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NICOLE FAUX NAIV
 
Die Sklavin der Leidenschaft
Nicole Faux Naiv
Wie so viele ihrer Kolleg(inn)en auch, lebt und arbeitet Nicole Faux Naiv in Berlin - wo auch die Songs ihres bemerkenswerten Dreampop-Debüt-Albums "Moon Rally" entstanden und wo ihr britischer Produzent Robbie Moore (zu dessen Klienten etwa Florence + The Machine, Peaches oder Gemma Ray gehören) auch sein Studio "Impression Recordings" betreibt und wo ihr Label Bronzerat auch mit einem Büro vertreten ist. Ursprünglich wuchs Nicole indes in Olpe im Sauerland als Tochter russischer Eltern, die aus der zerfallenden Sowjet-Republiken Kasachstan und Kirgisien emigriert waren, auf und verbrachte dort auch ihre Jugend und zweifelsohne auch ihre musikalische Prägungsphase. Dass diese unter anderem auch mit Material aus dem russischen Kulturpreis gespeist wird, stellt sich nun als großer Vorteil heraus, denn neben klassischen Inspirationen aus dem angelsächsisch geprägten Sounduniversum zehrt Nicole auch von der russischen Folklore, Musik und nicht zuletzt Sprache, denn bereits jetzt befinden sich einige Songs mit russischen Texten in Nicoles Repertoire und sie spielt mit der Idee, die überwiegend englischsprachigen Tracks des "Moon Rally"-Albums auch in russischen Versionen einzuspielen. Um es aber gleich zu sagen: Um Politik geht es dabei nicht.
Gleich mal zu Anfang: Was ist denn die Idee hinter Nicoles Künstlernamen? "Ich habe ja auch Kunstwissenschaft studiert", holt sie aus, "und kenne mich deshalb aus mit künstlerischen Strömung. Da gibt es ja die Naive Kunst, die Anfang des 20. oder Ende des 19. Jahrhunderts aufkam. Und da gibt es eine Strömung, die sich 'faux naïf' nennt. Dort haben ausgebildete Künstler (wie Paul Klee) diese naive Malerei so ein bisschen imitiert. Das fand ich sehr interessant - und fand vor allen Dingen den Namen cool und habe den übernommen - nur eben mit der deutschen Schreibweise für 'naiv'." Wie stellte Nicoles musikalische Prägephase sich denn dar? "Also, eine musikalische Ausbildung hatte ich nicht wirklich", gesteht Nicole, "ich bin mit sechs Jahren zum Klavierunterricht gegangen und habe dann mit neun oder zehn die Grundlagen erlernt wie z.B. das Notenlesen oder Harmonielehre. Und dann habe ich noch zwei Jahre lang Gitarrenunterricht genommen und die Grundlagen des Instrumentes erlernt. Das Songwriting habe ich mir dann allerdings selbst beigebracht." Und wie ist Nicole darauf gekommen, sich in der 80er Jahre Dreampop-Ecke musikalisch einzurichten? "Ich würde das nicht als 80er Jahre-Setting labeln", zögert Nicole, "man hört das an gewissen Stellen zwar raus - es ist aber nicht so gewollt. Die 80er Jahre beziehen sich eher auf den russischen Postrock. Aber was meine musikalischen Inspirationen angeht, bin ich doch eher in den 90ern verankert. Als ich angefangen habe, war ich in dem 80s Vibe aus Post-Sowjetischen Zeiten drin. Nachdem ich dann aber meine ersten beiden Tracks "Do Svidaniya Navsegda" (auf nimmer Wiedersehen) und "Traum / Trauma" aufgenommen habe - habe ich mich dann aber relativ schnell an den 90er Jahren orientiert, die ja sehr vielfältig waren." Und was fasziniert Nicole an diesem Setting? "Das ist eine Art Zwischenspiel", verrät sie, "als ich angefangen habe, hatte ich auch gar nicht zuerst den Begriff Dreampop im Hinterkopf - das hat sich erst später ergeben, denn man muss der Musik ja einen Namen geben. Das passt aber ganz gut, weil der Begriff Dreampop ja sehr weit gefasst werden kann. Für mich ist es deswegen Dreampop, weil ich auch sehr viel mit Traumbildern gearbeitet habe. Es ist also aus der Perspektive zu betrachten, dass es inhaltlich in den Lyrics um Träume geht. Und musikalisch soll es auch irgendwie klingen, wie ein Traum - mit diesen ganzen Synthesizern mit dem Hall, die klingen als würden sie von ganz weit weg schallen. Das passt auch ganz gut zu den Texten, die Bilder darstellen, die nicht hier sind, sondern irgendwo anders."
