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OHMME
 
Der Geist zu Hause
Ohmme
Auch wenn es in letzter Zeit sich nicht mehr so aufdrängte: Die Musikszene in Chicago bietet nach wie vor vielfältige Möglichkeiten, sich musikalisch auszudrücken, auch wenn die Dominanz bestimmter Genres (wie zuvor Blues, House oder Postrock) heutzutage keine große Rolle mehr spielt. Sima Cunningham und Macie Stuart - die sich bereits auf der Highschool kennenlernten und zusammen seit 2014 das Duo Ohmme bilden - haben insofern musikalische Laufbahnen vorzuweisen, die manche Kollegen schlicht erblassen lassen würden. So sind beide einerseits klassische Pianistinnen, haben aber auch eine Historie z.B. als Indie-Rockerinnen, Avantgarde/Jazzerinnen, Festivalkuratorinnen oder als "freie Mitarbeiterinnen" in der auf New Orleans-Sound spezialisierten Band Yes We Can. 2018 überraschte das Duo dann mit der als Rock-Scheibe ausgelegten Ohmme-Debüt-LP "Parts". Nun gibt es mit "Fantasize Your Ghost" eine würdiges Nachfolge-Projekt, mit dem Sima und Macie sich insbesondere als Songwriterinnen und Arrangeurinnen neu positionieren.
Wie so viele andere auch, sind auch Ohmme durch die Corona-Krise schwer gebeutelt worden. Eine gerade gebuchte Tour mit Waxahatchee musste zum Beispiel verschoben werden. Wie ist die Situation denn in Chicago? "Ich sitze gerade mit meinen beiden Room-Mates in meinem Apartment fest und bin somit von Sima getrennt", berichtet Macie, "das ist natürlich eine seltsame Situation - wir werden uns aber demnächst mit dem notwendigen Sicherheitsabstand treffen, um gemeinsam zu musizieren." Das haben sie mittlerweile auch getan und sich an diversen Benefit-Stream-Aktionen beteiligt (etwa auf einem Hausdach mit mindestens drei Metern Abstand oder via Instagram an verschiedenen Orten). Die momentane Situation ist auch der Grund dafür, dass Sima und Macie nicht beide gleichzeitig an dem Gespräch teilnehmen konnten. Kommen wir mal zur neuen Scheibe: Ohmme sind ja mit einem bestimmten formalen Konzept gestartet - indem sie nach Möglichkeiten suchten, sich mittels Gitarren auf eine innovative Weise zu äußern. Gilt das heute immer noch als Maxime? "Ja, als wir 2017 unsere erste EP einspielten, ging es uns darum, die Möglichkeiten der elektrischen Gitarre zu erforschen - denn wir hatten zuvor nicht besonders viel E-Gitarre gespielt. Auf der LP 'Parts' ging es uns dann darum, zusammen mit unserem Drummer Matt Carroll einen Band-Sound auszuarbeiten. Nachdem wir das erreicht hatten, wollten wir uns auf der neuen Scheibe - neben dem Einfangen des Live-Sounds - stärker auf die Songs konzentrieren an den Vokal-Arrangements arbeiten und uns mehr Overdubs erlauben." Ein besonderer Aspekt, der die neue Scheibe auszeichnet, sind dann auch die geschickt in die zuweilen recht komplexen Songstrukturen integrierten Gesangsharmonien - einfach weil man solche auf einer Rock-Scheibe nicht unbedingt erwartet. "Nun, Gesangsharmonien sind uns eigentlich immer wichtig", bemerkt