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JAPANESE BREAKFAST
 
Punctum Punktum!
Japanese Breakfast
Es läuft für Michelle Zauner! Nicht nur, dass sie nun mit "Jubilee" das dritte Album ihres Projektes Japanese Breakfast realisiert hat, sondern zudem hat sie sich mit ihren gerade veröffentlichten Memoiren "Crying In H Mart" auch als Autorin einen Namen gemacht - und obendrein hat sie mit dem Soundtrack für das im Herbst erscheinende Video-Spiel "Sable" bereits ein weiteres Projekt im Köcher. Und was Japanese Breakfast betrifft, so spielt Michelle mittlerweile in der ersten Riege der Indie-Acts mit, die aus eigener Kraft den Durchbruch zum Mainstream geschafft haben - was unter anderem daran abzulesen ist, dass sie mit ihrem Auftritt in der Tonight-Show jetzt auch in den US-Late-Night-Shows angekommen ist. Nachdem die beiden ersten Japanese Breakfast-Alben "Psychopomp" und "Soft Sounds From Another Planet" sich indes noch als experimentelle Indie-Scheiben darstellten, auf denen Michelle alle möglichen Stile und Richtungen ausprobierte, kommt das neue Album "Jubilee" mehr oder minder unverhohlen als opulent ausformulierte, moderne Pop-Scheibe daher.
Was war denn das musikalisch Ziel für Michelle? Es scheint, als habe Michelle versucht, so viele Ideen und Elemente wie möglich in die neuen Songs zu packen. "Ich habe einfach viel Wert darauf gelegt, dieses dritte Album möglichst selbstbewusst anzugehen", erklärt sie, "weißt du, das Wichtigste für einen Künstler ist, seiner Stimme Ausdruck zu verleihen und sich zu überlegen, wie er das erreichen kann. Wenn ich an Alben wie Björks 'Homogenic', Beach Houses 'Tean Dream' oder Wilcos 'Summer Teeth' denke, dann höre ich, wie dort die Dinge zusammenkommen und verschmelzen und ich höre wirklich ambitionierte Alben. Und so etwas wollte ich mit meinem dritten Album dann auch erreichen." Die neuen Sachen hören sich ja sehr angenehm und zugänglich an. Wonach aber suchte Michelle denn eigentlich? "Es ist schwierig, das konkret zu sagen", überlegt sie, "ich denke, das ist dieses unerwartete Ding, das dich aus heiterem Himmel trifft und Gänsehaut erzeugt - und man möchte das natürlich bei jedem Song haben. Wenn ich da mal an eine Analogie aus der Fotografie denke, dann ist das so, dass der Philosoph Roland Barthes in seinem Buch 'Camera Lucida' davon spricht, dass Fotografien 'Studium' und 'Punctum' haben können. 'Studium' beschreibt in etwa die Daten, die man von einem Bild erfassen kann und 'Punctum' ist dieses unerklärliche Gefühl, an das man sich später erinnert, wenn man das Foto betrachtet. Und wenn ein Song eben dieses 'Punctum' hat, dann verdient er es, auf einem Album zu landen. Ich suche also immer nach diesem unerklärlichen Gefühl, dass dir dieses Herz-erhebende Gefühl vermittelt. Man muss danach natürlich im Dunkeln herumstochern und wenn du Glück hast, dann stolperst du darüber. Steuern kann man das aber nicht." Was ist für Michelle die größte Herausforderung als Songwriterin? "Oh ich denke, immer wieder zu versuchen, dieses Gefühl des 'Punctum' überhaupt zu finden", meint sie, "und dann geht es natürlich auch immer wieder darum, einfach immer noch besser zu werden. Ich tue mich immer schwer damit, die richtige Stimmung zu finden. Als Produzentin den richtigen Ton zu finden, ist ein sehr subtiles und doch unglaubliches wichtiges Element - und es fällt mir immer noch schwer, hier den richtigen Ansatz zu finden." Geht es auch dabei um das 'Punctum'? "Das ist dabei ein wenig anders", führt Michelle aus, "denn ich denke, ich verstehe das 'Punctum' meiner Kompositionen und der Arrangements ganz gut. Es gibt aber diese andere Art von 'Punctum' in der klanglichen Landschaft, das für mich schwerer zu erfassen ist. Oft vertraue ich diesbezüglich auf einen Co-Produzenten. Craig Hendrix machte dabei am meisten und Ich und Jack Tatum mit dem ich auch den Song 'Be Sweet' zusammen schrieb - machten einiges und Alex G half bei 'Savage Good Boy' aus."

