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Keine Ursache

L - Raphaële Lannadère

Köln, Green Room
22.07.2021

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L
Neben dem Club Bumann & Sohn hat auch der Kölner Stadtgarten einen Weg gefunden, unter Pandemie-gerechten Bedingungen Konzerte zu veranstalten. Dort wurde ein Teil des rückwärtig gelegenen Biergarten-Bereiches des Stadtgartens zu einer überdachten, aber umzäunten Freiluft-Spielfläche namens "Green Room"umgewidmet. Nach dem langen Winter-Lockdown finden dort seit Juni Konzerte für das Bildungsbürgertum (oft aus dem Jazz-Sektor, aber auch aus den Bereichen Singer/Songwriter und Chanson) statt. Für den frankophilen Teil des Programmes zeichnet dabei das rührige Kölner Label Le Pop verantwortlich. Nachdem zuletzt Françoiz Breut und Matthieu Boogaerts aufspielten, gab es nun das erst zweite Konzert von Raphaële Lannadère (deren Künstlername schlicht "L"ist) auf deutschem Boden zu bewundern, das sie alleine mit ihrem Gitarristen Antoine Montgaudon absolvierte.
In Frankreich gehört L zu den absoluten Stars auf dem Sektor der zeitgenössischen Chanson-Kunst, füllt - wenn Corona das zulässt - auch größere Hallen und brillierte zuletzt mit dem Musical "Un Jardin de Silence", das ihrem Idol der Vorreiterin Barbara gewidmet ist (die in den 60ern auch hierzulande mit Chansons wie "Göttingen"reüssierte). Obwohl L seit 2008 tätig ist und im Frühjahr gerade ihr gefeiertes viertes Album "Paysages (Landschaften)" herausgebracht hat, gehört sie hierzulande eher noch zu den Geheimtipps - was aber in Köln aufgrund der dort vorhandenen frankophilen Community eh keine Rolle spielt: Das Konzert war selbstverständlich ausverkauft.

Es wäre aber auch für Gelegenheitshörer eher sinnlos gewesen, sich nun gerade über dieses Konzert mit dem Wirken von L bekannt machen zu wollen, denn während sich auf ihren LP-Produktionen ihre Kunst auch über die phantastischen, kammermusikalisch orchestrierten, organischen Arrangements erschließt, reduzierte sich der Vortrag in Köln aufgrund des doch sehr reduzierten Settings alleine auf den Inhalt von Ls Chansons. Und diesbezüglich hat L durchaus viel zu bieten, denn neben poetisch/philosophischen, lyrischen Selbstbespiegelungschansons hat sie vor allen Dingen Material mit deutlichem, feministisch/politischen Untertönen und einer Unzahl von konkreten Referenzen zu bieten. Um nur mal einige Beispiele zu nennen: "L'étincelle"(Der Funke) ist ein Song über das Engagement der französischen Schauspielerin Adele Haenel in dem Kollektiv "NousToutes", das sich dem Kampf gegen die Gewalt gegen Frauen verschrieben hat. Das mit dezenten nahöstlichen musikalischen Akzenten versehene "Femmes, vie, liberté" erzählt die Geschichte von Sakine Cansiz, der 2013 in Paris ermordeten Mitbegründerin der PKK. Das gegen Ende des ersten Sets gespielte "Orlando" beschäftigt sich mit dem homophoben Amoklauf von 2016 in einem LGTB-Club in Orlando, Florida - und andererseits mit der Ausrottung der Ureinwohner dortselbst. Und das als einzige Zugabe vorgetragene "Ta ville est belle" schließlich ist ein Portrait der Stadt Paris in der Zeit nach den Anschlägen im "Bataclan". In ihren persönlicheren Stücken widmet sich L hingegen gerne ihrer Familie. Das Chanson "La Meuse" (die Maas), das L etwa inspiriert durch ihre Großmutter Renée Antoine geschrieben hat, bezieht sich auf die Region, in der sie selbst aufwuchs. Einige dieser Anekdötchen erläuterte Raphaële zwischen den Stücken selbst - den Rest muss man sich dann allerdings zusammensuchen.

Musikalisch ist L weniger daran interessiert, etwas wirklich Neues zu erfinden, als vielmehr die die klassischen Chanson-Tugenden auf organische Weise behutsam in die Jetztzeit zu überführen. Wie gesagt macht sich das bei den Studioproduktionen durch ideenreiche, transparente und mit Streicher-Partien angereicherte Arrangements deutlich. "Normalerweise trete ich ja auch noch mit einem Schlagzeuger und zwei Streichern auf", erklärte Raphaële denn auch erläuternd. Nun waren aber eben diese Musiker nicht vor Ort - und so versuchte dann Antoine Montgaudon seinem ziemlich trockenes Gitarrenspiel mit einem Line 6-Effektgerät und Sampler irgendwie eine räumliche Dimension hinzuzuaddieren - allerdings mit mäßigem Erfolg. Denn zum einen spielte er seine Fender Jazzmaster zwar auch im Stile einer Jazz-Gitarre - was diese aber definitiv eigentlich trotz des Namens eigentlich gar nicht ist - und zum anderen ist das Klangspektrum des Line 6 auch denkbar ungeeignet, um Volumeneffekte zu erzeugen; so dass sich die Sache am Ende eher spröde und steril auswirkte. Hinzu kommt, dass Raphaële als Sängerin einen eher feinsinnigen, akkurat ausformulierten Vortragsstil demonstriert - der ebensoweit entfernt ist von jenem stimmgewaltiger Croonerinnen wie etwa einer Edith Piaf wie von dem hechelnden Geflüster jüngerer Zeitgenossinnen. Insgesamt wirkte der Vortrag dann eher überschaubar intensiv und eindringlich (zumal die ganze Anlage auch zu leise ausgesteuert schien).
Im Wesentlichen gab es so zwar eine gewiss faszinierende, interessante und auch ein wenig schillernde Vertreterin des modernen Chanson-Genres und deren brillantes und facettenreiches Material zu entdecken - als reines Live-Erlebnis ließ diese Veranstaltung dann unterhaltungsmäßig aber doch ein wenig zu wünschen übrig. Ach so: "Tant pis" heißt eines der allegorischeren Chansons von Raphaële (das sie gleich zu Beginn der Show spielte) - und das heißt auf Deutsch "Keine Ursache".

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
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