so ein Lied haben, was alle in verschiedenen Versionen kopieren. Es ist alles sofort da und man hat keine Zeit reinzukommen. Da bin ich eher von den 80ern beeinflusst - in dem Sinne, dass man sich Zeit nimmt, ein Lied vorzustellen und dann hineinzufinden. Als Beispiel finde ich da Talk Talk immer toll. Die Hits von Talk Talk waren im ersten Moment immer Radio Lieder, die aber sehr gehaltvoll sind."

Was war denn eigentlich der Grund, neben der Band Klez.e und Tobias’ Tätigkeit als Produzent noch das Projekt And The Golden Choir loszutreten? Unterbeschäftigt scheint Tobias ja gerade nicht zu sein. "Ich interessiere mich auch noch sehr für Wein und arbeite mit einem Weingut zusammen", wirft Tobias ein, "ich habe mich in die Familie von Gisbert zu Knyphausen eingezeckt - und jetzt gibt es auch einen Golden Choir-Weißwein und einen Black Choir-Rotwein, den man dann auf der Tour kaufen kann." Ja, gut, aber warum dann auch noch ATGC? "Was mich getrieben hat, And The Golden Choir zu starten, war der Umstand, dass bei meinen ersten Bands - Delbo und Klez.e - immer der Fokus darauf lag, Musik zusammen zu machen. Das ist auch toll, weil so natürlich Dinge passieren, die nur in einem solchen Konstrukt möglich sind. Aber dann ging es um den Gesang. Bei Klez.e singe ich ja auch und fand es dort immer extrem schwer, Deutsch zu singen und dabei nicht in Schlager-Gefühle abzurutschen. Mir ist das jedenfalls nicht gut gelungen. Ich musste immer lange daran sitzen und herumfeilen, damit es funktioniert. Das hat auch mit dem Klang der Stimme zu tun und damit, dass ich Deutsch phonetisch immer sehr hart empfinde. Ich will aber eigentlich immer sehr melodisch singen - und das war bei Klez.e immer ein Krampf. Also war der erste Punkt bei ATGC Englisch zu singen und zu sehen, was meine Stimme noch kann. Und der andere Grund war, die Musik mal nicht in einer Band zu empfinden, sondern wirklich alles alleine zu entscheiden. Die Idee hatte ich schon lange. Und dann habe ich 2009 zusammen mit der Band Sometree aufgenommen und die hatten die Idee, dass ich sie auf der Tour begleiten sollte. Und dann habe ich mich an diese Ideen erinnert und hatte dann noch zwei Monate Zeit, bis die losgefahren sind. Und dann habe ich fünf Lieder aufgenommen - so wie ich es mir vorgestellt habe. Man kann also sagen, dass diese Sache And The Golden Choir dann tatsächlich ins Leben gerufen hat."

And The Golden Choir
Okay - und wie geht es mit Tobias Siebert weiter? "In meinem Traum würde ich gerne mit Klez.e und And The Golden Choir Jahr für Jahr wechseln. Ich will jedenfalls nicht wieder acht Jahre bis zum nächsten Klez.e-Album warten, denn wir haben jetzt gerade so eine Spielfreude, dass das unbedingt weitergeführt werden muss. Jetzt kommt erst mal eine Tour mit And The Golden Choir aber ich denke, dass 2019 dann das neue Klez.e-Album fällig wäre. Und And The Golden Choir dann wieder 2020."
Weitere Infos:
andthegoldenchoir.com
www.facebook.com/andthegoldenchoir
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-
And The Golden Choir
Aktueller Tonträger:
Breaking With Habits
(Caroline/Universal)




And The Golden Choir

 
 

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