Nicole Faux Naiv
Wie weit ist denn der Weg vom Dreampop zum Eskapismus für Nicole? Ist "Moon Rally" auch ein Stück Realitätsflucht - oder zumindest ein Gegenmittel gegen den Pandemie-Blues? "Also ich habe mit den ersten Songs des Albums im Januar / Februar 2020 angefangen - kurz bevor es losging mit der Pandemie", erinnert sich Nicole, "ich hätte aber sowieso das Album in dieser Art angelegt. Zu dieser Zeit hatte ich sowieso nicht so viel Kontakt zur Außenwelt. Corona und die Pandemie haben das bestimmt irgendwie verstärkt, indem man ja gezwungen war, eben nicht unter Menschen zu gehen. Aber ich glaube, es wäre trotzdem so geworden, weil ich immer schon dazu tendiert habe, mich in meine eigenen Welten zurückzuziehen. Nicht nur - aber wenn es um kreative Prozesse geht, mache ich so etwas ganz gerne." Wovon singt Nicole denn so? Welchen Hintergrund haben denn die besungenen Traumszenarien? "Jeder Künstler kommt wohl irgendwann an den Punkt, an dem er sich sagt: Okay, ich muss das mal niederschreiben. Hauptsächlich ist es so, dass es dabei um eigene Erfahrungen oder Erlebnisse geht, die verarbeitet werden. Die Musik ist ja auch ein sehr geeignetes Mittel, solche Sachen zu verarbeiten. Es gibt ja auch so etwas wie Kunst-Therapie. Es geht darum Erinnerungen und Gedanken ein Bild zu geben, weil diese ja teilweise auch sehr abstrakt sind. Es ist auch eine gute Möglichkeiten, sich aus eigenen gedanklichen Kreisläufen zu lösen und die Erinnerung so zu verfestigen. Was das genau ist, wird aber nicht deutlich. Denn ich finde Künstler und Musiker sollten generell ihre Karten nicht allzu offen auf den Tisch legen, denn die Faszination eines Kunstwerkes ist eben die, dass nicht alles offen gelegt wird, sondern dass man selber etwas hineininterpretieren kann, was vielleicht nicht ganz richtig ist, aber im Moment Sinn macht."

Kommen wir mal zu der Sache mit Russland: Welchen Bezug hat Nicole zu Russland? "Ich war leider noch nie in Russland", gesteht Nicole, "das ist aber einer meiner großen Träume, ein Mal das ganze Land zu bereisen. Meine ganze Familie kommt aus der ehemaligen Sowjetunion - und daher kommt das dann. Ich bin halt zweisprachig aufgewachsen." Die Frage zielte auch auf den Gebrauch der Sprache hin. Grundsätzlich singt Nicole auf Englisch - aber zwei der Tracks auf "Moon Rally" sind halt auf Russisch. Interessanterweise sind das auch die Titel, die Nicole "am schönsten singt" (also in Bezug auf Diktion, Klangfarbe und Tongenauigkeit). "Das ist sehr interessant, denn das ist auch schon ein paar anderen Personen aufgefallen, die mir gesagt haben, dass meine Stimme auf russisch schöner klänge", berichtet Nicole, "manche sagen aber auch, dass beides total cool klänge - ich finde das ja auch. Es ist aber so, dass ich auch merke, dass in meiner Stimme irgendwie eine natürlichere Dynamik drin ist, wenn ich auf russisch singe. Das ist vielleicht vererbt. Ich muss aber auch sagen, dass mein Englisch deutlich besser ist, als mein Russisch. Wenn ich eine Schulnote vergeben müsste, würde ich 3+ sagen. Ich bin da einfach nicht fließend. Ich kann gut sprechen und lesen und verstehen und so weiter - weil ich ja so aufgewachsen bin. Es ist halt so, dass die russischen Wörter irgendwie besser zu meinen Stimmbändern zu passen scheinen." Auf Deutsch mag Nicole aber nicht singen, oder? "Ganz zu Beginn, als ich angefangen habe eigene Songs zu schreiben, habe ich das ein Mal versucht", gesteht sie, "ich habe ein paar Texte auf Deutsch geschrieben - aber ich finde das passt nicht zum Klang meiner Stimme. Ich mag das einfach nicht - und ich will es auch gar nicht."