Was hält denn - außer des Gesangs - die ganzen verschiedenen Elemente zusammen? "Mein Hirn", lacht Michelle, "und meine Regie. Auch wenn ich Co-Produzenten habe und mit anderen Musikern zusammenarbeite, bin ich doch die Regisseurin. Das hängt mit meinen Referenzen, meinen Interessen und meinem Geschmack zusammen - und ich denke, das ist es, was das Ganze dann rund macht." Dieser Ansatz führt dann ja im Ergebnis dazu, dass alles etwas größer als das richtige Leben rüberkommt, richtig? "Ja, denn ich habe viel darüber nachgedacht, was ein Künstler mit seinem dritten Album ausdrücken sollte", führt Michelle aus, "das erste Album war ja eine Art Zufallstreffer - aber bei meinem zweiten Album habe ich nämlich deutlich den Erfolgsdruck gespürt - was mich nervös gemacht hatte. Ich konnte das dritte Album also mit diesen Erfahrungen mit deutlich mehr Selbstbewusstsein angehen; und das sollte sich dann in der Musik auch deutlich widerspiegeln. Ich habe dann viel über andere Künstler mit einem großen, dritten Album nachgedacht und was ich an diesem Punkt meiner Laufbahn darstellen möchte. Es sollte von Anfang an ein großes Album mit größeren Arrangements und einem strahlenden, theatralischen Gefühl sein." Das theatralische Gefühl bezieht sich aber eher auf die Musik. In ihren Lyrics beschäftigt sich Michelle auch mit eher düsteren Themen: In "Savage Sweet Boy" mit Millionären, die junge Frauen in ihre Bunker verschleppen, in "In Hell" mit ihrem Hund, den sie einschläfern musste und der nun zwischen Himmel und Hölle pendelt, in "Posing In Bondage" um toxische Beziehungen, die in Sucht und Fetisch enden - aber auf der anderen Seite in Songs wie "Kokomo, In" auch mit Jugendlichen, die Songs wie die Beatles schreiben wollen oder in "Posing For Cars" mit der Suche nach Möglichkeiten, Dinge, die mit Worten nicht gesagt werden können, durch Musik auszudrücken.
Japanese Breakfast
Kann es sein, dass Michelle Zauner durch die Musik ihr Leben verarbeitet? "Ja, definitiv", bestätigt sie, "scheiße noch mal ja." Das ist ja auf gewisse Weise ein Privileg, so etwas tun zu können, oder? "Ja, in der Tat denke ich ständig darüber nach, wie viel Glück ich habe", meint Michelle, "ich bin in dieser Industrie ja eine Art Spätzünderin und bin mir dieses Privilegs sehr bewusst - weil ich eine sehr lange Zeit gebraucht habe, dieses zu erreichen. Ich kenne ja sehr viele Menschen aus meiner Umgebung, denen es nicht vergönnt ist, das gleiche machen zu können, wie ich. Die haben damit zu kämpfen und wünschten sich vielleicht, eine ähnliche Richtung einschlagen zu können, wie ich. Mir ist das schon sehr bewusst." Geht es Michelle dann darum, mit ihrer Musik vielleicht auch anderen Menschen helfen zu können - oder macht sie diese vielleicht eher für sich selbst? "Ich denke, wenn man Musik für sich selbst macht und diese aufrichtig und ehrlich ist, dann wird diese natürlich auch auf andere Menschen wirken", meint Michelle, "das ist mir schon klar - aber ich versuche gar nicht so viel darüber nachzudenken, denn das würde mich eher verwirren."
Bei unserem letzten Gespräch meinte Michelle noch, dass sie sich keinerlei Grenzen für ihre Musik vorstellen könne. Hat sie ihr musikalisches Ziel also mit "Jubilee" erreicht - oder sucht sie für das nächste Mal immer noch nach etwas Größeren oder Anderem? "Also momentan kann ich noch nicht mal an das nächste Mal denken", weicht sie aus, "momentan könnte ich mir vorstellen, beim nächsten Mal etwas gelassener an die Sache heranzugehen und ein wenig zu chillen. Aber erst ein Mal muss ich mich um mein Buch, die Scheibe, ein paar Live-Streamkonzerte und den Soundtrack für das Videospiel 'Sable' kümmern. Damit min ich bis in den Herbst beschäftigt."
Weitere Infos:
Japanesebreakfast.rocks
www.facebook.com/japanesebreakfast
michellezauner.bandcamp.com
www.instagram.com/jbrekkie
twitter.com/Jbrekkie
www.youtube.com/watch?v=mcoC5ZgaFjY
www.youtube.com/watch?v=2ZfcZEIo6Bw
www.youtube.com/watch?v=q2pQIqR-m_w
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Peter Ash Lee-
Japanese Breakfast
Aktueller Tonträger:
Jubilee
(Dead Oceans/Cargo)

 
 

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