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Konzert-Bericht
 
In weiter Ferne, so nah!

Still Corners
Papercuts

Köln, Gebäude 9
12.04.2022

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Still Corners
Dass das Auditorium des Kölner Gebäude 9 schon beim Einlass von dichten Nebelschwaden eingehüllt war, hatte weniger mit neuen Corona-Auflagen und diesbezüglichen Desinfektionsmaßnahmen zu tun, sondern damit, dass der ganze Konzertabend am 12.04.2022 ganz im Fokus von modernen Psychedelia-Spielarten stand: Im Falle des Headliner Acts Still Corners aus London in einer etwas poppigeren Ausführung und im Falle des Support Acts Papercuts aus San Francisco ganz im Stile klassischer Westcoast-Psychedelia im Stile der seligen 60s. Und was gehört zur Psychedelia? Kunstnebel und Back-Projektionen. Und beides gab es bei der Show dann auch tatsächlich.
Es war ja gar nicht so abwegig gewesen, die Tour zum fünften Still Corners-Album "The Last Exit" für den Oktober 2021 anzusetzen - denn wer hätte vermuten können, dass gerade zu diesem Zeitpunkt die damals populäre Delta-Variante grassieren würde, die im Folgenden dann ja sogar zu einem neuen Lockdown führen würde, während man bis dahin davon ausgehen durfte, dass der Konzertbetrieb zu jener Zeit langsam wieder in Gang kommen könnte. Sei es drum: Ziemlich genau drei Jahre nach ihrer letzten Deutschland-Tour konnten Tessa Murray und Greg Hughes (und ihr Drummer Jack Gooderham) die Tour nun endlich nachholen.

Als Support hatten Still-Corners sich das Bandprojekt Papercuts des kalifornischen Songwriters, Multiinstrumentalisten und Produzenten Jason Quever mitgebracht. Nach einer längeren Papercuts-Auszeit hatte Jason in diesen Tagen sein neues Album "Past Life Regression" veröffentlicht. Nachdem Jason sich in den letzten Jahren vor allen Dingen als Produzent für seine Freunde Cass McCombs, Dean Wareham oder Beach House die Zeit vertrieben hatte, nutzte er sein Pandemie-Projekt für eine Rückbesinnung auf seine Frickler-Roots und spielte das neue Album praktisch alleine in seinem Heimstudio ein. Da es aber bei ordentlicher Psychedelia niemals um eigenbrötlerische Reduktion geht, sondern eher um ausuferndes, gerne chaotisches und opulentes Miteinander (oder doch zumindest "Gleichzeitig"), hätte ein Solo-Showcase des neuen Materials keinen Sinn gemacht. Ergo hatte Quever eine Gruppe sympathisch nerdiger Freaks versammelt, die alles daran tat, die 60s klanglich möglichst authentisch wieder aufleben zu lassen - dabei aber den Anforderung der Moderne auf eine stärkere Songorientierung dieser Musikrichtung durchaus Rechnung trug. Ansonsten bietet Quevers konzeptionell ja sowie alles, was gute Psychedelia braucht: Songs, die mit ihrem oft einzigen Riff mühelos und unterhaltsam die Vier-Minuten-Spielzeit abdecken, druckvollen Gitarrensound (in dem Fall von einer Epiphone-Gitarre), eine unerbittlich marschierende Rhythmusgruppe mit Hofner-Bass und ein Keyboard, mit dem sich Farfisa- und Bontempi-Sounds ebenso emulieren lassen wie etwa ein Spinett (in diesem Fall für sein Beatpop-Kinderlied "I Want My Jacket Back"). Insgesamt zeichnete sich die Papercuts-Show (die Jason mit dem etwas getrageneren, durchaus im Beach House-Stil angelegten, älteren Titel "Once We Walked In The Sunlight" zur Einstimmung eröffnete) durch eine gewisse Unerbittlichkeit aus. Denn alle Tracks bewegten sich in einem harmonisch, rhythmisch und melodisch durchaus nicht unähnlichem Setting, das höchstens mal in der Geschwindigkeit moduliert wird. Das ist aber keine Nachlässigkeit, sondern das Prinzip, nach dem diese Art von am besten Musik funktioniert. Denn ein bisschen Trance sowohl auf wie auch vor der Bühne muss schon sein (zur Not auch ohne bewusstseinserweiternde Zusätze) - und andere Acts (wie z.B. das Brian Jonestown Massacre oder Tess Parks) machen das ja auch und hinter diesen brauchen sich die Papercuts nun wirklich nicht zu verstecken.
Auch beim Headliner-Act Still Corners gab es dann noch Kunstnebel und psychedelische Nicht-Beleuchtung - aber mit einer anderen Gewichtung. Denn für die Bühnenshow hatten Tessa und Greg aufwendige Videos produzieren lassen, die im Hintergrund den an Dramatik eh nicht eben armen Auftritt nochmal effektiv unterstützten. Dass dabei oft Bilder von endlosen Landschaften zum Tragen kommen, die - wie die Videos - gerne mal mit Motiven wie aus amerikanischen Roadmovies augmentiert sind, gehört zum Konzept der Still Corners-Dramaturgie. Das mag auch daher rühren, dass Tess Murray ursprünglich mal aus Texas nach London emigrierte, und auf diese Weise einen Touch Americana-Mystik mit ins gemeinsame musikalische Programm brachte. Auch die Songs selbst kommen nicht ohne typische US-Romantik aus. Gleich der erste Track der Show etwa, "White Sands", bezeichnet einen Ort in den USA und oft geht es um das rastlose Herumreisen auf endlosen Fernstraßen. Mit der weiten Ferne hatten es die Still Corners an dem Abend sowieso: Bevor sie etwa den Titel-gebenden "Last Exit" erreichten, stand nämlich noch der neueste Still-Corners-Track auf der Setlist: Das epische "Far Rider" war gerade im Februar extra als Tour-Teaser veröffentlicht worden. Und diesem Song folgte dann gleich das Dire Straits-Cover "So Far Away". Tatsächlich enthielt die Setlist gerade für diejenigen, die eine Art Showcase der aktuellen LP erwartet hätten, einige Überraschungen: So gab es gleich zu Beginn eine zweite neue Single namens "Heavy Days" zu hören, die nicht auf "Last Exit" enthalten ist und diesem Song folgte dann mit Boy Georges "The Crying Game" ein weiteres Cover. Das letzte Drittel der Show enthielt dann gar keine neuen Songs mehr, sondern ältere Stücke wie "Strange Pleasures", "Downtown" oder "The Trip" (die sich auch oft genug mit dem Thema Herumreisen bestätigen).

