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Konzert-Bericht
 
Sitzfleisch-Rock

Jettes
Shybits

Bonn, Harmonie
05.10.2020

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Jettes
Was tun mit liebgewonnenen Institutionen und Gewohnheiten in Corona-Zeiten? Nun: Gute Miene zum bösen Spiel machen, zum Beispiel. Zwar erreichte die Pandemie bereits die letzte Staffel der zwei Mal im Jahr in der Bonner Harmonie stattfindende Crossroads-Reihe des Rockpalastes im März - doch die war damals schon fast fertig. Und als nach dem Lockdown dann die letzte geplante Veranstaltung - weiland mit Suzan Köcher's Suprafon - anstand, entschloss man sich spontan, diese als Geisterkonzert ohne Publikum aufzuzeichnen.

Das war für die aktuelle Staffel aber nicht wirklich eine Option, denn schließlich geht es bei der Rockpalast-Reihe ja gerade um die Tatsache, dass hier Live-Musik präsentiert werden soll. Also dachte man sich für die Herbst-Staffel ein neues Konzept aus: Das Auditorium wurde im Rahmen des Möglichen als bestuhlte Veranstaltung inklusive Hygiene-Konzept und festen Plätzen ausgewiesen und der WDR nutzte alle Möglichkeiten der modernen Kameratechnik um sicherzustellen, dass die Veranstaltung auch ohne Kamera-Leute, (die unter normalen Umständen den Musikern sehr nahe wären), durchführen zu können. So waren die manuellen Kameras mit dem notwendigen Sicherheitsabstand zur Bühne in den hinteren Teil der Halle verbannt worden und die ansonsten am Bühnenrand platzierten, mobilen "Action-Kameras" waren durch zwei fernbediente, automatische Kameras ersetzt worden, die zum einen der Regie nach wie vor dramatisches Bewegungskino ermöglichten und zum anderen sogar auch den verbleibenden maximal 50 Zuschauern zudem einen ungewohnt unverstellten Blick auf die Bühne und ein allgemein entspanntes Konzerterlebnis erlaubten.

Die Frage ist allerdings, ob man sich Rockkonzerte wie jene von Jettes und den Shybits mit dem Anspruch anschaut, dieses besonders entspannt tun zu wollen. Diese und ähnliche Überlegungen mussten auch Conferencier Rembert Stiewe schwer beschäftigt haben, denn der brachte es eingangs fertig, Jettes mit dem Promo-Text für die Band Shybits anzukündigen. Das griff Laura Lee (nach der selbst erwählten Auszeit ihres musikalischen Partners Melody Connor zur Zeit die Frontfrau des inzwischen zum Bandformat aufgebohrten aufgebohrten Projektes Jettes) dann auch dankend auf und stellte Jettes dann scherzhaft tatsächlich als "Shybits aus Berlin" vor.