Wonach sucht Nicole als Songwriterin denn selbst? "Das ist schwer zu sagen", überlegt sie, "ich denke mir nämlich immer, dass man nicht so viel darüber nachdenken sollte, sondern einfach diese schnellen Impulse auf Papier oder ins Programm bringen. Später, wenn ich damit arbeite, mache ich mir schon Gedanken darüber, wie ich das Gefühl, das ich in dem Song verkörpern möchte, melodisch wie auch lyrisch genauso rüberbringen kann, wie ich es empfinde und so eine spezielle Seele in dem Song zum Ausdruck kommt. Textlich soll es dann interessant klingen: Weg von der Alltagssprache und je verrückter desto besser - aber nicht so, dass man überhaupt nicht mehr versteht, worum es geht. Meist geht es um Gefühle - aber manchmal erzähle ich auch eine Geschichte. Nicht im Sinne von Storytelling, sondern mehr so verschachtelt. Auf diesem Album stehen aber tatsächlich eher so 'Traumemotionsgefühlsfragmente' im Zentrum." Hat Nicole denn schon mal einen Song geträumt? "Ja, da habe ich diese Melodie geträumt und bin mit einem Ohrwurm aufgewacht", erinnert sich Nicole, "den habe ich dann den ganzen Tag gesungen. In meinem Traum war das etwas euphorischer im Sinne einer Pop-Hymne. Das ist dann natürlich etwas verloren gegangen während des Tages. So träume ich öfter mal melodisch. Es geht aber auch sehr viel verloren, denn meistens passiert das beim Einschlafen und dann habe ich einfach keine Kraft, noch schnell eine Voicemail aufzunehmen. Manchmal passiert das auch textlich - das sind dann meist Fragmente, die gar keinen Sinn machen; was aber okay ist, denn Träume machen ja auch keinen Sinn."
Traum, Eskapismus, Inspiration - das ist ja alles schön und gut, aber als Musikerin muss man das doch alles irgendwie auch lenken und kontrollieren, oder nicht? "Ahem - das ist schwer zu sagen", überlegt Nicole, "ich würde aber doch sagen, dass ich mich von der Inspiration und der Muse leiten lasse, denn oft kommt das halt spontan. Wenn ich versuche, einen Song zu schreiben, habe ich oft keine guten Ideen. Manchmal kommt dann aber so ein Drive und der steuert das Ganze dann. Während ich den Song dann aufnehme, höre ich schon im Hinterkopf, wie der Song weitergehen könnte. Das ist ein ganz magischer, interessanter Prozess, den wahrscheinlich auch ganz viele andere Künstler(innen) kennen. Die besten Songs entstehen meiner Meinung nach, wenn ich mich fallen lasse und ganz verrückte Sachen ausprobiere." Welche Aufgabe hat denn in diesem Zusammenhang Robbie Moore als Produzent? "Mit Robbie habe ich im Studio im Prinzip meine Demos, die schon recht konkret waren, noch mehr in Form gebracht. Sie wurden deutlicher und klanglich auch verbessert. Es ging auch um die Struktur - bei manchen mehr, bei manchen weniger. Robbie hat auch hervorragende Gitarrenlinien und Basslinien eingespielt für die meisten Songs - weil ich keine gute Gitarristin bin und auch keinen Bass zu Hause habe. Es gab auch einen richtigen Drummer. Es klingt halt alles viel besser, wenn da jemand dabei ist, der sich auskennt." Was ist die größte Herausforderung als Songwriterin? "Herausforderung?", überlegt Nicole, "die größte Herausforderung ist die, dass man dieser Sache einfach nicht entkommen kann. Ich habe neulich mal das Zitat eines russischen Schriftstellers gelesen, das besagte, dass man zwar eine Sucht heilen könne, eine Leidenschaft aber eben nicht. Man muss also lernen, damit zu leben - auch wenn es Momente gibt, wo es einem vielleicht auf die Nerven geht und man sich als Sklave seiner eigenen Leidenschaft sieht, wenn man mal keine Lust mehr hat. Sicherlich ist die Herausforderung für einen Künstler, im Gleichgewicht zu sein - und auch immer wieder neue Songs zu schreiben."

Wie könnte denn in dieser Hinsicht Nicoles Zukunft aussehen? "Eigentlich habe ich mein Ziel ja schon ein bisschen erreicht, weil ich jetzt ja mein Album veröffentlichen kann", freut sich Nicole, "das fühlt sich sehr groß für mich an. Ich habe aber viele kleine Wünsche für die Zukunft. Einer davon wäre, ein Mal in Russland auf Tour zu gehen. Der Rest wird sich dann zeigen." Das lassen wir jetzt einfach mal so stehen, ohne das weiter in aktuelle politische Kontexte zu setzen, denn "Moon Rally" ist ja lange vor der aktuellen Weltkrise entstanden.
Weitere Infos:
nicolefauxnaiv.com
www.facebook.com/NicoleFauxNaiv
nicolefauxnaiv.bandcamp.com
www.instagram.com/nicolefauxnaiv
www.youtube.com/watch?v=I__aNh5UaEQ
www.youtube.com/watch?v=danMEfkFljE
www.youtube.com/watch?v=OJLNUWUli34
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Aljona Olifirenko-
Nicole Faux Naiv
Aktueller Tonträger:
Moon Rally
(Bronzerat/Pias/Rough Trade)
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