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Konzert-Bericht
 
Materialschlacht

Elena Steri
Kira Hummen

Köln, Die Wohngemeinschaft
21.10.2022

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Elena Steri
"Wir haben eine kleine Materialschlacht veranstaltet", warnt die Nürnberger Musikerin Elena Steri beim Betreten der Kölner Wohngemeinschaft anlässlich ihres "zweiten Releasekonzertes" für ihren Longplayer "Soft Trigger". Untertrieben hatte sie dabei nicht, wie sich im Folgenden herausstellte, denn die Bühne war sozusagen gepflastert mit Instrumenten aller Art und selbst das hauseigene Bühnenpiano war als Podest mit Beschlag belegt. Erklärlich war das aber schon, denn wer Elenas Debüt-EP "Chaotic Energie" oder die gerade erschienene LP kennt, der hätte schon erahnen können, dass man die Vielzahl musikalischer Ideen, die Elena offensichtlich im Kopf herumschwirren, nicht im Folk-Modus realisieren kann.
Es gab aber auch noch einen anderen Grund für den auf der Bühne versammelten Instrumenten- und Effektpedal-Overkill - und das war der Support-Auftritt von Elenas neuer Label-Kollegin Kira Hummen, die natürlich ihr eigenes Equipment mitgebracht hatte. Kira hat zwar bereits ein Debüt-Album namens "Growing Pains" vorzuweisen, spielte dann aber auch Material, das auf in Kürze erscheinende zweite Album "My Body Is My Only Place". Ähnlich wie das auch Elena Steri macht, vermittelt Kira Hummen ihre Empowerment-, Selbstfindungs- und Feminismus-Themen mittels ihrer autobiographisch markierten Songs - macht das aber auf eine im Vergleich gradlinigere Art und Weise. Während Elena nämlich ihre "Materialschlacht" nutzt, um ihre Visionen umzusetzen, macht Kira - ganz im Gegenteil - alles, um ihre Songs auf möglichst effektive Weise auf das Wesentliche zu reduzieren. Auf den Tonträgern macht sie das, indem sie ihre Songs mit wenigen elektronischen und gesampelten Rhythmen und Basslinien unterlegt, sich im Wesentlichen aber alleine auf Gesang und Gitarre verlässt - und auf der Bühne - abgesehen von wirklich ganz wenigen Ausnahmen - alleine auf Gesang und Gitarre. Da Kiras Songs auch einen eher jazzigen als poppiges Flair haben (in Bezug auf die Harmoniefolgen und die Handhabung die Gitarre betreffend), kommt der Vortrag ziemlich spröde rüber. Das versucht Kira durch empathische Zwischenansagen in gewisser Weise zu kompensieren (die dann auch etwas über die Künstlerin Kira Hummen verraten - etwa, dass sie einen Background als Orchestermusikerin hat) - was aber eigentlich auch wieder nicht notwendig ist, da man sich so besser auf die Texte konzentrieren kann.
Letzteres ist dann auch Elena Steri äußerst wichtig, denn insbesondere die Tracks ihrer LP ordnen sich einem größeren Themenkomplex unter, in dem es um Rollenbilder, Empowerment, Selbstfindung, besonders aber auch Selbstbestimmung geht. Vielleicht deswegen unterliegt ihre Performance einer ausgefeilten Dramaturgie - wobei sie die live gespielte Musik mit eingespielten Soundbits, Soundeffekten und im Hintergrund abgespielten Projektionen mit Szenen aus ihren aufwendig im Spielfilm-Stil produzierten Musikvideos synchronisiert. Zu der o.a. Dramaturgie gehört dann auch ein ständiger Wechsel der Instrumente. Spontan wurde neben den eh schon vorhandenen Keyboards und Pads auch das hauseigene Bühnenpiano eingebunden und zum Ende der Show wechselte Elena auch von den Effektgeräten, Samples und Keyboards zur Gitarre. Das erklärte dann auch, dass Elena nicht mit handelsüblichen Monitoren zurechtkommt, sondern die Show mittels dicker Kopfhörer eher wie eine Dirigentin denn als klassische Frontfrau vom Rand der Bühne aus leitete. Die Setlist spiegelte dann in etwa das wider, was Elena auch auf der LP ausdrückte - nur nach musikalischen und nicht nach inhaltlichen Gesichtspunkten sortiert. In dem Song "Error 404" etwa beschäftigt sich Elena mit einem (im Digitalen?) verlorenen Körpergefühl, im "Mailman" geht es um sich verselbständige Angstzustände und in "That's What He Thought" versetzt sich Elena gar in die Gedankenwelt eines den Rollenklischees erlegenen Mannes. Dass das alles leichtfüßig und unterhaltsam rüberkam, spricht natürlich für Elena als Performerin, Dramaturgin und Entertainerin - denn es hätte sich ja alles auch mit dem Holzhammer und predigend unter das Volk bringen lassen können. Besonders einfühlsam wurde es dann, als sich Elena ans Piano setzte oder - im Falle von dem teilweise auf italienisch vorgetragenen "Girasole" - auch ihre Songwriter-Basis bemühte.

Bis auf die komplett von der Harddisk eingespielten Streicher-Arrangements des "Mailman"-Songs schaffte es die Band dann auch, die komplexen Arrangements der von immerhin vier ProuzentInnen gestalteten Studioaufnahmen auf der Bühne mit Leben zu erfüllen. Aufgrund der durch die Materialschlacht eingeschränkten räumlichen Möglichkeiten auf der Bühne lief die Show allerdings nicht so bewegungsaktiv ab, wie etwa bei Elenas Show auf dem Reeperbahn Festival - jedoch ließ sich die Band es sich nicht nehmen, bei Elenas "Wut-Song" namens "Not Gonna Lie" auch ein Mal den Rockmodus einzuschalten. Das alles lief ab wie ein gut geöltes Uhrwerk - was insofern bemerkenswert war, als dass die Band in dieser Zusammensetzung vor der Tour nur ein Mal zum üben zusammengekommen war und somit als "nicht gerade überprobt" ins Rennen gegangen war. Kurzum: Wer nach Künstlerinnen sucht, die im Studio wie auf der Bühne mutig die Grenzen des Üblichen über den metaphorischen Tellerrand hinausschieben, der ist bei Elena Steri an der richtigen Adresse.

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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