Jettes wurde ja weiland zum Zeitvertreib als Duo-Projekt von Laura Lee und Melody Connor gegründet, um "Gefühle und Geschichten mittels gemeinsamen Songwritings" zu teilen. Da Laura Lee hauptberuflich - neben Andreya Casablanca - bei der Berliner Band Gurr beschäftigt ist, diese allerdings gerade eine Auszeit bis zur für das nächste Jahr geplante zweite Album genommen hat und sich Melody Connor zudem auf seine Solo-Aktivitäten konzentrieren möchte, kam das Jettes-Projekt nun gerade recht, um Laura Lees musikalische Ambitionen über den Sommer, den Herbst und die Pandemie zu retten. Nicht nur, dass Jettes gerade eine Reihe von Live-Shows, unter anderem auf dem Reeperbahn Festival mit Laura Lee als Gitarre schwingende Frontfrau, gespielt hat (nachdem sie zuvor bei Jettes an den Drums gesessen hatte): Man nutzte die Quarantäne-Phase auch, um neue Songs zu schreiben - schon alleine um genügend Material für eine komplette Show zur Hand zu haben; denn bislang war ja nur die Sechs-Track-EP "Hockey Smile" und einige Coverversionen verfügbar. Freilich hatte ja bereits die EP die beachtliche stilistische Bandbreite des Jettes-Konzept deutlich gemacht. Irgendwo zwischen Schrammel-Power-Pop, Indie-Grunge-Sounds und klassischem Garagenrock hatten sich Laura Lee und Melody weiland positioniert. Auf der Bühne wird dann nicht mehr oder weniger als eine hinreißend kurzweilige Rock-Show aus der Sache, bei der Gitarrist Mark Lewis (der durch seine Zusammenarbeit mit Labelkollegin Laura Carbone auch nicht ganz unschuldig an der Gründungsmythologie von Jettes ist) die Gesangsparts von Melody Connor übernimmt - ansonsten aber alles auf Laura Lee zugeschnitten ist. Vor allen Dingen gibt es aber keine Experimente - dafür aber jede Menge Spielfreude. Das gehört auch zum Konzept von Jettes: Keine Innovationen, aber jede Menge Energie (das erklärte Laura Lee beim Reeperbahn Festival mit Bezug auf einen treffenden Zeitungsartikel). Der fehlende direkte Kontakt zum Publikum wurde dabei teilweise kompensiert durch Laura Lees wie gewohnt Punkt- und Kommaloses, aber durchaus amüsantes Bühnen-Geplapper. So fragte sie (ergebnislos) das Publikum nach erleuchtenden Rockpalast-Erfahrungen, machte darauf aufmerksam, dass bei dieser Show ja dem "Sitzfleisch" eine besondere Bedeutung zukomme, erklärte, dass sie gerade ihren 30. Geburtstag gefeiert habe, familienseitig unter Erfolgsdruck bezüglich anstehender Heirats- oder Nachwuchspläne stünde, es aber ihrerseits zur Zeit vorzöge stattdessen lieber neue Jettes-Songs wie "Cheap Wine" zu schreiben - oder auch für neue Familienmitglieder wie "Justine". Als die Shybits-Mitglieder (die bis dahin die Show von der Empore aus verfolgt hatten), den Saal verließen, um sich auf den eigenen Vortritt vorzubereiten, scherzelte Laura, dass die ersten Zuschauer jetzt wohl schon den Saal verließen. "Wie lang müssen wir denn noch?", rutschte es ihr nach einer Dreiviertelstunde dann raus - nicht, weil sie keine Lust mehr habe, sondern weil auf der Bühne das Zeitgefühl verloren ginge. Die sympathisch verpeilte Art passte dann sehr gut zu der locker aus den Ärmeln geschüttelten, ungezwungenen Art, mit der die international besetzte Band nicht die maximale Lautstärke oder gar musikalische Perfektion, sondern das muntere Miteinander ins Zentrum der Betrachtungen stellte. Natürlich gab es alle Hits von Jettes im Angebot und dann - zur Zugabe - noch zwei Coverversionen ("Undone" von Weezer und "Gigantic" von den Pixies). Mal sehen, wie das weitergeht - ein Jettes Album in nächster Zeit scheint zumindest im Bereich des Möglichen zu liegen.

Auch die Berliner Kollegen des Trios Shybits bereiten sich gerade darauf vor, ein Album einzuspielen - denn bislang sind auch sie nur mit einer EP (namens "Idiot Like You") veröffentlichungstechnisch präsent. Wie auch Jettes hatten die Shybits zuletzt auf dem Reeperbahn Festival gespielt und beschlossen mit der Rockpalast-Show ihre "Corona-Live-Saison". Das - nach einer Umbesetzung - mit dem Italienischen Bassisten/Sänger Piero Pecci, dem englischen Gitarristen/Sänger Liam Bradbury und nicht zuletzt der (nicht singenden) südafrikanischen Drummerin Meg Wright ziemlich babylonisch besetzte Trio ist - wie gesagt - zwar in Berlin ansässig, hat sich aber musikalisch mit Haut und Haaren einer gewissen US-Indie-Ästhetik verschrieben. In dem von Rembert dann gleich zwei Mal zitierten Promo-Text heißt es, dass die Band die "juvenile" Musikhistorie der letzten 50 Jahre plündere. Tatsächlich hat sich das Trio musikalisch aber so dermaßen auf den gut gelaunten, konsequent hysterisch und mit überbordender Begeisterung präsentierten, Schrammelpop-Sound konzentriert, dass man glatt glauben könnte, dieser Begriff sei speziell für die Shybits erfunden worden. Dabei geht es weder darum, sauber zu singen (schon gar nicht zusammen), noch darum, die Gitarre richtig zu stimmen. Das, was bei den Shybits wirklich zählt, ist Spielfreude, Energie und gute Laune (die freilich nicht auf den Keks geht). Das zahlt sich aus - denn während sich die (2018 noch in einer anderen Besetzung eingespielten) Power-Pop-Hits wie "Paint Stripper" oder "Let Down" in der Studio-Version noch mit einer gewissen Schnürsenkeligkeit präsentierten, rocken - Pardon: schrammeln - sich die Shybits heutzutage mit Routine und Druck (nur eben nicht artig und Regelkonform) auf der Bühne schnell in die Herzen der Rockfreunde. Wie auch im Fall von Jettes hätte mehr Nähe zum Publikum keineswegs geschadet und auch der Umstand, dass Tanzen und Mitsingen ja verboten waren, wirkte sich nicht förderlich aus - ABER: Im Rahmen des Möglichen machten alle Beteiligten das Beste aus der Situation, so dass - Sitzfleisch vorausgesetzt - am Ende tatsächlich ein unterhaltsamer Rock-Abend dabei heraus kam.

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Surfempfehlung:
jettes.bandcamp.com
www.facebook.com/jettesband
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www.facebook.com/HarmonieBonn
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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