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Konzert-Bericht
 
Gebremstes Drama

Lady Lamb
Tõth

Köln, Jaki
26.02.2020

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Lady Lamb
Als Aly Spaltro 2014 zum ersten Mal als Lady Lamb (damals noch mit dem Zusatz "the Beekeeper") auf unseren Bühnen unterwegs war, nachdem sie kurz zuvor ihr Debütalbum "Ripley Pine" herausgebracht hatte, präsentierte sie sich als unbändiger Wildfang und ihre Shows arteten regelmäßig in orgiastische musikalische Wirbelstürme aus. Heutzutage sieht Aly das alles ein wenig gelassener - zumal sie auf dieser Tour als Solo-Künstlerin unterwegs war. "Keine Angst, es wird heute Abend schon nicht kompliziert oder zu wild werden", beruhigte sie nämlich gleich zu Beginn die interessierten Fans, die den Weg trotz des "Hangover-Day" Aschermittwoch den Weg ins Kölner Jaki gefunden hatten. Es hatte freilich nicht nur Nachteile, dass die Show nach dem Ende der fünften Jahreszeit stattfand, die in Köln ja ganz besonders intensiv gefeiert wird - denn so hatte das Team des Jaki die Gelegenheit genutzt, von einer Party übrig gebliebene Palmen auf der Bühne als optisch reizvolles Backdrop für Aly und ihren Support Act, Alex Tõth aus Brooklyn, zu verteilen.
"Jetzt gibt es Lieder aus dem Wald", log Alex dann zu Beginn seines Solo-Sets. Dazu muss man wissen, dass der Wunderling aus New York ein arger Possenreißer ist. Sein Debütalbum heißt beispielsweise "Practice Magic And Seek Professional Help When Necessary" - und man konnte sich im Folgenden auch nie ganz sicher sein, ob Alex nun Magie praktizierte oder professionelle Hilfe anbot. Die verqueren Lyrics seiner Songs helfen da auch nicht weiter, denn der Mann hat es mit dem Jenseits: Gleich mehrere seiner Songs beschäftigen sich mit Vampiren, dem Gefühl im Grab zu vermodern oder mit der Problematik, dass man als Toter ja selbst dann keine Songs mehr spielen kann, wenn man diese auf Spanisch intoniert. Musikalisch erwies sich Alex dabei als vielseitige Tausendsassa. Seine - gerne auch mal mit Falsettstimme auf einer alten Kaufhausgitarre dahergeschranmelten - erstaunlich zugänglichen Indie-Pop-Hits reicherte er auch gerne mal mit vorproduzierten Backings an oder aber mit stilistisch durchaus breit gefächerten Trompetensoli (und das, obwohl ihm seine Trompete in Glasgow gestohlen worden sei und er nun mit einem schrottigen Ersatzmodell auskommen müsse). Durch Schmeichelei gelang es ihm dann auch noch, das Publikum als Chor für seinen neuen Song "Juliette" einzubinden. Alex heißt übrigens wirklich Tõth mit Nachnamen - wobei er die Tilde über dem "õ" nur verwendet, um klarzumachen, dass das langgezogen (und nicht kurz wie z.B. "moth" ausgesprochen wird.)