Macie, "die wichtigsten Aspekte unserer Band und unserer Identitäten sind unsere beiden Stimmen - entweder in der Harmonie oder dem Einklang - und die Texturen der elektrischen Gitarren. Es gibt aber auch ein paar Tracks auf der neuen Scheibe, auf der wir die Stimmen dann zusätzlich gestaffelt und gedoppelt - und so bewusst mehr Chor-Partien eingebaut haben." Was will uns - dessen eingedenk - dann der eher experimentelle Instrumental-Track "Sturgeon Moon" sagen? "Nun - unsere Band entstand ja aus der Improvisations-Szene in Chicago", erläutert Macie, "das ist tief in uns drin. Speziell ich und Matt spielen viel improvisierte Musik, wenn wir nicht mit Ohmme auf Tour sind. Das ist sozusagen die andere Hälfte meines Lebens. Es war uns also wirklich wichtig, einen improvisierten Track auf der neuen Scheibe zu haben, weil es uns vor allen Dingen auch um das konstante Erforschen von Strukturen und der gemeinsamen Möglichkeiten geht. Außerdem ist das ein Gegengewicht zu den eher geradlinigen Songs auf der Scheibe."
Was Macie als "geradlinig" bezeichnet, dürfte für viele Ohren immer noch komplex und anspruchsvoll klingen, denn in Bezug auf die Verschachtelung von Elementen, können Ohmme mit den ausgebufftesten Prog-Musikern ohne weiteres mithalten. "Ja, das stimmt", lacht Macie, "weißt du, wenn wir die Songs schreiben, dann interessiert mich besonders, Musik zu erschaffen, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, ob diese in ein bestimmtes Format oder Zeitschema passt. Es geht mir dann eher darum, die Songs den Gesangsmelodien folgen zu lassen, als mich um ein beliebiges Zeitschema kümmern zu müssen. Ich arbeite auch mit einigen großartigen Singer/Songwritern zusammen und mir ist aufgefallen, dass deren Songs oft mehr Raum zum Atmen bieten, ohne sich durch ein Korsett zu limitieren. Deswegen haben wir uns von den Melodien leiten lassen - und ich denke, das macht unsere Musik dann auch zugänglicher. Wir haben das so intuitiv wie möglich gemacht - und ich hoffe, das merkt man auch." Dazu muss man noch wissen, dass Ohmme - bei aller technischen Finesse - auch in der Lage sind, ganz konventionell an die Sache heranzugehen (etwa wenn es um Coverversionen geht). "Ja, wir lieben halt einfach generell jede Art von Musik", bestätigt Macie, "was immer wir uns gerade anhören, findet sicher auch den Weg in unsere Musik - ob wir darauf achten, oder nicht." Das neue Album heißt ja "Fantasize Your Ghost". Was ist denn dabei der inhaltliche Leitfaden? "Ja, ein großes Thema auf der Scheibe ist 'Veränderung'", führt Macie aus, "Es geht darum, ob und wann man mit der Veränderung mitgehen - und wann man dagegen ankämpfen sollte. Im Wesentlichen geht es darum, wie du auf Veränderungen reagierst - ob du mitmachst, oder die Veränderungen, die für dich gemacht bzw. vorbestimmt sind, akzeptierst." Der im Titel besungene Geist ist dabei übrigens Macie selbst - wobei sie sich vorstellt, wie es wäre, als Geist auf ihr eigenes Leben und die Möglichkeiten zurückzublicken.