Performerisch war die Show eine elegant durchgestylte und choreographierte Angelegenheit, bei der es statt spontaner Ausbrüche eine kontrollierte, leicht unterkühlte, aber enorm effektive theatralischen Inszenierung mit hypnotischer Wirkung zu bewundern gab. Die auch in der Musik von Still Corners stets anzutreffenden Americana-Bezüge werden dabei sowohl bei den Studio-Produktionen wie auch auf der Bühne durch die semi-elektrisch/digitale Präsentation in ein interessantes Licht gerückt. Vermutlich ist das auch der Grund, warum das Still-Corners-Publikum zwar teilweise, aber nicht ausschließlich aus Flanellhemdträgern, Spät-Hippies und Rockerbräuten besteht, sondern auch aus jüngeren Interessierten, die es nicht stört, dass Greg Hughes' mit großer Souveränität inszenierte Chris Isaak-Gedächtnis-Gitarre mit den ganzen digitalen Effekten ziemlich artifiziell klingt und denen auch nicht auffällt, dass die Bass-Partien komplett von der Konserve eingespielt werden. Das soll jetzt gar keine Kritik sein, denn als Gesamtkunstwerk funktionierte die Show des live zum Trio ergänzten Projektes durchaus effektiv und faszinierte auch gerade wegen des stylischen Treatments irgendwie. Darauf, eine besonders warme Verbindung zum Publikum aufzubauen, verzichteten Still Corners allerdings ganz dezidiert und (und aus pandemischen Bedenken auch wohl ganz bewusst) und zogen sich nach der Show kommentarlos zurück.

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Surfempfehlung:
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www.youtube.com/watch?v=ZuRsw0Jjj5g
www.youtube.com/watch?v=lk8ZJ_rwI1A
www.youtube.com/watch?v=FR5b0an3il0
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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Mehr über Still Corners:
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