Wie schon gesagt, ging es Aly auf dieser Tour zu ihrem nach wie vor aktuellen Album "Even In The Tremor" nicht darum, ihre Rock-Roots weiter auszuloten, sondern sich auf die kontemplativeren Aspekte ihres Tuns zu konzentrieren und insbesondere die persönlicheren Themen, die sie in den Songs des Albums zum Ausdruck bringt, zu betonen. Deswegen überraschte es vielleicht auch nicht, dass Aly das Set mit "Young Disciple" das Set eröffnete - dem tatsächlich vielleicht sogar persönlichsten Stück des neuen Werkes. Denn in diesem Song geht es um heftiges Zeug: Bei einem Besuch in einem Fast-Food-Restaurant erklärte der jungen Aly nämlich beiläufig ihre Mutter, dass alle Menschen irgendwann sterben müssten und versuchte ihr Jesus Christus als Erleuchtung anzubieten, was bei Aly allerdings nicht auf besondere Gegenliebe stieß und ihre weitere Haltung im Leben entscheiden prägen sollte. Es sind Songs in diesem Tenor, die das Kernthema des neuen Albums ausmachen: Persönliche Erfahrungen, die Aly in relativ geradliniger Manier ins Songformat brachte - und dabei zuweilen auch für sie neue Wege einschlug, wie zum Beispiel im Fall des Songs "Deep Deep Love" - einer Allegorie auf die positiven Aspekte des Daseins, die aber vor allen Dingen dadurch überraschte, dass Aly erstmalig eine Art Pop-Refrain in ihren ansonsten ja gerne mal vertrackt und komplex dahermäandernden Songs platzierte. Diese verschiedenen Aspekte brachte Aly unspektakulär (mit fast clean gespielter E-Gitarre), aber im Detail durchaus virtuos dargeboten, unter einen performerisch überzeugenden Hut. Dass Aly bei dieser Show nicht auf das Gaspedal drückte, lag zum Teil aber auch daran, dass die gute von einem Husten gehandicapped war. "Wenn ich das Gesicht verziehe, heißt das nicht, dass ich wütend bin, sondern das es im Hals kitzelt und ich ein Husten unterdrücken will", erklärte sie - mehr oder minder vergeblich. Als sie etwa ihren älteren Song "Florence Berlin" anstimmte, fand sie sich genötigt, den Song mit einer Art Husten-Solo zu unterbrechen, im Rahmen dessen sie dann fast den Faden verlor. Nicht, dass das dem Charme des Ganzen wesentlich geschadet hätte, denn die Gelassenheit heutiger Tage führt nicht nur zu einem zurückhaltenderen Ansatz, sondern auch dazu, dass Aly sich als Performerin nicht aus der Bahn werfen lässt. Bei der Intensität machte sie freilich keine Abstriche, sondern legte sich insbesondere stimmlich voll ins Zeug und spielte sogar den Publikumswunsch "Crane Your Head" - obwohl sie befürchtete, dass dieses Stück ihr in ihrem Zustand ihren Stimmbändern den Rest geben könnte, wie sie scherzend meinte. Dem war dann freilich nicht so - auch deswegen, weil das Publikum das komplexe Stück ermunternd begleitete und Aly das eigentlich darin vorgesehene Band-Denoument mit einigen wenigen dynamischen Riffs und ein paar virtuosen Licks entsprechend auch alleine emulierte. Eine Folk-Musikerin ist aus Aly Spaltro trotz allem bei all dem nicht geworden - aber dennoch war es interessant, auf diese Weise auch ein Mal ihre versöhnlichere Seite als Performerin kennenlernen zu können.

Lady Lamb
NACHGEHAKT BEI: ALY SPALTRO

GL.de: Deine aktuelle LP "Even In The Tremor" gilt ja als deine persönlichste Scheibe bisher. Was hat sich für dich denn geändert - denn waren deine Songs nicht immer schon eine Art Tagebuch-Ersatz?

Aly Spaltro: Ja, meine Songs waren immer autobiographisch - das stimmt schon. Aber in der Vergangenheit, als ich jünger war, habe ich mehr darüber geschrieben, was ich von anderen Leuten erwartete. Es ging mir also darum, was ich nicht hatte und was ich haben wollte. Auf dieser neuen Scheibe geht es aber mehr um die Sachen, die ich mag - meine Freundin und meine Familie zum Beispiel. Es ist alles direkter. Es war auf jeder LP mein Ziel, direkter und präziser zu sein - das, was ich meine, konkreter zu sagen und weniger Metaphern zu verwenden und zum Punkt zu kommen.

GL.de: Gilt das nicht auch für die Musik? Denn es fällt ja schon auf, dass deine Stücke im Laufe der Zeit, wenn auch nicht weniger ambitioniert, dann aber doch zumindest geradliniger, weniger komplex und allgemein zugänglicher geworden sind. Ist dein Leben heutzutage vielleicht einfacher als früher?