Ein weiteres Thema der Scheibe ist die Idee des Zuhause als Anker im Leben. "Ja, wir sind im letzten Jahr viel auf Tour unterwegs gewesen und das hat uns geholfen, uns selbst zu beobachten", erläutert Macie, "wir hatten viel Zeit für uns selbst und haben all die verrückten Dinge beobachtet, die um uns herum passierten. Wir hatten gar keine klare Vorstellung mehr von dem, was unser Zuhause eigentlich ausmacht und haben viel darüber nachgedacht, was Zuhause eigentlich bedeutet." Und gab es da eine Antwort? "Nicht wirklich", zögert Macie, "das ist ein ständiger Prozess." Und das Leben auf Tour kann ja auch eine Art Zuhause sein. "Das stimmt wohl", pflichtet Macie bei, "ich denke, das Thema beschäftigt insbesondere auch viele Musiker, weil man heutzutage sein Geld auf der Tour verdient. Alle sind also länger auf Tour als wo immer sich ihre Heimat-Basis befindet. Das Heimat-Konzept verändert sich somit auch ständig. Es ist eine universelle Frage für viele Musiker."

Der erste Single-Track des neuen Albums "3 2 4 3" handelt hingegen insbesondere von dem Thema Veränderung. "Ja, genau, 3243 ist dabei die Nummer meines alten Apartments, aus dem ich inzwischen ausgezogen bin", berichtet Macie, "von diesem Apartment aus konnte ich diese riesige Brücke in Chicago überblicken, die so verfallen war, dass die Stadt beschlossen hatte, sie abzureißen. Das geschah über einen Zeitraum von zwei Jahren und war wegen des Baulärms unglaublich laut. Außerdem lebten wir damals über einer Bar, die jede Nacht bis mindestens vier Uhr in Betrieb war. Eine Zeitlang habe ich das akzeptiert, weil es schlicht einfacher war, als sich aufzuraffen und das Apartment mein Inbegriff des Zuhause war. Als wir dann allerdings die Entscheidung getroffen hatten, auszuziehen, stellte sich das als Katalysator für den angesprochenen Veränderungsprozess heraus, mit dem sich unser ganzes Leben ändern sollte - zumal das die Zeit war, in der Trump gewählt wurde und alles ein wenig verrückter wurde. Mir wurde damals klar, dass das alte Apartment zwar mein Zuhause gewesen war, dass ich aber die Veränderung akzeptieren konnte, weil mir klar wurde, dass der Begriff Zuhause nicht an einen Ort gebunden sein musste." Wie arbeiten Macie und Sima als Songwriterinnen? Die Historie auf dem Improvisationssektor legt ja nahe, dass dieses Element auch eine Rolle bei der Entstehung von Ohmme-Songs spielt? "Also sagen wir mal so: Den Kern des jeweiligen Songs schreiben wir grundsätzlich unabhängig voneinander - weil es auf diese Weise einfacher ist, insbesondere lyrische Ideen zu konkretisieren", führt Macie aus, "für die neue Scheibe wollten wir aber einen stärkeren kollaborativen Ansatz wählen und sind deswegen für drei Tage in das Flying Cloud Studio unserer Freunde in New York gefahren, um dort eine Songwriting Session zu machen und uns bezüglich unserer Ideen und der Texte auszutauschen." Was zeichnet einen guten Song dabei aus? "Oh - das ist eine gute Frage", zögert Macie, "ich würde sagen, dass das von meiner gegenwärtigen Stimmung abhängt. Ich bin definitiv jemand, der mit dem Flow geht und keine konkrete Idee diesbezüglich im Kopf hat. Es ist wirklich eine schwierige Frage, weil ein Song auf eine Menge Kategorien gut sein kann. Für diese Scheibe ging es darum, gute Melodien, Kontermelodien und Instrumentierungen haben."

Wie wird es weitergehen mit dem Projekt Ohmme? "Wir denken definitiv über unsere musikalische Zukunft nach", überlegt Macie, "wir wollen definitiv mehr mit dieser Band touren, weil wir es lieben, zusammen zu reisen. Es ist auch deswegen spannend mit diesem Album auf Tour zu gehen, weil es so viele Optionen gibt, wohin sich die Sache entwickeln könnte. Für mich ist es in letzter Zeit eine neue Sache geworden, über meine Zukunft nachzudenken, weil ich bislang halt einfach immer alles hingenommen habe, wie es kam. Das ist schön, weil es eine neue Art von Energie freisetzt. Ich bin gespannt darauf, was uns noch alles erwartet." Wir ja auch. Auch wenn Touren in nächster Zukunft vermutlich nicht dazu gehören werden.

Weitere Infos:
ohmme.bandcamp.com
www.facebook.com/ohmmemusic
ohmmemusic.com
www.instagram.com/ohmmemusic
twitter.com/ohmmemusic
www.youtube.com/watch?v=n9E9ngQ9lVI
www.youtube.com/watch?v=hstB_R4pahw
Interview: -Ullrich Maurer-
Foto: -Pressefreigabe-
Ohmme
Aktueller Tonträger:
Fantasize Your Ghost
(Joyful Noise/Cargo)

 
 

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