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Immer mit der Ruhe!

Sweet Alibi

Duisburg, Privatkonzert
24.06.2022

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Sweet Alibi
Tatsächlich haben Michelle Anderson, Jess Rae Ayre und Amber Nielsen a.k.a. Sweet Alibi auf ihren neuen Album "Make A Scene" einen Song im Angebot, den sie "Slow Down" genannt haben. Wie Jess Rae bei dem Hauskonzert des Trios aus Winnipeg in der kanadischen Provinz Manitoba im beschaulichen Duisburg erklärte, haben Sweet Alibi den Song geschrieben, um anzuregen, angesichts des heutzutage sich immer schneller drehenden Informationsoverkill-, Krisen- und Katastrophenkarussells ein Mal innezuhalten, um der Seele eine Verschnaufpause zu gönnen. Dass der Song im Nachhinein aber eine ganz andere Bedeutung angenommen habe, da das Album ja genau in die Pandemie hinein veröffentlicht werden musste - wo sowieso alles zwangsweise innehalten musste -, war damals natürlich noch nicht abzusehen gewesen.
Auch nicht, dass dieser Track dann auch zu einem Sinnbild zu der wunderschön relaxten Wohnzimmer-Show werden würde, die das Trio in Duisburg spielte, bevor es im Anschluss weiter auf eine kleine Festival-Tour gehen würde, war so nicht geplant. Es traf aber zu: Das Trio, das heutzutage bei den Studioproduktionen - und normalerweise auch auf der Bühne - auf eine poppige, zuweilen druckvolle und weit weniger folkige Inszenierung ihres Material setzt als das zu Beginn der Fall war, setzte in Duisburg vor einem handverlesenen Publikum wieder ganz auf die Tugenden, die sie weiland als Gesangstrio zusammengeführt hatte. Und das, obwohl die Damen mit Drummer und Bassist angereist waren und mit bis zu drei Gitarren gleichzeitig agierten.

Als Konzession an den geänderten Ansatz (und wegen Transportproblemen) verzichtet die Multiinstrumentalistin Michelle Anderson heutzutage auf das Banjo, das früher das Material zusätzlich in eine folkige Richtung führte. Ein Nachteil war das nicht, da sie stattdessen als Rhythmusgitarristin mit einer Prise Funk für einen gewissen Soul-Touch sorgte und als Leadgitarristin mit einigen schönen Soli überrraschte. Während Michelle sich also auf die Gitarrenarbeit und den Harmonie-Gesang konzentrierte, teilten sich derweil Jess Arye und Amber Nielsen den Leadgesang - und erzählten auch jeweils auch die Geschichten zu den Songs. So zum Beispiel die von der Frau, die im Angesicht ihres drohenden Endes ihre Ersparnisse von der Bank abgehoben hatte und diese zu "Confetti" verarbeitete, um sich androhenden Erbstreitereien den Boden zu entziehen oder jene, in der Amber ihre Erlebnisse bei einem nicht so erquicklichen "9 to 5"-Job schilderte oder in "Walking In The Dark" den Tod ihrer Mutter verarbeitete. Will meinen, die eigenen Songs von Sweet Alibi sind - ungeachtet der musikalischen Interpretation - aus dem Leben gegriffen, wie sich das gehört.

Die Coverversionen, die die Damen trotz des Umstandes generös ins Programm einbauten, dass sie ja nun bereits vier LPs auf dem musikalischen Kerbholz haben, kommen aus der Tiefe der Musikhistorie und zeugen davon, dass die betont professionell agierenden Mädels selbst als Fans und Musikinteressierte unterwegs sind. Das wurde zwar noch nicht so deutlich, als sie "Dreams" von Stevie Nicks anstimmten (was aber erklärlich ist, denn der Track lebt ja einzig von dem Bemühen lebt, gesanglich etwas interessantes aus der eigentlich flachen Songstruktur herauszukitzeln), aber als sie dann etwa Dylans "Gotta Serve Somebody", Leonard Cohens "Almost Like The Blues", Sharon Jones' "Mama Don't Like My Man" und später diverse Tracks obskurer kanadischer Kollegen anstimmten, wurde mehr als deutlich, dass sich Sweet Alibi sich wohl selbst als forschende in Sachen Musik betrachten.
Wie gesagt, sind die Arrangements, die sich Sweet Alibi insbesondere auf den letzten beiden Alben auf den Leib produzieren ließen, dem Bemühen zu verdanken, sich von der Folk-Schiene, in die die Mädels abgekanzelt zu werden drohten, zu lösen (und die ganzen verschiedenen musikalischen Vorlieben der Damen unter einen Hut zu bringen, wie Michelle in einem Interview erklärte). Das mag nicht jedermanns Sache sein, da das Ganze nun wirklich ziemlich deutlich in eine zwar organische, poppige Richtung führt - sorgt aber auch dafür, dass Sweet Alibi (zumindest in Kanada) langsam einer größeren Öffentlichkeit bekannt werden. In Duisburg verzichteten Michelle, Jess und Amber - bis auf einige wenige eingespielte Keyboard-Passagen - auf unnötigen produktionstechnischen Schnickschnack und konzentrierten sich auf ihre Kerngeschäft, dessentwegen sie ja auch dereinst zusammen gekommen waren. Und das ist der ausgefeilte, handwerklich perfekt getimte aber keineswegs angeberisch oder aufdringliche inszenierte Harmoniegesang (in einem souverän relaxten, soulig pulsierenden, Gospel-trächtigen, Country-swingenden, Doo-woppenden oder bluesig groovenden musikalischem Setting auf handwerklich höchstem Niveau).

Fast zu schön eigentlich um wahr zu sein ist dabei der Umstand, dass sich auf einem solch professionellem Level bewegende Vollblut-Musikerinnen wie Sweet Alibi sich überhaupt noch dazu hinreißen lassen, in einer intimen Umgebung, wie es ein Hauskonzert nun mal darstellt, den Zuschauern auf Augenhöhe gegenüberzutreten. Es geht aber und funktionierte auch. All Jene, die aus Pandemiemüdigkeit oder allgemeiner Tranigkeit dem Konzert ferngeblieben waren, dürfen sich bitte gerne mal rechtschaffen in den Popo beißen.

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Surfempfehlung:
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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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