Aly: Das hängt eher damit zusammen, dass ich doch sehr dramatisch war, als ich 18 oder 19 Jahre alt war und anfing meine Musik zu veröffentlichen. Ich war damals voller Gefühle und alles fühlte sich irgendwie dringlicher an als heute - und deswegen sind auch die älteren Songs ziemlich dringlich. Aber: Ich liebe nach wie vor lange Songs. Ich will noch nicht zu viel von meiner nächsten geplanten LP sagen - aber ich habe einige interessante Ideen und ich denke, dass ich auf der nächsten LP frei genug sein werde, die Songs auch wieder länger werden zu lassen.

GL.de: Nun ja - kurz sind ja auch die neuen Songs nicht gerade. Aber zugänglicher. Bei "Deep Deep Love" hast du ja sogar einen Pop-Refrain eingebaut. Hat das auch mit der neuen Direktheit zu tun?

Aly: Das ist eine gute Frage. Ich weiß es gar nicht, denn bisher habe ich ja noch nie Refrains geschrieben, denn das ist sehr schwer für mich. Ich habe das eher mal als Herausforderung gemacht. Das ist für mich ja alles andere als selbstverständlich - und ehrlich gesagt habe ich hier sogar versucht, mich in dem Fall mehr an die Konventionen zu halten. Ich schätze, mir ging es darum, als Musikerin zu wachsen und mich zu konzentrieren.

GL.de: Wonach suchst du eigentlich, wenn du einen Song schreibst?

Aly: Das mag sich jetzt komisch anhören, aber ein Song, den ich geschrieben habe, ist gut genug für mich, wenn er mich zum Weinen bringt. Nicht, weil ich so traurig bin, sondern weil ich bewegt bin und von diesem Gefühl der Erfüllung überwältigt werde - quasi wie eine Erlösung.

GL.de: Eine vielleicht dumme Frage: Aber wie schreibt man eigentlich Songs wie deine - die in den meisten Fällen eben nicht den Konventionen entsprechen?

Aly: Ich schreibe die Texte zuerst und dann die Musik. Ich schreibe niemals einen Song, wenn ich keine Texte habe, die mir wichtig sind. Deswegen dauert das bei mir auch alles immer so lange. Denn - ehrlich gesagt - ist mein Leben, wenn ich nicht auf Tour bin, ziemlich langweilig. Ich gehe spazieren und mache Abendessen - aber viel passieren tut da nicht. Dann brauche ich immer eine Weile, bis sich etwas Erwähnenswertes angesammelt hat. Das Schwierigste für mich ist also immer der Zweifel, ob ich vielleicht gar nichts zu sagen hätte. Ich muss lernen, nicht so zu denken. Und musikalisch kommt es immer drauf an. Ich arbeite meine Arrangements selber aus. Nehmen wir mal den ersten Track, "Little Flaws". Das war der erste Song, den ich nicht auf der Gitarre geschrieben habe. Es gibt eine Menge Synthies und Streicher und ich habe zuerst die Synthie-Linie geschrieben und die Melodie dazu gesungen. Dann habe ich mich für ein Tempo entschieden und dann habe ich die Drums eingespielt. Dann habe ich die Synthie-Linie neu eingespielt, die Stimmen dazu gepackt und dann das Arrangement ausgearbeitet.

GL.de: Kein Wunder, dass die Songs dann auch unübliche Strukturen erhalten. Was möchte uns eigentlich der Titel des Albums "Even In The Tremor" sagen?

Aly: Ich habe erst den Song gleichen Namens geschrieben - und dann den Titel gesucht. Für mich geht es dabei um den Gegensatz zwischen Ruhe und Chaos - und es gibt es zwei Interpretationsmöglichkeiten: Sagen wir mal mit dem Tremor ist ein Erdbeben gemeint. Dann geht es darum, in einem Erdbeben 'even' - also ruhig zu bleiben. Oder es könnte bedeuten, dass 'even' stattdessen als 'sogar' interpretiert wird und dann hieße es, dass man trotz eines Erdbebens seine Ruhe bewahren könnte.

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Surfempfehlung:
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Text: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-


 
 

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